Weil die junge Generation sich an die Teilung Europas erinnern muss." Das antwortet Oxana Akhmadova, 19-jährige Studentin aus Moskau, spontan auf die Frage, warum sie seit zwei Wochen im Rahmen des Begegnungsprojekts "Offene Häuser" mit Hacke und Spaten auf dem ehemaligen DDR-Grenzstreifen an der Bernauer Straße schuftet. Sie hat ein Fundamentstück der Versöhnungskirche freigelegt. Der Bau war 1985 von der DDR gesprengt worden, um freies Schussfeld zu schaffen. Die Fundamente wurden eilig mit Schutt zugeschoben; nach der Wende wuchs Gras darauf. Jetzt sind halbmetertief Teile von Granitstufen der Kirche zu sehen. Die Studentin und ein halbes Dutzend weitere junge Leute aus Ost- und West-Europa haben Kachelstücke gefunden und eine "Signalpatrone E-Rot" aus DDR-Fertigung mit der Jahreszahl 1966."Solche Leuchtkugeln wurden von den Grenzern abgeschossen, wenn sie einen Fluchtversuch sahen", berichtet Manfred Fischer, Pfarrer und Mentor des Mauergedenkens an der Bernauer Straße. Für ihn sind solche Fundstücke Zeitzeugnisse, "mit denen wir die Geschichte der brutalen Teilung Berlins zwischen 1961 und 1989 authentisch erzählen können."Ex-Todesstreifen wird erhalten"Authentisch" ist eines der Schlüsselwörter in der Ausschreibung für einen internationalen Wettbewerb, bei dem Arbeitsgruppen aus Architekten, Landschaftsplanern und Künstlern bis Oktober Vorschläge für die Gestaltung der "Geschichtslandschaft" an der Bernauer Straße machen sollen. Neben Fischer erläuterten am Freitag Gabriele Camphausen, Vorsitzende des Vereins Berliner Mauer, und Rainer Klemke, Referent in der Senatskanzlei, die Vorgaben. Kern des Projekts ist ein etwa 1,3 Kilometer langes Stück des ehemaligen DDR-Todesstreifens zwischen Nordbahnhof und Brunnenstraße, das als willkürlich durch die Stadt geschlagene Schneise unbebaut erhalten bleiben soll.Die Gestalter sollen dabei möglichst viele der Reste und Spuren der Grenze "zum Sprechen bringen", wie Camphausen sagt: Häuserfundamente, Mauersegmente, Zäune, Lichtmasten, Sicherungstechnik und den Postenweg, auf dem die Grenzer Patrouille fuhren. Dieser Weg soll auch auf dem Mauerstreifen jenseits der Brunnenstraße erhalten werden, allerdings sollen die Grundstücke dort wieder bebaut werden - der Kauf wäre zu teuer. "Trotzdem kann man künftig auf dem Weg von der Chausseestraße über das Nordbahnhofsgelände, die Bernauer Straße und den Mauerpark bis zur Bornholmer Straße den Verlauf der Mauer durch die Stadt über mehrere Kilometer nachvollziehen", sagt Manfred Fischer. Allein der Kernbereich sei mit 45 000 Quadratmetern einer der größten historischen Gedenkorte Deutschlands, für dessen Gestaltung sich bei ihm Planer aus aller Welt beworben hätten, berichtet Klemke.Den Wettbewerbsteilnehmern steht es auch frei, einen oder zwei im Jahr 1991 abgerissene, in Teilen noch vorhandene Wachtürme wieder zu errichten. Eine "Eins-zu-Eins Rekonstruktion der Mauer wird es aber nicht geben", sagt Gabriele Camphausen. Das sei schon deshalb nicht möglich, weil sich DDR-Grenze seit 1961 ständig verändert habe: "Es geht nicht nur um das Bauwerk Mauer. Wir wollen den Prozess ihrer Entstehung und ihres Falls nachvollziehbar machen. Und an die Opfer erinnern."------------------------------5 000 DDR-Bürger aus ihren Häusern vertriebenDie Gedenklandschaft an der Bernau-er Straße ist Teil des Mauerkonzepts, das nach einer kontroversen Debatte erarbeitet wurde. Es sieht vor, in Berlin an mehreren Stellen an die Mauer zu erinnern. Dazu gehören etwa der Mauerradweg, die East-Side-Gallery oder die Aufstellung von Info-Stelen.Die Bernauer Straße wurde für die Gedenklandschaft gewählt, weil sich dort eine Vielzahl von Fluchtversuchen ereignet hat. 5 000 Menschen auf der DDR-Seite wurden von Grenzern nach 1961 aus ihren Häusern vertrieben.Für die Gestaltung des Geländes stellen Land, Bund und Lottogesellschaft 11,6 Millionen Euro zur Verfügung. Weitere 13 Millionen Euro sind für Grundstückskäufe nötig. 2011 soll das Projekt fertig sein.------------------------------Grafik: Die letzten Zeugnisse der Teilung------------------------------Foto: Aufgedeckte Geschichte: Oxana Akhmadova (l.) legt gemeinsam mit Yulia Svizeva Fundamente im Mauerstreifen frei.
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