Der Iran-Krieg hat den Ölmärkten einen der größten Schocks seit Jahren verpasst – und dennoch bleibt der Ölpreis im Iran-Krieg vergleichsweise stabil. Nach der Schließung der Straße von Hormus fielen rund 14 Millionen Barrel pro Tag weg, etwa 14 Prozent der weltweiten Förderung.
Zum Vergleich: Russlands Angriff auf die Ukraine kostete den Markt nur rund ein Prozent. Doch warum steigen aufgrund dieser massiven Unterbrechung nicht die Preise deutlich mehr? Ökonomen der Europäischen Zentralbank (EZB) präsentieren eine interessante Erklärung: Ein entscheidender Faktor ist ihrer Ansicht nach China.
Warum der Preisschock kleiner ausfällt als 2022
Laut historischer Analyse müsste ein Rückgang des Handels dieser Größenordnung den Ölpreis laut EZB um bis zu 105 Prozent ansteigen lassen. Tatsächlich liegt der Anstieg jedoch bei einem Preis von etwa 94 US-Dollar pro Barrel, was 29 Prozent über dem Niveau vor dem Krieg liegt. Diese Entwicklung ähnelt dem Anstieg nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022, obwohl der Angebotsverlust damals weitaus geringer war.
Die Analysten der EZB führen den moderaten Preisanstieg auf verschiedene Faktoren zurück: zum einen auf die besseren Marktbedingungen, zum anderen auf höhere Lagerbestände und die Erwartung, dass der Konflikt rasch endet.
Chinas Ölreserven: Ein Puffer für die Weltwirtschaft
Der entscheidende Punkt sind dabei die massiven Vorbereitungen Chinas. Laut EZB stiegen die Ölreserven des Landes von 92 Tagen Importdeckung im Jahr 2023 auf annähernd 115 Tage Anfang 2026. Diese umfassenden Bestände hätten dazu beigetragen, „den Effekt der Angebotsausfälle abzufedern“, erklären die Ökonomen – ein Befund, den das Brüsseler Portal Euractiv als Aufruf deutete, sich bei China für die „Rettung der Weltwirtschaft“ zu bedanken.
Zusätzlich sind weitere Entwicklungen in China zu berücksichtigen: Der Umstieg auf Elektroautos und ein sinkender Verbrauch in der Petrochemie haben die Öl-Nachfrage verringert und damit den Preisdruck gedämpft. Auch die Internationale Energieagentur (IEA) hat ihre Nachfrageprognosen deutlich nach unten korrigiert.
Kein Zufall: Chinas jahrelange Strategie zahlt sich aus
Dass China den Schock so gelassen wegsteckt, ist kein Glück, sondern Ergebnis einer langfristigen Planung. Das betonte kürzlich Dr. Erica Downs, Energieexpertin an der Columbia University und frühere Analystin des US-Geheimdiensts CIA, im Gespräch mit dem World Economic Forum.
Seit über 20 Jahren baue China grenzüberschreitende Öl- und Gaspipelines, lege große Ölvorräte an und mache seinen Energiemix breiter. Hinzu komme die Elektrifizierung – vor allem im Verkehr –, die ein Wachstum der Ölnachfrage verhindert habe.
Der Krieg bestätige diesen Kurs nur. „Die Krise bestätigt für China erneut, dass der Weg, den sie eingeschlagen haben, der richtige ist“, sagt Downs. Nicht zufällig taucht in Chinas 15. Fünfjahresplan (2026–2030) erstmals der Begriff „Energiegroßmacht“ auf: das Ziel eines möglichst autarken, widerstandsfähigen Energiesystems.
Diese Faktoren halten die Preise zusätzlich im Zaum
Doch nicht nur China trug laut den EZB-Experten zur Entspannung bei. Der Markt war insgesamt besser vorbereitet als im Jahr 2022, als bereits ein Angebotsdefizit herrschte.
Zusätzliche Faktoren, die die Preise stabil halten
- Angebotsüberschuss: Der Ölmarkt ging mit einem Überschuss von rund 2,5 Millionen Barrel pro Tag in den Konflikt, gestützt unter anderem durch Rekord-Fördermengen aus US-Schieferöl.
- Strategische Reserven: Die IEA gab koordiniert 400 Millionen Barrel aus strategischen Beständen frei – weit mehr als die 182 Millionen Barrel im Jahr 2022.
- Erwartungen: Investoren rechneten mit einer schnellen Lösung des Konflikts.
Auch beim Gas fällt der Anstieg milder aus
Auch auf dem Gasmarkt blieb der Preisanstieg relativ moderat. Der Iran-Krieg trifft mit der Schließung der Straße von Hormus etwa 20 Prozent der weltweiten Flüssiggas-Lieferungen (LNG). Dennoch stieg der europäische Gaspreis (TTF) bis Anfang Juni lediglich um 53 Prozent auf 49 Euro pro Megawattstunde, während historisch ein Anstieg von etwa 81 Prozent zu erwarten gewesen wäre.
Ein Grund: Europa hatte sich nach 2022 breiter aufgestellt und war weniger direkt von Lieferungen aus dem Nahen Osten abhängig. Zudem konkurrierte Asien 2026 weniger aggressiv um LNG-Ladungen, was auf Chinas diversifizierten Energiemix zurückzuführen ist.
Energieschock: China ist vorbereitet, die EU nicht
CXMT-Börsengang: Chinas Chip-Aktie explodiert um 466 Prozent
Fazit
Obwohl der Iran-Konflikt die Öl- und Gasversorgung erheblich beeinträchtigt hat, bleibt der Preisdruck erstaunlich gering. Faktoren wie Chinas vorab geplante Lagerbestände, eine insgesamt verbesserte Marktvorbereitung und das geringere Engagement Asiens im LNG-Sektor dämpfen die Preisanstiege nach Ansicht der Ökonomen weltweit. Für Verbraucher bleibt die Situation bisher stabil – und es bleibt abzuwarten, wie sich die geopolitischen Spannungen weiter auswirken werden.
Für China selbst zieht Energieexpertin Erica Downs im World Economic Forum eine klare Bilanz: Die Krise bestätige den Kurs, den das Land seit über 20 Jahren verfolge. China wolle möglichst unabhängig und widerstandsfähig werden – und setze dafür verstärkt auf nicht-fossile Energien, die genau diese Selbstversorgung ermöglichten
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]