Literaturfestival

Wie Dave Eggers über Kunst und Sex schreibt und in Berlin die Orientierung verliert

Das Literaturfestival hält neben Buchpremieren auch politische Debatten bereit. Während Schirmherr Boualem Sansal verwirrt, begeistert Dave Eggers.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
4 Min
Am Bücherstand beim 26. Internationalen Literaturfestival Berlin

Am Bücherstand beim 26. Internationalen Literaturfestival Berlin

© Stefanie Loos/ILB

Dave Eggers sei nicht nur zum ersten Mal beim Internationalen Literaturfestival Berlin, sondern auch erstmals in der Stadt, wurde bei der Begrüßung des Gastes aus den USA gesagt, als er am Samstagabend auf die Große Bühne des Hauses der Berliner Festspiele trat.

Da ging ein Raunen durch das Publikum.

Die Literaturkritikerin Anne-Dore Krohn, Berlinerin von Geburt, die das Gespräch auf Englisch moderierte, wollte denn auch zuerst wissen, wie ihm der erste Tag gefallen habe.

Und Dave Eggers erzählte wendungsreich und pointengespickt, dass er die Stadt mit einem Leihfahrrad erkunden wollte, aber über vier, fünf Stunden in ihr verloren ging. Er hatte nur eine Straßenkarte des Hotels dabei, schaute bei American Football und auf einem Hundespielplatz zu und fand sich auf einmal in Wedding wieder.

Aktzeichnen und Sexszenen

So war das Publikum schon aufgelockert für die Probleme des jungen Cricket und seiner Langzeitliebe Olympia in Eggers’ gerade ins Deutsche übersetztem Roman „Contrapposto“. In dem geht es um die Ideale und die Vermarktung von Kunst, um sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Lebenssinn.

Die Fragen nach dem Aktzeichnen, Modellstehen für Aktzeichnungen und den gelungenen Sexszenen im Buch führten später zu Eggers’ Welterfolg „The Circle“. Als der Roman im Bundesstaat South Dakota verboten und aus den Schulen entfernt werden sollte, stellte Dave Eggers allen, die es wollten, Freiexemplare zur Verfügung.

Er sagte in Berlin, dass diese politische Geste auf einem Literaturfestival doch etwas Ermutigendes habe: Jeder komme über sein Mobiltelefon heute an die brisantesten Informationen. Aber das, was beschränkten Geistern noch immer Angst machen könne, sei das Buch.

Dave Eggers (M.), Autor, nimmt zwischen Anne-Dore Krohn (r.), Moderatorin, und Ulrich Matthes, Schauspieler, an einer Lesung im Rahmen des 26. Internationalen Literaturfestivals Berlin im Haus der Berliner Festspiele teil.

Dave Eggers (M.), Autor, nimmt zwischen Anne-Dore Krohn (r.), Moderatorin, und Ulrich Matthes, Schauspieler, an einer Lesung im Rahmen des 26. Internationalen Literaturfestivals Berlin im Haus der Berliner Festspiele teil.

© Fabian Sommer/dpa

Das ist eine schöne Aussage, für die es natürlich Applaus gibt. Dass die Sache mit der Freiheit des Wortes auch recht kompliziert sein kann, zeigte der Eröffnungsabend am Donnerstag. Einerseits war es durchaus zu begrüßen, dass die Festivalleiterin Lavinia Frey sich diesmal keinen Politiker als Schirmherrn gesucht hatte.

Diese Rolle hat nun der algerisch-französische Schriftsteller Boualem Sansal, 2011 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, 2024 wegen angeblicher Vergehen gegen die Staatsgewalt in Algerien verhaftet und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Dass er Ende 2025 begnadigt wurde, geht auch auf den Einsatz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zurück, dem Sansal in seiner Rede ausdrücklich dankte.

Sansals Sympathien für rechts

Doch der Schriftsteller hat mindestens in Frankreich inzwischen selbst für Unmut gesorgt, als er vom linksliberalen Verlag Gallimard zu Grasset wechselte. Auch der hatte einen guten Ruf – so lange, bis im Frühjahr der neue rechtsnationale Eigentümer Vincent Bolloré den Verlagschef entließ. Als mehr als 100 prominente französische und auch internationale Autoren aus Protest Grasset verließen, schlug Sansal die Gegenrichtung ein.

In einer Gesprächsrunde versuchte die Moderatorin Tilla Fuchs später am Donnerstagabend, Boualem Sansal dazu und zu weiteren aktuellen Themen Fragen zu stellen. Er wich ihnen so demonstrativ aus, dass es eine Qual war, zuzuhören.

Da hatte die Begegnung mit Eggers ganz anderen Charakter. Ausgerechnet er, der die Mechanismen der digitalen Vernetzung in „The Circle“ so schlau und genau beschrieben hatte, bekannte sich, kein Smartphone zu besitzen.

Zwar müsse man dann damit rechnen, in Berlin den Weg zu verlieren, aber man entdecke eben auch das Unerwartete. Und vor den Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz warnte er eindringlich. Es sei lebenswichtig, dass Kinder und Jugendliche erst ein eigenes Urteilsvermögen entwickelten, bevor sie sich dieser Technologie auslieferten.

Internationales Literaturfestival. noch bis 12. September 2026

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner