Der Krieg in der Ukraine dauert inzwischen länger als der gesamte Krieg der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland: mehr als 1.650 Tage gegenüber 1.418. Für Sicherheit und Verteidigung sind im ukrainischen Staatshaushalt 2026 nach einer Aufstockung 4,37 Billionen Hrywnja vorgesehen, umgerechnet rund 84 Milliarden Euro. Das entspricht etwa sechzig Prozent der Staatsausgaben.
Vladislav Belbas führt Ukrainian Armor, eines der ersten privaten Rüstungsunternehmen, die nach Beginn der russischen Aggression 2014 entstanden. Die Firma begann mit gepanzerten Fahrzeugen, wurde später zum einzigen Mörserhersteller des Landes und produziert heute auch Drohnen. Auf der MSPO in Kielce präsentiert Ukrainian Armor erstmals ein Fahrzeug auf Basis eines Mercedes-Benz-Unimog-Chassis; an der von Deutschland finanzierten 155-Millimeter-Haubitze Marta ist das Unternehmen als Mitentwickler beteiligt. Wir treffen Belbas am Vortag der Messe im Hinterhof eines Krakauer Cafés.
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Europas technologischer Vorsprung
Herr Belbas, ukrainische Unternehmen sagen, sie seien schneller, billiger und kampferprobter als europäische. Wo ist Europa noch voraus?
In der Hochtechnologie. Europa investiert dort seit Jahrzehnten. Die Ukraine dagegen verkaufte sowjetische Bestände. Wir gehörten zu den zehn größten Waffenexporteuren der Welt, haben aber liquidiert, nicht aufgebaut. Wir tauschten sogar Kh-101-Raketen gegen Gas. Die Raketen, die uns heute treffen, haben das Gas bezahlt, mit dem wir unsere Häuser geheizt haben. Europa investierte weniger als die geforderten zwei Prozent, aber genug, um zentrale Rüstungsprogramme am Leben zu halten.
ZUR PERSON
Verschafft Ihnen Ihre Gefechtserfahrung heute einen Vorsprung vor Deutschland? Fürchten die Europäer, überholt zu werden?
Nein. Wir haben diese Erfahrung mit dem Leben unserer Soldaten bezahlt. Wir mussten die größte Armee der Welt mit sehr kleinem Budget bekämpfen. Drohnen sind eine Lösung für Arme: Statt einer Rakete nimmt man etwas Billigeres.
Dieser Krieg dauert länger als der Zweite Weltkrieg, und wir können weder mehr Männer noch mehr Geld aufbringen – also bleibt uns nur die Technologie. Europa arbeitet zum Teil noch mit Systemen, die vor Jahrzehnten entwickelt wurden. Die Patriot wurde in Deutschland produziert, bis die Fertigung vor rund 20 Jahren endete. Damals gab es keine unmittelbare Bedrohung – warum also 2000 Raketen auf Lager halten? Heute verfügt Europa über nichts Vergleichbares zum US-Raketenabwehrsystem THAAD oder zu den israelischen Systemen Arrow 3 und David’s Sling.
Russland schlug den entgegengesetzten Weg ein. Putin baute den Rüstungssektor seit 2000 systematisch wieder auf und hielt zugleich die sowjetische Luftverteidigungsinfrastruktur funktionsfähig. Weil die dafür eingesetzten Summen nach europäischen Maßstäben vergleichsweise gering wirkten, wurde das lange nicht als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen. Heute richtet sich dieses Erbe gegen Europa.
Auch ehemalige Präsidenten sind auf der MSPO unterwegs: Selenskyjs Amtsvorgänger Petro Poroschenko. Im Hintergrund protestieren Demonstranten gegen die Präsenz israelischer Aussteller.
© Alexander Dergay für die Berliner und Ostdeutsche Allgemeine Zeitung
Deutschland gibt Dutzende Milliarden für Waffen aus, statt sie in seine veraltete zivile Infrastruktur zu investieren. Kauft es wenigstens die „richtigen Dinge“?
Schauen Sie auf den Iran. Die Amerikaner haben Tausende Marschflugkörper und Hunderte Patriot-Raketen verbraucht. Solche teuren Systeme entscheiden nichts ohne Bodentruppen, und die brauchen günstiges Gerät in großen Mengen. Mit Raketen allein lässt sich der Iran nicht niederhalten.
Zugleich liefern die Iraner Russland die wirksamste Technologie, die heute gegen uns eingesetzt wird. Wir können Russland nicht ohne ballistische Waffen bekämpfen – und die Front halten wir mit Drohnen. Neben teuren Systemen braucht es wirksames Massengerät, das sich schnell hochfahren lässt.
Der Krieg der Drohnen
Sie halten die russischen Truppen auf Abstand, können sie aber nicht zurückdrängen.
Nein. Wir haben vier- bis fünfmal weniger Menschen und ungefähr zehnmal weniger Geld. Motivation gleicht das nicht aus. Wenn Russland 300.000 Mann hineinwirft, ergibt es keinen Sinn, 100.000 unserer Soldaten für eine Stadt zu opfern. Dann ziehen wir uns zurück.
Rauch steigt über dem Flughafen von Kursk in Russland auf. Nach Angaben des Gouverneurs der Region wurde der Brand durch einen Drohnenangriff ausgelöst.
© Administration of the Kursk regi/imago
Russland trifft unsere Städte mit ballistischen Raketen großer Reichweite. Wir können nicht gleich antworten und setzen deshalb langsame Deep-Strike-Drohnen ein, die wir hier in zwei oder drei Jahren bis zu präzisen Angriffen weiterentwickelt haben.
Wir haben keine neue Technologie erfunden, sondern ein Einsatzkonzept. Im zweiten Kriegsjahr nannte unser Verteidigungsminister die Mavic eine Hochzeitsdrohne. Sie ist eine Hochzeitsdrohne – und war trotzdem die wichtigste Waffe der Infanterie. Panzer wurden für fünf bis zehn Kilometer Entfernung entwickelt. Heute sind sie vom Schlachtfeld verschwunden, weil Drohnen sie auf zwanzig Kilometer zerstören.
Die meisten Ihrer Komponenten kommen aus China, das zugleich Russland beliefert.
Es gibt keine Alternative. Vieles stellen wir auch in der Ukraine her, dann ist es eine Preisfrage – in der EU liegt die Verfügbarkeit bei null. Neodym-Magnete kaufen alle in China, auch die USA. Wenn China nicht mehr liefert, hat die ganze Welt ein Problem.
Werkstatt eines ukrainischen Drohnenherstellers. Neuartige Modelle werden mithilfe von Glasfaserkabeln gesteuert und sind dadurch weniger anfällig für elektronische Störmaßnahmen.
© Friedrich Bungert/dpa
Der Vorstandsvorsitzende von Rheinmetall Armin Papperger nennt Ihre Waffen „Hausfrauen-Waffen“. Was sollte Deutschland kopieren – und was nicht?
Mir gefällt der Ausdruck. Gemeint sind damit für mich etwa Systeme aus dem 3D-Drucker: Wenn eine Technologie so einfach ist, dass sie sich notfalls in einer Küche reproduzieren lässt, bleibt sie trotzdem Technologie.
Nicht kopieren sollte Deutschland unsere Vielfalt. Die Russen setzen auf wenige Standardtypen und entwickeln diese kontinuierlich weiter. Wir haben rund hundert Hersteller mit jeweils eigenen Zellen, Nutzlasten und Bodenstationen. Bei FPV-Drohnen arbeiten die Russen mit fünf Standardtypen, wir mit dreihundert. Das Ministerium müsste stärker standardisieren und die besten Systeme auswählen und sie anschließend in großer Stückzahl bauen lassen. Heute will fast jede Einheit ihre eigene Drohne – im Hauptquartier entsteht daraus eine Bestandsliste, die kaum noch zu beherrschen ist.
Ukrainian Armor ist vor allem für gepanzerte Fahrzeuge bekannt. Welche Rolle spielen Sie beim Deep Strike?
Das ist die Falle unseres Namens. Ab 2017 waren wir der einzige Mörserhersteller der Ukraine und vor der Vollinvasion auch der einzige Produzent von Mörsermunition. Mörser und Artillerie hielten 2022 und 2023 die russische Infanterie auf. Drohnen wurden erst später entscheidend. Wir produzieren rund 2000 Mörser im Jahr – mehr, glaube ich, als alle EU-Staaten zusammen besitzen.
Die baltischen Staaten haben keine operative Tiefe. Bei 40 Kilometern Reichweite müssten Sie eine Haubitze an den Strand stellen, um die russische Grenze zu erreichen. Sie brauchen Mörser und Munition in enormen Mengen. Der Westen setzte auf Präzisionskrieg: Gefechtsstände treffen, der Gegner bricht zusammen. Das ist weder in Russland noch im Iran passiert.
Ein leicht gepanzertes Fahrzeug vom Typ Saigak-1 des ukrainischen Herstellers Ukrainian Armor auf der 34. Internationalen Messe der Verteidigungsindustrie MSPO in Kielce.
© Marek Antoni Iwanczuk/NurPhoto
Was hat Deutschland davon?
Viele Deutsche sehen die Ukraine-Hilfe als Geld, das abfließt und versickert. Was hat Deutschland davon?
Es ist ein Fehler, in einem Krieg nach einer wirtschaftlichen Dividende zu suchen. Ich sage das als Hersteller kaltblütig: Unser Fahrzeug kostet 300.000 Euro, und der Staat zahlt einer Familie 300.000 Euro für einen gefallenen Soldaten. Also sage ich: Kauft das Fahrzeug, schützt den Soldaten und sorgt dafür, dass er in der ersten Stunde medizinisch versorgt wird. Darin liegt die Ersparnis. Aber eine Wirtschaft wächst nicht durch Kriegsausgaben. Man verteidigt ein Land, mehr nicht.
Was die Ukraine anbieten kann, ist die Lektion. Die Golfstaaten und die USA kannten keine Budgetgrenzen und kauften die teuerste Technologie. Dann feuerte der Iran einige hundert ballistische Raketen ab, schickte billige Drohnen – und das System versagte. Bei uns sagt man: Dumme lernen aus eigenen Fehlern, Kluge aus denen anderer.
Kaufen Sie, was funktioniert, und halten Sie die nötigen Mengen vor. Europa sollte auch auf sein eigenes Territorium schauen: ausgebrannte Fabriken in Lettland und Deutschland, Kraftwerke. Die Russen sind nicht dumm und sie sind fähig. Das müssen wir berücksichtigen.
Wenn deutsche Unternehmen Korruptionsbedenken gegenüber ukrainischen Lieferanten äußern: Wieviel davon ist Vorsicht und wieviel Marktschutz?
Wir Ukrainer produzieren gern Skandale. Aber vergleichen Sie, was gekauft wird und zu welchem Preis: Die Ukraine kauft immer billiger. Ja, wir haben Korruption. Alle haben Korruption. Entscheidend ist, was das System dagegen tut. Unsere Skandale sind selbst eine Form des Schutzes.
Verteidigen europäische Unternehmen ihren Markt? Absolut. Politik muss daraus Kooperation statt Konkurrenz machen. Ich will meine Fahrzeuge nicht einfach in Deutschland verkaufen. Ich will mit Deutschland bauen, mit Unternehmen wie MBDA.
Ermittlungen und Beschaffung
Im Juli durchsuchten Ermittler Ihre Räume wegen eines Vertrags über 6000 RPG-75M. Im Raum standen Vorwürfe zu Preis, Qualität und jahrzehntealten Komponenten. Was ist passiert?
Ein gutes Beispiel dafür, was der niedrigste Preis anrichtet. Es gab Ermittlungen, aber keine Anklage, und alle Seiten bestätigten, dass wir die günstigsten RPGs geliefert haben. Die eigentliche Geschichte ist der Konflikt zwischen Fedorow und dem Generalstab darüber, was beschafft werden soll. Wir hatten mit Syrskyj einen sehr guten Befehlshaber und einen sehr guten Verteidigungsminister – nur konnten die beiden nicht miteinander arbeiten.
Der Generalstab entscheidet, was gebraucht wird, das Ministerium beschafft es. Stattdessen begann das Ministerium zu entscheiden, womit die Armee kämpfen sollte. Die Beschaffungsagentur bestellte die RPGs, später sagte die Logistik, sie würden nicht gebraucht. Davon wussten wir nichts und lieferten, was bestellt war. Das ist der ganze Fall. Wir machten ihn selbst öffentlich; seitdem hat mich kein westlicher Partner darauf angesprochen.
Auf einem Bildschirm am Stand des ukrainischen Unternehmens Fire Point ist die Drohne WINGSPAN zu sehen. Das 2022 gegründete Unternehmen entwickelt Langstrecken-Kampfdrohnen und Raketensysteme.
© Frédéric Pétry/dpa
Ihr Wettbewerber Fire Point gewinnt große Staatsaufträge, sieht sich Vorwürfen über bevorzugte politische Verbindungen ausgesetzt und arbeitet inzwischen mit dem deutschen Waffenhersteller Diehl zusammen. Wird die Ukraine zu einem Selbstbedienungsladen für diejenigen mit den richtigen Kontakten?
Nehmen Sie Rheinmetall. Deutschland hat eine etablierte Industrie und ein funktionierendes Beschaffungssystem – und trotzdem heißt es, Rheinmetall bekomme zu viele Aufträge. Solche Privilegien gelten schnell als Korruption. Aber in Deutschland ‚gibt es natürlich keine Korruption'. Die gibt es nur in der Ukraine, oder?
Für die Vorwürfe gegen ukrainische Unternehmen gibt es aus meiner Sicht keine Belege. Diese Unternehmen sind Partner beim Aufbau unserer Verteidigungsindustrie, keine Konkurrenten. Unser eigentliches Problem ist die geringe Erfolgsquote unserer Angriffe tief im russischen Hinterland. Wir setzen Raffinerien in Brand, Russland greift unsere Industrie an. Im Abnutzungskrieg zählt Effizienz.
Deshalb braucht Fire Point einen Partner wie Diehl. Suchköpfe und andere wichtige Komponenten werden in der Ukraine noch nicht hergestellt. Wir brauchen keine Waffen, die nur Lärm machen. Jeder Euro und jede Hrywnja müssen möglichst viel bewirken.
Trump und die verlorenen Karten
Wie bewerten Sie den Friedensvorstoß von Kushner und Witkoff in Kiew und Moskau? Hat Trump Putin einen Ausweg angeboten?
Er wird zu nichts führen. Aus meiner Sicht verliert Amerika. Unter Trump hat Amerika bislang leider nur Karten verloren. Der Chef der CIA ist – das weiß ich nur aus den Medien – nach Russland gereist, um Putin zum Ende des Krieges zu bewegen, und bekam nicht einmal ein Treffen.
Kushner und Witkoff wurden dagegen empfangen. Man sagte ihnen sinngemäß: Natürlich vertrauen wir Ihnen, lassen Sie uns weiterreden. Damit kauft Russland Zeit. Es bereitet eine weitere Mobilmachung vor und vervielfacht die Produktion ballistischer Raketen. Unsere Abfangmittel sind kaum der Rede wert: Umgebaute FPV-Drohnen können eine strahlgetriebene Drohne nicht aufhalten. Russland hat bereits die ‚Banderol‘. Wir haben nichts, womit wir sie abschießen könnten.
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Junger Elan, Hunger auf Wohlstand und bedingungsloser Wettbewerb: Indien will die erste Welt werden
Oder braucht Trump vor den Midterms schlicht ein Signal für seine Wähler?
Er will ein Ergebnis, und ich glaube, dass er es wirklich will. Aber wie Trump zu Selenskyj gesagt hat: „Sie haben keine Karten.“
Auch Washington hat nicht besonders viele Karten. Wir sahen es beim Iran und sehen es jetzt bei Russland. Moskau sieht keinen Grund aufzuhören und nutzt Verhandlungen, um Zeit zu gewinnen. Wenn die USA und Europa ein echtes Ergebnis wollen, müssen sie der Ukraine helfen, das Kräfteverhältnis zu verändern. Sie sagen, wir hätten keine Karten. Dann helfen Sie uns, welche zu schaffen. Unterstützen Sie die Fähigkeiten, die die Lage verändern können. Dann haben auch Sie diese Karten.
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