ISTANBUL, 8. Juli. Nicht jeder Botschafter, der Ankara verlässt, erhält einen Termin beim Chef des Generalstabs. Generaloberst Hilmi Özkök gewährte dem scheidenden US-Botschafter Robert Pearson am Montag diese Ehre - trotz der aktuellen Spannungen zwischen beiden Ländern. Die Festnahme von elf türkischen Soldaten im Nordirak durch amerikanische Truppen, ihre raue Behandlung und die Tatsache, dass fast drei Tage vergingen, bevor sie freigelassen wurden, hat dem innigen Verhältnis freilich einen schweren Schlag versetzt. Der zurückhaltende Özkök sprach von der bisher "schwersten Vertrauenskrise zwischen den Armeen" beider Länder. Er zeigte sich verbittert darüber, dass die USA nicht einen der zahlreichen militärischen Kanäle nutzten und stattdessen die Türken mit der Aktion vor aller Welt bloßstellten. So hätte man nicht vorgehen dürfen, beklagte sich Özkök, "selbst wenn der Aktion Geheimdienstmeldungen zu Grunde liegen und es Probleme geben sollte". Die türkische Opposition verlangt von der Regierung eine Neubewertung der türkisch-amerikanischen Beziehungen, in den Medien wird gar die Kündigung von türkischen Rüstungsaufträgen an US-Firmen gefordert.Armee bewaffnet TurkmenenDie USA beschuldigen die türkischen Offiziere, sie hätten einen Anschlag auf den kurdischen Gouverneur von Kirkuk geplant. Für die Türkei ist Kirkuk das Zentrum der Turkmenen, und die Ernennung eines Kurden zum Gouverneur der Stadt hatte viel böses Blut hervorgerufen. Doch es geht nicht nur um den Gouverneur. Als die US-Soldaten am Wochenende in der Stadt Sulaymaniya die elf Türken aus dem Zentrum der Turkmenischen Front holten, besetzten sie gleichzeitig den Radiosender und das Kulturzentrum der Turkmenen. Die USA behandeln die Organisationen der Turkmenen eher als fünfte Kolonne der Türkei, denn als Vertreter der lokalen turkmenischen Bevölkerung.Tatsächlich nutzt Ankara die Turkmenen seit langem für die Sicherung seines Einflusses im Irak. Schon 1970 begann die Türkei damit, Lehrer in die turkmenischen Städte zu entsenden, und 1991 gründete sich die Nationale Turkmenische Partei nicht in Bagdad, sondern in Ankara. Dort denkt heute Ihsan Dogramaci, einflussreicher Geschäftsmann und Universitätsgründer mit besten Beziehungen zum Militär, über die Gründung einer türkischen Universität im nordirakischen Erbil nach.Neben dem Kampf gegen die PKK-Truppen im Nordirak waren die Rechte der Turkmenen die zweite Trumpfkarte Ankaras für seine Forderung nach Mitsprache im Irak. Und Ankara hat es nicht bei der Bildungspolitik belassen. Ende April erwischten US-Militärs türkische Soldaten in Zivil beim Waffenschmuggel für turkmenische Organisationen. Oberst Billy Mayville, der damals Regie führte, befehligte jetzt die Festnahme der türkischen Offiziere.Die USA wissen, dass die zirka 1 000 Angehörigen der türkischen Spezialeinheiten im Nordirak, die meist in Zivil oder im Kostüm der kurdischen Peschmerga Dienst tun, seit mindestens einem Jahr damit beschäftigt sind, die Turkmenen zu bewaffnen. In Ankara heißt es, man müsse den Volksgenossen im Irak ermöglichen, sich gegen die übermächtigen Kurden zu schützen. Solange die Türkei willig schien, sich gegen Saddam Hussein einspannen zu lassen, hat Washington beide Augen zugedrückt. Jetzt häufen sich die amerikanischen Warnungen an die türkische Adresse. Washington will den Einfluss der Türkei im Irak minimieren.Die US-Regierung ist nicht nur von der Entscheidung des türkischen Parlaments enttäuscht, das ihr im März den Einmarsch in den Irak vom türkischen Boden aus verweigert hat. "Die Armee hat ihre Führungsaufgabe nicht wahrgenommen", beklagte sich im Mai US-Vizeaußenminister Wolfowitz und kündigte an, dass die USA türkische Soldaten nicht auf Dauer im Irak dulden würden.Letztmals gezählt im Jahre 1957 // Die Turkmenen als Volksgruppe existieren in vielen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens. Im Irak wurden in den einst homogenen Siedlungsgebieten nach Machtübernahme durch Saddam Hussein systematisch Araber angesiedelt.Die Zahl der Turkmenen im Irak ist unklar. Die letzte Zählung, bei der die Volksgruppe erwähnt wurde, fand 1957 statt. Türkische Quellen gehen von derzeit knapp zwei Millionen Turkmenen im Irak aus, dessen Gesamtbevölkerung rund 23 Millionen beträgt.BLZ/LUKAS PUSCH Karte Irak.DPA Türkischer Wachturm an der Grenze zum Irak.
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