Viel mehr FC Erzgebirge geht kaum! Thomas Schlesinger, der Präsident des Traditionsvereins, ging bereits als kleiner Junge ins Stadion, um seine damaligen Helden, die Oberligaspieler der BSG Wismut Aue, wie der FC Erzgebirge einst hieß, zu sehen. Später spielte er selbst im Wismut-Nachwuchs. Viele Jahre danach wurde er mit dem Unternehmen, in dem er als Geschäftsführender Gesellschafter tätig ist, Sponsor und Premiumsponsor des FC Erzgebirge und schließlich auch Präsident. Das Amt übernahm er in sportlich stürmischen Zeiten.
Hier spricht er über den sportlichen Neustart in der Regionalliga mit einem komplett neuen Kader. Des Weiteren analysiert er die Ursachen des Abstiegs, verteidigt die Vereinsführung und beschreibt die Pläne für den angestrebten Wiederaufstieg.
Herr Schlesinger, erinnern Sie sich noch an ihren ersten Besuch bei einem Spiel der damaligen BSG Wismut Aue im Stadion?
Das war 1977 und ich bin zusammen mit meinem Vater und meinem Großvater ins Stadion gegangen. Den Gegner weiß ich nicht mehr. Aber in den 1980er Jahren kann ich mich gut vor allem an die Derbys gegen Dynamo Dresden, den 1. FC Magdeburg und den FC Carl Zeiss Jena erinnern. Da war das Stadion immer ausverkauft. Schlechte Erfahrungen habe ich mit dem BFC Dynamo gemacht. Wenn Schiedsrichter Bernd Stumpf das Duell gegen Aue pfiff, gab es oft noch in der 92. Minute einen Elfmeter für den BFC.
Wie sind Sie mit dem Wismut-Virus infiziert worden?
Wenn man wie ich in der Region aufwächst, ist das fast unausweichlich. Ich bin bei Wismut Schneeberg, nur sechs Kilometer von Aue entfernt, im Fußball groß geworden, bin dann später zu Wismut Aue delegiert worden. Da wächst man halt rein. Aue war immer der Leuchtturm im Fußball des Erzgebirges.
Zur Person
Seit 2011 ist er Geschäftsführender Gesellschafter der Umformtechnik Crimmitschau GmbH. (UTC).
Im November 2022 wurde Schlesinger Vizepräsident des FC Erzgebirge Aue und Finanzvorstand. Seit November 2025 führt er den Klub als Präsident.
Schlesinger stammt aus einer fußballbegeisterten Familie und spielte einst selbst Fußball bei Wismut Schneeberg, in der Kreisauswahl Aue und gehörte von 1986 bis 1988 zur C- und B-Jugend von Wismut Aue.
Ein Blick zurück sei gestattet. Wismut Aue stieg 1989/90 nach 38 Jahren in Folge in der DDR-Oberliga ab und verpasste so die Qualifikation für die Profi-Ligen im gesamtdeutschen Fußball. Jetzt ist der Nachfolger FC Erzgebirge nach 23 Jahren im Profifußball, davon sogar 16 Jahre in der 2. Bundesliga, in die Regionalliga abgestürzt. Sind diese beiden Einschnitte in der Vereinsgeschichte miteinander zu vergleichen?
Nein, da vergleicht man Äpfel mit Birnen. Nach den vielen Jahren in der 2. Bundesliga gab und gibt es in der Region eine hohe Erwartungshaltung, die es 1989 nicht gab. Wir haben ja in den zurückliegenden Jahren im Profigeschäft eine gute wirtschaftliche Entwicklung genommen. Damals, 1989, lag dagegen alles am Boden. Die jungen Leute gingen weg aus dem Erzgebirge, heute aber identifizieren sich viele junge Menschen aus unserer Region mit unserem Verein. 1989 war das alles weggebrochen. Wir haben den damaligen Hauptsponsor Wismut durch 250 bis 300 kleine Sponsoren ersetzt und die bringen in der Summe, verteilt auf viele Schultern, mehr ein als einst die Wismut. Wir haben viel in die Infrastruktur gesteckt, in ein neues Stadion, ein Internat und ein Nachwuchsleistungszentrum. Da wurden über 30 Millionen Euro investiert. Die Substanz, damals 1989 vor dem Fall der Mauer, war gleich Null. Man lebte von der Hand in den Mund. Wir waren danach zwölf Jahre von der Fußball-Landkarte verschwunden.
Bevor Sie im November 2025 vom Aufsichtsrat zum Präsidenten berufen wurden, waren Sie bereits drei Jahre Vizepräsident und Finanzvorstand. War der nun erfolgte Abstieg ein schleichender Prozess?
Jein. Natürlich war der Abstieg aus der 2. Bundesliga in der Saison 2021/22 unter Sportdirektor Pavel Dotchev, der später auch als Trainer amtierte, eine Zäsur. Wir hatten mehrere Millionen Euro weniger zur Verfügung in der 3. Liga und das Thema Aufstieg war utopisch. Aue hatte immer einen kleineren Etat als viele andere Vereine und wir konnten und wollten mit Geld keine Leute überzeugen. Unsere Spieler waren individuell durchaus gut, sie haben aber als Team – Aue kam immer über das Kollektiv - nicht funktioniert.
Enttäuschung nach einer von vielen Niederlagen: Während der Saison 25/26 wurden unter anderem Sportdirektor Matthias Heidrich (m.) und Trainer Jens Härtel (r.) entlassen.
© S.Sonntag/imago
Als Sie das Amt des Präsidenten übernahmen, stand in der Saison 2025/26 die Mannschaft bereits auf einem Abstiegsplatz. Danach gab es viele Turbulenzen. Trainer Jens Härtel wurde entlassen, auch Sportchef Matthias Heidrich musste gehen. Mit Christoph Dabrowski als Trainer und mit Michael Tarnat, dem ehemaligen erfolgreichen Profi von Bayern München, als Geschäftsführer Sport, wurden zwei durchaus prominente Namen geholt, die später aber wieder entlassen wurden wie Dabrowski oder zurücktraten wie Tarnat. Passten beide überhaupt zur Region, zu diesem „Kumpel-Verein“?
Es ging darum, Leute zu holen, die Erfolg haben wollten und die wussten, wie der Profifußball funktioniert. Beide waren über jeden Zweifel erhaben und hatten überzeugende Referenzen. Sie stellten schnell fest, wo es in der Mannschaft haperte. Uns wurde bestätigt, dass es ein sehr gutes Training gab und eine gute Ansprache an das Team. Aber sieben, acht, neun Spieler blieben unter ihrem Niveau. Sie sahen sich immer viel besser, als sie dann am Wochenende spielten. Das Problem war die Mannschaft. Ich muss Dabrowski und Tarnat ein stückweit in Schutz nehmen, weil sie für die Zusammenstellung der Mannschaft nichts konnten. Mit Härtel, ein ausgewiesener Arbeiter und erfahrener Trainer, mit Heidrich, Dabrowski und Tarnat sind vier Leute mit großem Sachverstand gescheitert. Für mich war zu 100 Prozent die Mannschaft schuld am Abstieg, die überhaupt nicht widerstandsfähig war. Zuletzt konnte unser neuer Cheftrainer Khvicha Shubitidze natürlich nichts mehr retten.
Am 35. Spieltag und einem 2:2 zu Hause gegen Wehen Wiesbaden war der Abstieg perfekt. Was ging damals in Ihnen vor?
Schon nach dem 3:5 zu Hause gegen Hoffenheim II am 31. Spieltag war die Messe gelesen. Schon zu Beginn meiner Amtszeit, als wir in der Abstiegsregion standen, wusste ich, der Druck wird enorm sein. Eigentlich hätte man zehn Spieler rausnehmen und zehn Neue holen müssen. Es war also ein Prozess. Am Tag des Abstiegs habe ich eigentlich gleich nach vorn geschaut und in den Modus umgeschaltet: Wie weiter in der Regionalliga?
Nach dem Lizenz-Entzug für 1860 München gab es plötzlich Hoffnung für Aue und den TSV Havelse, der mit einem Punkt mehr auf dem Konto ebenfalls abgestiegen war, in der 3. Liga zu bleiben. Das Startrecht bekam schließlich Havelse, obwohl der Verein kein eigenes Drittligataugliches Stadion besitzt und ausweichen muss.
Darüber kann man streiten und wir haben auch einen Brief an den DFB geschrieben. Aber wir haben am 22. Spieltag mit 1:3 in Havelse gegen einen direkten Kontrahenten verloren. Mit einem Punkt mehr wären wir vielleicht oben geblieben, haben es sportlich jedoch nicht verdient. Wirtschaftlich und infrastrukturell rangiert Havelse zwei, drei Klassen hinter Aue, aber sportlich haben wir selbst Schuld am Abstieg. Letztendlich lagen die Fehler bei uns und nicht bei Havelse und nicht beim DFB.
Simon Skarlatidis: Der frühere Auer Publikumsliebling kommt von Unterhaching zurück ins Erzgebirge und soll mit Marcel Bär die jungen Spieler anführen.
© Sven Leifer/imago
Noch kurz vor dem Abstieg gab es Forderungen von Auer Fans, eine Außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen. Es wurde sogar eine Petition gestartet. Wie ist nun das Verhältnis zu den Anhängern?
Ein Großteil derjenigen, die diese Petition unterschrieben haben, waren keine Vereinsmitglieder. Wir haben statt einer Außerordentlichen Mitgliederversammlung eine Informationsveranstaltung durchgeführt, auf der kontrovers diskutiert wurde. Es waren nur Vereinsmitglieder – geschätzt etwas mehr als 200 - dabei. Das Gros der Fans hat die neue Situation angenommen, wir wollen zusammenhalten und so schnell es geht wieder aufsteigen.
Mussten nach dem Abstieg eigentlich Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle und im Umfeld des Vereins entlassen werden?
Wir haben nach dem Abstieg in die 3. Liga 2021/22 die Strukturen beibehalten und keine Mitstreiter entlassen. Jetzt mussten wir aber reagieren, haben das Gehaltsgefüge geändert und teilweise Stellen nicht neu besetzt. Wir wollen die Geschäftsstelle möglichst aufrecht halten und an Regionalliga-Bedingungen anpassen.
Der FC Erzgebirge geht als einer der Favoriten für den Aufstieg in die attraktive Regionalliga Nordost. Viele Vereine verstärken sich gerade intensiv, auch, weil der Meister im Mai 2027 direkt in die 3. Liga aufsteigt. Was passiert personell in Aue?
Unser Ziel muss es sportlich sein, die Regionalliga so schnell wie möglich wieder nach oben zu verlassen. Wir haben lediglich zwei, drei Spieler aus dem Team 2025/26 übernommen und schon über ein Dutzend neue Spieler verpflichtet. Es wird ein komplett neuer Kader. Wir achten bei den Verpflichtungen verstärkt auf den Charakter der Spieler. Wie verhalten sie sich? Warum kommen sie nach Aue? Was haben sie für Ziele? Wir suchen Typen, die zusammenpassen, die den Anspruch haben, alles zu geben, um aufzusteigen.
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Kapitän und Torjäger Marcel Bär konnte gehalten werden und mit Simon Skarlatidis kam ein ehemaliger Auer Publikumsliebling von Unterhaching zurück zum FC Erzgebirge. Beide sollen das neue Team führen?
Genau. Sie sind über 30 Jahre alt und besitzen sehr viel Erfahrung. Sie sollen die jungen Leute anführen. Ich denke, wir bekommen eine gute Mischung. Bis fünf Spieltage vor Saisonschluss wollen wir in der Tabelle so dabei sein, dass wir am Ende noch um Platz 1 mitspielen können.
Was wird aus Torwartlegende Martin Männel (38), der über 600 Pflichtspiele für Aue bestritt?
Wir haben uns darauf verständigt, den Neustart gemeinsam anzugehen. In dieser Woche wurde sein Vertrag verlängert. Männel wird 2026/27 nicht als Nummer eins gesetzt sein, aber seine Erfahrungen im Kreis der Keeper einbringen. Parallel bereitet er sich auf die Zeit nach der Karriere vor. Der Übergang für eine berufliche Orientierung im Verein wurde konkretisiert.
Wird der FC Erzgebirge den höchsten Etat aller Regionallisten im Nordosten haben?
Wir sehen uns auf Augenhöhe mit vier bis fünf Vereinen, die mit den höchsten Etats in die Saison gehen werden. Wir sind aber nicht der FC Bayern der Regionalliga, wie schon kolportiert wurde.
Auf was freuen Sie sich besonders in der kommenden Spielzeit?
Auf die vielen Derbys natürlich – wenn sie friedlich verlaufen und Aue gewinnt. Ich freue mich auf eine neue Mannschaft, die unter anderen Gesichtspunkten zusammengestellt wurde und die gemeinsam Erfolg haben will und ein großes Stück Hoffnung in sich trägt. Ich freue mich auf diese Jungs.
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