BERLIN. Erstmals seit Einführung der Währungsunion vor zehn Jahren sind die Verbraucherpreise im Euro-Raum zurückgegangen - wenn auch nur leicht: Im Juni sanken sie um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das europäische Statistikamt Eurostat gestern in einer ersten Schätzung mitteilte. Grund dafür ist in erster Linie ein Preisrutsch bei Energie. Im vergangenen Jahr waren die Energiepreise noch kräftig gestiegen und hatten im Sommer 2008 die Inflationsrate in der Euro-Zone auf das Rekordhoch von 4,0 Prozent getrieben.In Deutschland sind die Preise im Juni, anders als ursprünglich erwartet, noch leicht gestiegen. Experten gehen aber davon aus, dass es ab Juli auch hierzulande rückläufige Preise geben wird. Was folgt daraus für Wirtschaft und Verbraucher? Droht nun die gefürchtete Deflation? Die Berliner Zeitung gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.----Wie lange werden die Preise sinken?Ökonomen rechnen damit, dass die Lebenshaltungskosten ungefähr bis September sinken werden. Von entscheidender Bedeutung ist aus ihrer Sicht die weitere Entwicklung des Ölpreises. Zwar kostet ein Fass derzeit nur noch etwa halb so viel wie vor einem halben Jahr, doch hat sich der Ölpreis seit seinem Tiefstand im Frühjahr schon wieder verdoppelt - obwohl die Konjunktur noch gar nicht angesprungen ist. Wegen der schwachen Nachfrage angesichts der schweren Wirtschaftskrise erwarten die meisten Beobachter in den nächsten Monaten allerdings wieder einen Rückgang beim Ölpreis. Zudem werde es Unternehmen zunehmend schwerer fallen, höhere Preise am Markt durchzusetzen. Beides spreche für weiter rückläufige Preise in den nächsten Monaten.Wie wirken sich sinkende Preise für Sparer und Kreditnehmer aus?Für Sparer sind sinkende Preise ein Segen. Denn die Zinsen, die sie für ihre Geldanlagen bekommen, werden nicht mehr durch Inflation aufgezehrt. Die Sparer haben also real mehr von ihren Erträgen. Allerdings sind die Zinsen für Sparformen, die als sehr sicher gelten, im Moment auch sehr niedrig. Experten raten deshalb aktuell davon ab, Gelder langfristig zum derzeit niedrigen Zins festzulegen - etwa in zehn Jahre laufende Bundesanleihen. Sobald die Zinsen nämlich wieder anziehen, fallen die Kurse solcher Wertpapiere. Aus Sicht von Kreditnehmern spielen die niedrigen Inflationsraten dagegen in der Regel keine große Rolle. Die derzeit niedrigen Zinsen kommen ihnen aber entgegen.Werden nun nach den Preisen auch dle Löhne sinken?Das ist möglich. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Löhne stagnieren oder nur noch leicht steigen. Denn die Arbeitgeber sitzen bei Lohnverhandlungen nun am längeren Hebel. Zudem ist ihr Spielraum für Lohnsteigerungen angesichts der schwachen konjunkturellen Lage sehr gering.Kommt es zu einer Deflation?Eine Deflation ist nach Ansicht der meisten Experten noch schlimmer als eine starke Inflation. Denn gehen die Preise auf breiter Front zurück, könne das dazu führen, dass die Verbraucher geplante Anschaffungen aufschieben, weil sie damit rechnen, dass sie die Produkte später noch billiger bekommen. Unternehmen wiederum könnten geplante Investitionen aus dem selben Grund zurückstellen. Die Folge wäre, dass die Firmen wegen ihrer einbrechenden Umsätze im großen Stil Entlassungen durchführen, was sich wiederum negativ auf Konsum und Investitionen auswirken würde. Im schlimmsten Fall kommt die wirtschaftliche Tätigkeit am Ende zum Erliegen - der Kollaps droht.Für wie wahrscheinlich halten Experten ein solches Schreckensszenario?Manche Ökonomen, wie der Wirtschaftsweise Peter Bofinger, rechnen tatsächlich mit deflationären Tendenzen in Deutschland und in der Euro-Zone. So zählt Bofinger zu denjenigen, die davon ausgehen, dass die steigende Arbeitslosigkeit zu rückläufigen Löhnen führt. Und weil die Löhne der wichtigste Einflussfaktor für die Preisentwicklung seien, rechnet der Wirtschaftsforscher nun für längere Zeit mit einer deflationären Tendenz in Deutschland.Bofinger vertritt allerdings eine Minderheiten-Position. Die meisten Ökonomen gehen nicht von einer Deflation aus. So erwartet Thomas Straubhaar, Chef des Hamburger Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI, dass es in den kommenden Jahren angesichts eines wieder anziehenden Wirtschaftswachstums sogar zu einer Rückkehr der Inflation kommt. Dazu würden auch die hohen staatlichen Milliardensummen beiragen, die der Staat und die Notenbanken derzeit zur Belebung der Konjunktur in die Märkte pumpen.Mittelfristig rechnet Straubhaar mit Inflationsraten von deutlich über fünf Prozent in Deutschland. Auch die Löhne würden trotz steigender Arbeitslosigkeit schon bald wieder nach oben gehen. Der Konjunkturchef des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft, Michael Grömling, hält die Angst vor einer Deflation ebenfalls für unbegründet. Die negative Teuerungsrate im Juni sei vor allem eine Folge der sinkenden Rohstoffpreise. "Das ist kein Signal für ein Verfall der Güterpreise", sagt der IW-Experte. Zudem sei trotz des konjunkturellen Einbruchs die Anschaffungsneigung der Verbraucher bislang nicht zurückgegangen. Auch das spreche gegen eine aufkommende Deflation.------------------------------Foto: Anreize zum Kaufen setzen - Modegeschäft in Mailand.
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