Der elfjährige Leon* sitzt im Büro von Inpeos in Chemnitz. Der Sozialverein in der Müllerstraße gilt in der Stadt als gefragtes Kompetenzzentrum für Gewalt- und Drogenprävention, für Hilfen zur Erziehung und Arbeit mit straffällig gewordenen Jugendlichen, nicht selten mit Migrationshintergrund. Leon ist mit seiner Mutter gekommen, weil sie sich Sorgen macht. „Er sagt, er will nicht mehr in die Schule gehen. Ich denke ja, dass er gemobbt wird“, sagt seine Mutter Katrin H.*.
Viele Kinder sind negativen Einflüssen ausgesetzt (Symbolbild). Schlechte Schulleistungen oder Schulverweigerung geht es bei Inpeos in Chemnitz systemisch an die Wurzeln.
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Daniela Fritsch sitzt auf der anderen Seite des Tisches. Eigentlich leitet sie als Geschäftsführerin die Geschicke des Vereines. Aber aufgrund der überschaubaren Größe - 22 Sozialarbeiter arbeiten hier in fünf Projekten - ist die Chefin auch selbst in die Projektarbeit eingebunden. Leon kennt man im Verein, denn im Rahmen einer internen Fallbesprechung ploppte sein Fall schon vor fast einem Jahr erstmals auf. In seiner Grundschule, in der inpeos die Schulsozialarbeit organisiert, war er wegen seines Verhaltens auffällig geworden.
„Das erste Gespräch findet immer mit dem betroffenen Kind und den Eltern statt. Danach kann sich das Kind entscheiden, ob es mit uns allein weiterarbeiten mag“, sagt Daniela Fritsch. Die Ergebnisse würden dann gemeinsam an die Eltern herangetragen. Leons Geschichte stellt sich am Ende ein wenig anders dar, als es anfangs scheint. Mit Mobbing hat sein Fall rein gar nichts zu tun. „Dieses Phänomen ist in den letzten Jahren gewachsen, aber im konkreten Fall, ging es um etwas anderes“, erläutert Daniela Fritsch später. Ein Blick auf die Familiensituation habe letztlich zur Wurzel der geplanten Schulabstinenz geführt.
Leon hatte Angst um seine Mutter. Täglich gab es Streit zwischen den Eltern, die derzeit beide keiner Arbeit nachgehen. Mutter Katrin ist in Therapie wegen einer psychischen Erkrankung und ihr Mann, ein Beamter, ist ebenfalls langzeiterkrankt derzeit daheim. „Leon machte sich Sorgen um seine Mutter, weil der Streit zu eskalieren drohte. Er wollte sie beschützen“, sagte die Fachfrau für Gewaltprävention.
Nun erfolgt demnächst ein gemeinsames Familiengespräch mit der Intention, die Familie an eine Familienberatungsstelle zu vermitteln. „Wir haben in Chemnitz ein sehr gut aufgestelltes Netzwerk von Hilfsangeboten, kooperieren eng mit anderen Trägern “, sagt Daniela Fritsch und verweist auf einen gut besuchten Fachtag zu Biografiearbeit, den der Verein zuletzt organisiert hatte.
Acht Jahre Prozess: DGSF-Empfehlung für Inpeos-Verein
Rund hundert Personen waren gekommen - Menschen aus der Verwaltung ebenso wie aus kooperierenden Vereinen. Und: Die Deutsche Gesellschaft für systemische Familientherapie und Beratung (DGSF), der größte deutsche Dachverband systemischer Therapeuten und Institute, hat den Inpeos-Verein als erste Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe in Ostdeutschland mit ihrem Qualitätssiegel ausgezeichnet.
Beim Fachtag „Zwischen Herkunft und Zukunft“ im Kraftwerk Chemnitz wurde das Zertifikat überreicht. „Es ist für uns die Anerkennung eines gemeinsamen Weges und zugleich der Beginn eines stetigen Prozesses der Qualitätssicherung“, sagten Marc Ludwig und Anja Hippmann vom Vorstand des Inpeos-Vereines. Die Empfehlung gilt fünf Jahre.
Ein achtjähriger Weg ging zuende: Inpeos-Geschäftsführerin Daniela Fritsch nahm von Verbandschef Martin Diem sowie der früheren DGSF-Vorständin Michaela Herchenhan und Gabriele Bachem-Böse das Empfehlungssiegel entgegen.
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Die erste Idee, die Vereinsprojekte zertifizieren zu lassen, hatte Daniela Fritsch, die selbst systemische Beraterin und Supervisorin ist, schon 2018. Ab 2022 begann der Verein damit, gemeinsam mit dem Dresdner Institut Kwerenzia, die Mitarbeiter in den Grundlagen des systemischen Arbeitens zu schulen. Die entsprechende Fortbildung mit je 90 Unterrichtseinheiten wurde 2023 abgeschlossen. Seit 2024 setzen die fünf Teams - Schulsozialarbeit, Werkstatt für Soziale Kompetenzen und Gewaltprävention, Werkstatt für Konsumkompetenz, Ambulante Hilfen und Systemische Supervision - ihre systemischen Arbeitsansätze um.
Niemand macht sich freiwillig unbeliebt
Zurück zu Leon: „An seinem Beispiel kann man gut erkennen, warum systemisches Arbeiten uns wichtig ist. Als Systemikerin frage ich nach guten Gründen für gezeigte Symptome, wann tauchen diese auf und wann nicht. Jedes Verhalten hat einen Grund, der in einem anderen Kontext eine Problemlösung für den Betroffenen ist“, erklärt die Vereinschefin. Konkret: Leons Gedanke, die Schule zu verweigern, sollte die häusliche Situation sicherer machen. Sein Verhalten ist nicht untypisch für Kinder aus suchtbelasteten und von psychischen Erkrankungen betroffenen Familien.
„Hierzu haben wir gerade einen speziellen Reader für Pädagogen entwickelt, für dessen Druck wir gerade noch nach Finanzierungsmöglichkeiten suchen“, erläutert Daniela Fritsch, dass die wirtschaftlichen Möglichkeiten immer schwieriger werden. In Zeiten kommunal leerer Kassen wird im Präventivbereich als erstes gespart.
Neben der Schulsozialarbeit und in der Prävention sowie den ambulanten Familienhilfen ist der Verein auch in der Arbeit nach dem Jugendhilfegesetz mit straffällig gewordenen Jugendlichen tätig. Im letztgenannten Bereich hat man sich auch auf die Arbeit mit migrantischen jungen Männern spezialisiert - unter anderem durch die fachkundige Arbeit mit Muttersprachlern aus dem arabischen Kontext.
„Gerade das Arbeiten in Trainingskursen bietet den jungen Migranten einen sicheren Ort. Wir betreuen diese oft mehrere Monate, manchmal Jahre. Sie erlernen neue Verhaltensweisen, um aus alten Mustern auszubrechen und Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen. Durch den systemischen Ansatz, dass auch ihr Verhalten einen Grund hatte und sich niemand freiwillig unbeliebt macht, haben wir eine Erfolgsquote von über fünfzig Prozent - in diesem Arbeitsfeld ist das ein großartiger Wert“, sagt die überzeugte Systemikerin.
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Systemik ist keine Frage von Himmelsrichtungen
Apropos Systemik: Der relativ große Verband DGSF, den es ja bereits mehr als zweieinhalb Jahrzehnte gibt, scheint ziemlich westdeutsch geprägt zu sein, doch Verbandchef Martin Diem schüttelt den Kopf: „Die DGSF ist kein rein westdeutsches Phänomen. Systemische Fachkräfte, Weiterbildungsinstitute und Mitglieder sind seit vielen Jahren auch in den ostdeutschen Bundesländern aktiv.“
Dass weniger ostdeutsche Einrichtungen bisher engagiert seien, sieht Diem pragmatisch.„Dafür können regionale Strukturen, unterschiedliche Entwicklungen der systemischen Weiterbildungslandschaft und die Rahmenbedingungen sozialer Einrichtungen eine Rolle spielen. Eine pauschale Erklärung würde den unterschiedlichen Entwicklungen in den Regionen nicht gerecht. Umso mehr freuen wir uns über Inpeos - wir verstehen die Empfehlung vor allem als Einladung: Systemisches Arbeiten ist keine Frage von Himmelsrichtungen“, verdeutlicht Diem.
Für den Inpeos-Verein nahmen Anna Grummt (l.) und Daniela Fritsch (2.v.l.) das erste DGSF-Empfehlungssiegel für eine ostdeutsche Kinder- und Jugendeinrichtung entgegen.
© Jan Felber für Ostdeutsche Allgemeine
Entscheidend für die Zertifizierung seien verbindliche fachliche und ethische Standards gewesen, systemisch fort- und weitergebildete Mitarbeiter und Leitungskräfte sowie kontinuierliche Intervision und Supervision. Zentral im Prozess sei ein Besuchsprojekt: Mindestens drei Einrichtungen besuchen sich gegenseitig, geben sich Einblick in ihre Praxis und reflektieren diese anhand gemeinsamer Kriterien. „Es geht also nicht nur um irgendein Siegel, sondern um fachlichen Austausch und Qualitätsentwicklung“, so Ex-Vorständin Michaela Herchenhan.
Menschen nicht vorschnell einordnen
Doch was bringt die systemische Idee für die Gesellschaft, vielleicht gerade für die ostdeutsche? Diem meint, systemisches Denken sei überall dort hilfreich, wo Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Interessen und Lebensgeschichten zusammenleben. Gleichzeitig gäbe es in Ostdeutschland aber besondere historische und gesellschaftliche Erfahrungen.
„Die Transformation nach 1989/90, Veränderungen von Arbeits- und Lebenswelten, Abwanderung und Rückkehr, unterschiedliche Erfahrungen mit Institutionen und nicht zuletzt sehr unterschiedliche regionale Entwicklungen wirken bis heute in Biografien und Familien hinein. Es wäre aber zu einfach, daraus eine einheitliche ‚ostdeutsche Erfahrung‘ abzuleiten. Systemisches Denken und Handeln versucht, Menschen nicht vorschnell einzuordnen, Zusammenhänge zu betrachten, Ressourcen wahrzunehmen und unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen. Das halten wir für unsere gesamte Gesellschaft für wichtig“, stellt Martin Diem klar.
„Wir gehen nicht davon aus, dass es eine klare als ostdeutsch oder westdeutsch einzuordnende Perspektive gibt. Die Lebensbedingungen und Herausforderungen unterscheiden sich zwischen Stadt und Land, zwischen Regionen und Generationen“, haben Diem und seine Mitstreiter festgestellt.
Zertifizierung soll Vorbildcharakter ausstrahlen
Gläsernes Siegel für qualitätsgesicherte systemische Arbeit: Inpeos in Chemnitz ist die erste Einrichtung im Osten, die das für sich reklamieren kann.
© Jan Felber für Ostdeutsche Allgemeine
Zurück nach Chemnitz: Auch Daniela Fritsch hegt den Wunsch, dass andere ihrem Verein nacheifern. Der Fachtag vor wenigen Tagen sollte zugleich ein Auftakt für die Errichtung einer Chemnitzer Regionalgruppe systemischer Arbeit sein. Ähnliche Regionalgruppen gibt es im Osten unter anderem in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, in Dresden und Leipzig. Von den gut 12.000 Verbandsmitgliedern sind nur rund 400 in Sachsen angesiedelt, in den anderen neuen Bundesländern sind es oft keine 100 Mitglieder.
Dennoch: „Das Siegel ist eine Zertifizierung, die Qualitätsstandards in der Kinder-, Jugend- und Familienarbeit setzen kann. Es ist auch für Verwaltungen wie Jugendämter ein lohnendes Ziel, sich auf den Weg machen. Am Ende geht es um die Kinder und Jugendlichen, die ein Recht auf beste fachliche Begleitung haben“, so Daniela Fritsch.
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