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Anke Engelke im Interview: „Nicht ein Satz bei Ladykracher stammt von mir“

Von „Ladykracher“ bis Drama: Anke Engelke ist im deutschen Kino und TV schon in diverse Rollen geschlüpft. Im Gespräch betont sie: „Nur lustig“ war sie noch nie.

9 Min
Wird oft auf ihre lustigen Rollen reduziert: Anke Engelke.

Wird oft auf ihre lustigen Rollen reduziert: Anke Engelke.

© Christoph Hardt/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Seit über dreißig Jahren steht Anke Engelke schon vor der Kamera, mal in lustigen Rollen wie „Die Wochenshow“ und „Ladykracher“, aber auch im ernsten Fach wie „Vom Suchen und Finden der Liebe“. In ihrem neuen Film „Dann passiert das Leben“, der am 6. November ins Kino kommt, spielt Engelke eine verbitterte Frau, die vom Leben eingeholt wird. Im Interview spricht sie über mediale Schubladen, ihren Umgang mit Selbstkritik und wie sie auf einem der wichtigsten Deutschrap-Alben aller Zeiten gelandet ist.

Wenn man sieht, was Sie im Laufe Ihrer Karriere schon alles gemacht haben, wird einem fast schwindelig. Was sind für Sie die ausschlaggebenden Kriterien, um sich für oder gegen ein Projekt zu entscheiden?

Das ist eine Kombination aus verschiedenen Kriterien und meinem Bauchgefühl. Wenn ich die Leute schätze, die Drehbuch und Regie verantworten, mich die Figur interessiert und im besten Fall auch die Spielpartner:innen – dann bin ich dabei! Früher hat für mich auch eine große Rolle gespielt, dass ich nicht so weit weg von zu Hause bin, vor allem wegen der Kinder. Aber die sind jetzt groß, da muss ich nicht immer in der Nähe bleiben.

Zur Person
APress/imago

Zur Person

Anke Engelke wurde 1965 in Montreal geboren und wuchs in Köln auf. Sie arbeitete zunächst im Hörfunk und als Sängerin, Bekanntheit erlangte sie in den 1990er- und 2000er-Jahren als Komikerin in den Comedy-Sendungen „Die Wochenshow“ und „Ladykracher“. Als Synchronsprecherin lieh sie unter anderem Dorie aus „Findet Nemo“ und Marge aus „Die Simpsons“ ihre Stimme. Ihre Schauspielkarriere begann sie 1997 als Darstellerin im „Tatort“. Seitdem war sie in zahlreichen Filmen und Serien zu sehen, unter anderem in „Eingeschlossene Gesellschaft“ und ab November 2025 in „Dann passiert das Leben“.

Klingt nach sinnigen Parametern.

Ich bin heute auch gefragt worden, ob ich nach Genre aussuchen würde, weil ich nun scheinbar nicht mehr nur lustig sein will. Und ob ich nun ernsthaft spielen wolle, ob ich eine richtige Schauspielerin sei. Das war ein wenig irritierend.

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In Anbetracht des Umstands, dass Sie bereits seit dreißig Jahren als Schauspielerin tätig sind: Was antworten Sie auf so was?

Ich versuche, nicht traurig und verletzt zu sein, denn niemand meint das ja böse. Aber was soll ich darauf schon groß sagen, außer fröhlich: „Ja!“ Ich habe mit dreißig Jahren bei „Die Wochenshow“ angefangen, im TV lustig zu sein, Spätzünderin also, hatte zuvor aber schon zwölf Jahre beim Hörfunk gearbeitet. Wenn Menschen mir dann sagen: „Jetzt willst du also auch mal was Ernstes machen“, empfinde ich das als das Gewohnte, nicht als das Neue. Ich habe ja nie Stand-up gemacht, hatte nie ein Bühnenprogramm, habe in meinem gesamten Leben noch nicht eine Pointe geschrieben, nicht ein Satz bei „Ladykracher“ stammt von mir. Ich habe lediglich eine spielerische Begabung, die ich mit ganz viel Demut, Interesse und Fleiß kombiniere.

Anke Engelke in „Ladykracher“, 2003

Anke Engelke in „Ladykracher“, 2003

© Frank W. Hempel/imago

Kürzlich haben Sie in einem Interview gesagt, dass Sie mittlerweile nicht mehr aufs Lustigsein reduziert werden, sondern Sie sich das Recht auf Vielseitigkeit erkämpft hätten. Wie sah dieser Kampf konkret für Sie aus?

Vorab muss ich sagen: Diese Reduzierung kam nie aus den Departments Regie, Produktion, Drehbuch oder Besetzung, sondern von Pressemenschen. Da wurde ich abgestempelt – wie viele meiner Kolleg:innen auch. Und das ist schade, weil Schubladen natürlich Chancen verbauen, sich weiterzuentwickeln und auch mal andere Dinge auszuprobieren. Ich nehme mir das mittlerweile nicht mehr zu Herzen, wenn mich jemand als „lustigste Frau der Welt“ bezeichnet, auch wenn ich den Stempel als platt und anmaßend empfinde. Die Wahrheit ist, dass ich lustige Drehbücher und Sketche geschrieben bekomme, eine kleine Sonderbegabung habe und die Chance bekomme, dann lustige Sachen spielen zu dürfen.

Welche Aspekte haben Sie bei „Dann passiert das Leben“ angesprochen?

Ich wusste, wer Regie führt, habe das Drehbuch gelesen und zugesagt – obwohl ich noch nicht wusste, wer neben mir noch mitspielt. Ich fand die Figur Rita sofort interessant.

Spielen Sie denn lieber Figuren, die möglichst weit von Ihnen weg sind oder lieber solche, denen Sie in bestimmten Facetten ähnlich sind?

Mir geht es nie darum, ob ich eine Figur mag oder verstehe, vielmehr möchte ich andocken können, weil sie mich interessiert. Ähnlichkeit interessiert mich null, dann könnte ich ja nie eine Mörderin oder eine lesbische Astronautin spielen, nur weil ich das privat nicht bin.

Also ist es auch nicht einfacher, einen Charakter zu spielen, dem Sie sich mehr verbunden fühlen?

Nein, das spielt keine Rolle. Selbst wenn ich eine Figur darstelle, die zum Beispiel ein ähnliches Leben führt wie ich, spiele ich jemand anderen – ist ja Schauspielerei, keine Realität. Und spätestens wenn von der Regie das „Bitte!“ ertönt, bin ich nicht mehr ich – ganz gleich, wie nah der Charakter an der echten Anke dran ist. Das ist alles hergestellt und an Künstlichkeit ja kaum zu überbieten. Meine Aufgabe ist es, alles so authentisch wie möglich wirken zu lassen, damit Menschen glauben, was und wen ich da zeige sei echt. Ich stelle lediglich Emotionen her.

Anke Engelke und Ulrich Tukur spielen zusammen in „Dann passiert das Leben“.

Anke Engelke und Ulrich Tukur spielen zusammen in „Dann passiert das Leben“.

© Maurizio Gambarini/imago

Ist Ihnen das bei „Dann passiert das Leben“ schwergefallen?

Bei diesem Film habe ich den Herstellungsprozess oft kaum gespürt, weil unsere Regisseurin Neele Leana Vollmar einen warmen und geschützten Raum geschaffen hat, in dem wir Schauspieler:innen uns ganz angstfrei öffnen durften. Das Haus wirkte bald wie eine dritte Hauptfigur und erzählt ganz viel über die Distanz der beiden zueinander. Und wenn eine emotional schwierige Szene zu spielen war, war es immer ganz still am Set, weil alle wussten, wie schwer es wird. Anders wäre es auch nicht machbar gewesen. Aber bei so einem Film ist die emotionale Temperatur am Set sehr wichtig. Natürlich ist da auch immer noch mal Platz für ein Privatgespräch. Ulrich Tukur ist manchmal durchaus eine Quasselstrippe, kurz bevor es losgeht. (lacht)

Sie haben über sich selbst mal gesagt, Sie seien sehr selbstkritisch. Ist das Fluch oder Segen?

Das möchte ich gar nicht bewerten, das ist einfach so. Ich muss damit leben. Interessanter ist bei Charaktereigenschaften oft die Genese: Warum bin ich so selbstkritisch? Das hängt damit zusammen, dass ich mein Glück manchmal nicht fassen kann, dass ich so schöne Sachen machen darf. Und dann denke ich: „Jetzt richte dich hier bloß nicht gemütlich ein und halte dich für die Größte!“ Das ist also womöglich meine Form des Umgangs mit diesem Privileg.

Der Film ist ungemein facettenreich, es gibt nicht nur „das eine“ Thema. Es geht um Liebe, den Umgang mit sich verändernden Gefühlen, um Zeit, um Schuld, um Zusammenhalt, um Familie und einiges mehr. Gab es ein Thema, das Sie besonders angesprochen hat?

Die Vielschichtigkeit finde ich großartig, die hat mich besonders interessiert. Beim Lesen habe ich mich schon nach den ersten Seiten gefragt: Wann wendet Rita endlich für sich selbst die Ehrlichkeit an, die sie von anderen erwartet? Rita ist ja eine ehrliche, kritische Person, die einem fremden Verkäufer sagt, dass sein Anzug nichts für ihn ist. Und einem Kellner, dass das Schnitzel zäh war. Ich habe mich gefragt: Wann redet sie endlich mit ihrem Mann? Wann besprechen die Dinge? Warum kann sie diese Ehrlichkeit nicht anwenden? Na ja, weil wir Menschen sind. Und da sage ich bewusst „wir“, ich kenne das auch von mir. Wir können andere besser beraten als uns selbst.

Engelke in der „Wochenshow“, 1997

Engelke in der „Wochenshow“, 1997

© United Archives/imago

Als Person der Öffentlichkeit ist man stets Kritik ausgesetzt. Was war das Schlimmste, was Sie jemals über sich gehört oder gelesen haben?

Kritik hat mir eher am Anfang zugesetzt. Ich bin zum Beispiel mal als talentfrei bezeichnet worden. Ich finde es immer als unangenehm, wenn man ganz deutlich spürt, das jemand einen nicht mag – gerade wenn man noch am Anfang seiner Karriere steht. Und als ich damals bei „Die Wochenshow“ angefangen habe, hätte ich mir ein bisschen mehr Feingefühl in der Kritik gewünscht. Aber ich mag freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit. Die Menschen sollen sagen und schreiben, was sie wollen, auch wenn mir da häufig zu viel negative Energie, Wut, Neid und Missgunst dabei sind.

Zum Schluss noch mal etwas ganz anderes: Sie singen ja den Refrain im Song „Dir fehlt der Funk“ von Advanced Chemistry aus dem Jahr 1995, was Sie zu einer Protagonistin auf einem der wichtigsten Deutschrap-Alben aller Zeiten macht. Wie ist das damals zustande gekommen?

Ich bin heimlich Leiterin des Torch-Fanclubs. Torch (Rapper und HipHop-Pionier; Anm. d. Verf.) ist für mich einer der Besten! Wir sind uns mal begegnet, als ich beim SWF3 noch Hörfunk gemacht habe, und das hat einfach gematcht. Der Song „Fremd im eigenen Land“ war damals bereits draußen, und das ist einfach eine Hymne. Als wir den Chorus zu „Dir fehlt der Funk“ aufnehmen wollten, hatte ich ganz hohes Fieber. Ich habe mich aber trotzdem in die Bahn gesetzt, bin nach Heidelberg gefahren und habe das eingesungen. Auch das Video haben wir dann noch gemacht. Das war anstrengend. Aber schön.

Daniel Schieferdecker arbeitet seit 15 Jahren als freier Autor für verschiedene Medien wie Zeit Online, Esquire und den Rolling Stone. Er war außerdem drei Jahre lang Chefredakteur von Europas größtem HipHop-Magazin Juice und hat zwei Bücher geschrieben: das chinesische Reisekochbuch „Forever Yang“ und die autorisierte Biografie des Rappers RAF Camora.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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