Mit Konzerten in der Philharmonie geht nun die erste Saison von Ingo Metzmacher als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO) zu Ende. "Von deutscher Seele" war das Saisonthema, deutsche Sommernachtsträume stehen zum Abschluss auf dem Programm, beide von William Shakespeare inspiriert: die 8. Sinfonie von Hans Werner Henze und die Schauspielmusik zum "Mittsommernachtstraum" von Felix Mendelssohn Bartholdy. Wir trafen uns vorab mit Ingo Metzmacher zum Rück- und Ausblick.Herr Metzmacher, "Von deutscher Seele" war das Thema der vergangenen Saison. Sie haben gesagt, dass Sie die Stücke mögen, die Debatten anstoßen. Ist es Ihnen gelungen, eine Debatte auszulösen, abgesehen davon, dass Ihr Engagement für den Antisemiten Hans Pfitzner zu den erwartbaren Protesten führte?In dieser Form hätte ich das nicht erwartet. Ich hätte mir gewünscht, dass man stärker auf Pfitzners Musik, auf die von uns aufgeführte Eichendorff-Kantate "Von deutscher Seele" eingeht.Aber wo hat es denn das letzte Mal eine Debatte gegeben, die sich wirklich um Musik drehte?Ich hab's ja versucht. Es ist nicht ganz so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt habe, und das hat mich auch nachdenklich gemacht. Man muss offenbar die Kommunikation noch besser vorbereiten. Ich finde die Frage nämlich noch immer interessant: Was ist das Deutsche an der Musik? Nicht, dass ich missverstanden werde: Ich liebe auch Musik, die nicht deutsch ist, die französische und die russische. Es gibt aber so einen bestimmten Tonfall, den kann ich auch nicht in Worte fassen, aber dem fühle ich mich besonders nah.Hat das was mit Innigkeit zu tun?Ja.Muss man das mit einer bestimmten Haltung spielen?Ich hatte einen Vater, der vom Alter her mein Großvater sein könnte, der wiederum einen sehr alten Vater hatte - ich habe da also altes Blut in mir. Mein Vater hat in Leipzig studiert, und von ihm hörte ich immer wieder Worte wie "Demut" und dass es eine "Gnade" sei, musikalisch zu sein. Aus den "Musikalischen Haus- und Lebensregeln" von Robert Schumann hat mir mein Vater ins Poesiealbum geschrieben: "Spiele immer, als hörte dir ein Meister zu", das erzieht zu einer bestimmten Haltung.Wie würden Sie sich eine Debatte wünschen, wo soll sie stattfinden?Bei unserem nächsten Saison-Thema "Aufbruch 1909" liegen die Parallelen zwischen Musik und Bildender Kunst auf der Hand. Ich hatte angeregt, dass man eine Ausstellung dazu veranstaltet. Aber das hat leider nicht verfangen, wir sind da vermutlich als Partner nicht stark genug. Aber ich bin ein streitbarer Mensch und werde das weiter versuchen. Es ist doch wichtig, dass man über einen musikhistorisch so folgenreichen Moment wie 1909 nicht nur liest, sondern dass man erlebt, was da los war.Aber hat sich das Pathos des Neuen aus dem Jahr 1909 nicht längst verbraucht? Das doch ein Kalauer geworden.Finden Sie?Das lockt keine Maus mehr hinterm Ofen vor!Wenn Sie von Arnold Schönberg die spätromantische "Verklärte Nacht" und dann gleich danach die "Erwartung" von 1909 hören, dann müssen Sie doch zugeben: Dieser Schritt, den der Mann da gemacht hat, ist einfach unglaublich! Ich werde so oft gefragt, warum moderne Kunst so einen Erfolg hat und die neue Musik überhaupt nicht. Wenn man das begreifen will, muss man an den Ursprung zurückgehen. Schönberg hat doch nicht "Verklärte Nacht" geschrieben und dann gedacht: Geht nicht mehr, ich mach jetzt Zwölftontechnik. Es gab dazwischen einen Moment, wo alles möglich war. Im Grunde ist die Frage, die Schönberg gestellt hat, noch immer nicht beantwortet: Wie halte ich es mit der Tonalität oder in der Folge überhaupt mit den Systemen? Jeder muss sich heute sein eigenes System, seine eigene Sprache schaffen. Das ist an Schönberg die große Herausforderung.Das Gespräch führten Jan Brachmann und Peter Uehling.Konzerte in der Philharmonie: Fr, 20 Uhr, Mo 20.30 Uhr. Tel: 20 29 87 11.------------------------------Foto: Ingo Metzmacher, Jahrgang 1957, wurde im Sommer 2007 Chef des DSO.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]