INFLATION - Erstmals seit mehr als 20 Jahren sinken die Preise in Deutschland. Das ist gut für Konsumenten und Sparer.

Mehr Ware fürs Geld

Sebastian Wolff
4 Min

BERLIN. Verbraucher können sich freuen: Das Leben in Deutschland ist billiger geworden. Im Vergleich zum Juli 2008 sind die Preise in diesem Monat laut Statistischem Bundesamt im Durchschnitt um 0,6 Prozent gefallen. Damit war die Inflationsrate in Deutschland erstmals seit mehr als 20 Jahren rückläufig: Zwischen April 1986 und April 1987 hatte die Inflationsrate jeden Monat zwischen null und minus ein Prozent gelegen. Im Vergleich zum Vormonat Juni sanken die Preise um 0,1 Prozent. Nun fürchten manche, dass dies der Vorbote einer Deflation sein könnte - mit dramatischen Folgen für die Wirtschaft. Die Berliner Zeitung klärt auf.----Warum sind die Preise rückläufig?Wichtigste Ursache ist der drastische Preisverfall bei Mineralölprodukten und einigen Nahrungsmitteln, der im August vergangenen Jahres einsetzte. Grund dafür wiederum ist der Einbruch der Weltkonjunktur, der die Nachfrage nach Öl auf einen Schlag einbrechen ließ. Bei Nahrungsmitteln, aber auch bei Öl, hatte sich zudem eine Spekulationsblase gebildet, die zu diesem Zeitpunkt platzte. Rechnet man diese beiden Produktgruppen aber heraus, wären die Verbraucherpreise im Juli um 1,3 Prozent gestiegen.Werden die Preise nun auf Dauer fallen, und bekommen wir womöglich sogar eine Deflation?Experten rechnen zwar auch in den kommenden Monaten mit sinkenden Preisen. Doch von einer Deflation - also einem längeren Preisrückgang auf breiter Front - geht nur eine Minderheit aus. So erwartet Commerzbank-Ökonom Simon Junker ab Herbst schon wieder moderate Preissteigerungen. "Nimmt man Energie und Lebensmittel heraus, steigen die Preise sogar merklich", so Junker. Auch Goldman-Sachs-Ökonom Dirk Schumacher befürchtet keine Deflation: "Davon sind wir weit entfernt. Das ist kein Alarmzeichen." Stattdessen hebt er auf die positiven Aspekte der sinkenden Preise ab: "Sie stärken das Verbrauchervertrauen und die Kaufkraft. Das stützt den Konsum." Ähnlich argumentiert Klaus Schrüfer von der SEB-Bank: "Inflation wird auf absehbare Zeit kein Thema sein, auch Deflation nicht. Wir haben derzeit sehr hohe Preisstabilität." Das sei ein Grund für das derzeit gute Konsumklima.Gegen eine Deflation sprechen auch schon die Zahlen: So sind die Preise im Vergleich zum Juni nur noch um 0,1 Prozent gefallen. Das deutet daraufhin, dass der Tiefpunkt bei der Preisentwicklung bald erreicht ist. Auf lange Sicht gehen viele Ökonomen sogar wieder von deutlich höheren Preissteigerungsraten aus. Denn zur Stützung der Konjunktur hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Geschäftsbanken mit Geld geflutet. Eine steigende Geldmenge bei gesunkener Menge an produzierten Gütern müsse auf Dauer zwangsläufig zu Inflation führen, argumentieren sie. Deshalb wird viel davon abhängen, ob es der EZB gelingt, rechtzeitig die Geldmenge zurückzufahren, wenn die Konjunktur wieder anspringt.Wirken sich niedrigere Preise auf Sparer und Kreditnehmer aus?Bei rückläufigen Preisen sind selbst die derzeitigen Mini-Zinsen von rund 1,5 Prozent, die viele Banken ihren Kunden derzeit nur noch gewähren, für Anleger vergleichsweise attraktiv. Denn real - also unter Berücksichtigung der Inflationsrate - steigt die Rendite bei sinkenden Preisen. Das Ersparte wird nicht wie in normalen Zeiten durch Geldentwertung aufgezehrt (siehe Artikel unten). Umgekehrt werden in einer solchen Phase faktisch Kredite teurer, weil die Kreditnehmer real für Zins und Tilgung mehr aufbringen müssen - auch wenn der nominale Zinssatz konstant bleibt.Müssen die Arbeitnehmer nun auch mit sinkenden Löhnen rechnen?Das ist möglich. Die Arbeitgeber haben gerade angekündigt, dass Lohnsenkungen in einigen Branchen wegen der massiven Geschäftseinbrüche notwendig werden könnten. Die Verbilligung von Waren liefert ihnen hierfür ein gutes Zusatzargument. Denn dadurch würde die durch Lohnsenkungen schwindende Kaufkraft teilweise kompensiert. Ganz so schlimm muss es aber nicht kommen. In den meisten Branchen dürften die Löhne nur stagnieren oder leicht steigen.------------------------------Positiver Nebeneffekt der KriseNachfrage: Die sinkenden Preise in Deutschland sind auch ein positiver Nebeneffekt der Wirtschafts- und Finanzkrise. Denn diese ließ die weltweite Nachfrage nach Ölprodukten - und damit auch deren Preise einbrechen. So betrug die Teuerungsrate im Oktober vergangenen Jahres noch 2,4 Prozent. Jetzt liegt sie bei minus 0,6 Prozent.Prognose: Die meisten Ökonomen gehen nun von einer längeren Phase der Preisstabilität aus. Eine Deflation - also stark fallende Preise - befürchten nur noch wenige.------------------------------Grafik: InflationsrateFoto: Schnäppchenzeiten in Deutschland: Vor allem die Verbilligung von Energie hat dazu geführt, dass das Preisniveau im Juli gesunken ist.

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