PEKING. Chinas Wirtschaftsboom nimmt kein Ende. Um eine Überhitzung der auf Hochtouren laufenden Konjunktur zu verhindern und die Inflation zu dämpfen, hat gestern die "Bank des Volkes" die Leitzinsen schon zum dritten Mal in diesem Jahr erhöht. Erst am Vortag hatten die chinesischen Statistiker berichtet, dass die Wirtschaft des Landes auch im zweiten Quartal rasant gewachsen ist: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg um sagenhafte 11,9 Prozent, so schnell wie seit zwölf Jahren nicht mehr. "Der Abstand zu Deutschland wird kleiner", frohlockte Statistik-Sprecher Liu Xiaochao. Spätestens zum Jahresende dürfte die Volksrepublik Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt - nach den USA und Japan - überholt haben.Beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht man dies jedoch gelassen: "Wir sollten diese Ranglisten nicht überbewerten", sagte BDI-Geschäftsführer Klaus Bräunig. "Wichtiger als die Gesamtergebnisse sind die Pro-Kopf-Werte", sagt Bräunig. Hier liege China noch weit hinter Deutschland.Deutschland profitiert2009 dürfte die Volksrepublik auch den Titel des "Exportweltmeisters" von Deutschland übernehmen. Dies ist laut BDI nicht unbedingt ein Problem, denn Deutschland profitiere überdurchschnittlich von Chinas Wachstum. Langfristig allerdings "könnte es für Deutschland auf Grund der zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtung innerhalb Asiens schwieriger werden, diese Märkte von außen zu erschließen", so ein BDI-Experte.Sorgen macht das rasante Wachstum vor allem der chinesischen Führung. So zeigen die jüngsten Statistiken, dass Chinas Bemühungen zur Abkühlung der Konjunktur weiter ins Leere laufen. Peking hat längst erkannt, dass das derzeitige Wachstumsmodell nicht nachhaltig ist, denn es stützt sich zu sehr auf Exporte und Investitionen und zu wenig auf den Binnenkonsum.Im ersten Halbjahr steigerte Chinas Industrie ihre Produktion um 18,5 Prozent. Die Sachinvestitionen schossen um 25,9 Prozent in die Höhe. Der Handelsüberschuss - ein Dauerstreitthema zwischen Peking und westlichen Regierungen, vor allem den USA - stieg weiter und erreichte im Juni den Rekordwert von 27 Milliarden Dollar.Mit dem Boom steigen jedoch auch die Preise - und dies birgt sozialen Sprengstoff, denn die Teuerung trifft vor allem die arme Landbevölkerung hart. Der Verbraucherpreisindex lag im Juni 4,4 Prozent über dem Vorjahreswert. Chinas Zentralbank reagierte auf die Zahlen gestern mit einer Zinserhöhung. Der Satz für einjährige Darlehenszinsen wurde von 6,57 Prozent auf 6,84 Prozent angehoben. Die Zinsen für einjährige Spareinlagen steigt von 3,06 Prozent auf 3,33 Prozent. Auch die Rücklagebestimmungen für Banken waren in diesem Jahr bereits erhöht worden, um dem Wirtschaftskreislauf Geld zu entziehen und den Boom zu dämpfen.Chinas größtes Problem neben der Überhitzung sind die Umweltschäden, die das hohe Wachstum verursacht. Ein neue Studie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kommt zu dem Ergebnis, dass allein in Chinas Städten im Jahr 2020 jährlich 600 000 auf Umwelteinflüsse zurückzuführende Todesfälle sowie 20 Millionen Fälle von Atemwegserkrankungen drohen, wenn nicht umgesteuert wird. Rund 300 Millionen Menschen trinken heute Wasser, dass nicht den Standards der Weltgesundheitsorganisation entspricht.Umwelt wird vergiftetEine Untersuchung der Weltbank war kürzlich zu dem Ergebnis gekommen, dass schon heute landesweit jährlich 750 000 Todesfälle auf Umwelteinflüsse zurückzuführen seien. Chinas Regierung hatte versucht, die Veröffentlichung der brisanten Zahl mit allen Mitteln zu verhindern. (mit xsvo.)------------------------------Risiken der HochkonjunkturDaueraufschwung: Seit einigen Jahren wächst Chinas Wirtschaft um über zehn Prozent. Zum Vergleich: Im laufenden Jahr dürfte das Welt-Wirtschaftswachstum bei rund fünf Prozent liegen.Gefahren: Der Boom bringt auch Gefahren mit sich. So droht unter anderem eine Überhitzung bei den Investitionen: Zu viele Fabriken und Anlagen werden errichtet, die sich als unrentabel erweisen, wenn das Wachstum dereinst wieder nachlässt.------------------------------Grafik: Wirtschaftswachstum China (1999-2007)------------------------------Foto: Bauarbeiter in luftiger Höhe in Schanghai: Die vielen neuen Wolkenkratzer stehen für den Wirtschaftsboom.
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