Die USA verfolgen Irans Öltanker bis aufs offene Meer. Doch dort verlieren sich ihre Spuren. Vor der Küste Malaysias wechseln die Schiffe ihre Ladung – und ein Teil des iranischen Öls findet trotz der Sanktionen seinen Weg zu neuen Käufern.
Eine Recherche der New York Times (NYT) zeigt, wie das Geschäft dort funktioniert. Der Umschlagplatz liegt demnach rund 70 Kilometer vor der Küste des Bundesstaats Johor, außerhalb der malaysischen Hoheitsgewässer. Viele Tanker fahren unter falscher Flagge und manipulieren ihre Ortungssignale. Manche pumpen das Öl während der Fahrt um, damit sie schwerer zu entdecken sind. Das meiste davon geht nach China, laut dem Analysehaus Kpler mehr als 80 Prozent der iranischen Exporte. Käufer sind vor allem kleine unabhängige Raffinerien.
Bargeld für Lotsen und Lieferanten
Ohne Hilfe von Land kommt die Schattenflotte nicht aus. Die Schiffe brauchen Proviant und Treibstoff, für das Umpumpen brauchen sie ortskundige Kapitäne. Firmen aus Johor liefern das dem Bericht zufolge gegen Aufpreis und oft gegen Bargeld. Der Manager eines Schiffsausrüsters sagte der Zeitung anonym, sein Unternehmen nehme solche Aufträge nur an, wenn keine Unterlagen zurückblieben. Ein Lotse berichtete von Anfragen, die mit Bezahlung in Kryptowährung lockten. Seine Firma lehne sie ab.
Strafbar ist das Geschäft in Malaysia nicht, weil das Land die US-Sanktionen nicht anerkennt und seit langem eine Politik der Blockfreiheit verfolgt. Die malaysische Seebehörde erklärte im Mai, sie könne gegen die Umladungen wenig ausrichten, wie die Nachrichtenagentur AP berichtete. Die US-Organisation United Against Nuclear Iran hatte damals 42 Umladungen iranischen Öls seit Kriegsbeginn Ende Februar gezählt.
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Washington nimmt nun die Helfer ins Visier. Finanzminister Scott Bessent stellte Ende August ein Sanktionspaket vor, das er einen „ökonomischen D-Day“ nannte. Sein Ministerium habe jedes Netzwerk erfasst, über das Iran Öl schmuggle. Nach Angaben der New York Times trifft das Paket auch Schiffsmakler und Treibstofflieferanten. Wer gelistet wird, verliert den Zugang zum Dollar-Zahlungsverkehr.
Peking weist die Maßnahmen zurück. Außenamtssprecher Lin Jian sprach von „illegalen einseitigen Sanktionen ohne jede Grundlage im Völkerrecht“. Die Zusammenarbeit mit Iran bewege sich im Rahmen des Völkerrechts.
Die Seeblockade bremst den Nachschub allerdings. Von Mitte Juli bis in den August hinein passierten laut Kpler keine Supertanker mit iranischem Rohöl mehr erkennbar die Straße von Hormus, wie Reuters berichtete. Die schwimmenden Vorräte außerhalb der Blockadezone schrumpften in dieser Zeit von 105 auf rund 80 Millionen Barrel. Etwa die Hälfte davon lag auf Schiffen vor Malaysia.
Anfang September zerstörten US-Streitkräfte im Golf von Oman zudem einen iranischen Tanker und beschädigten zwei weitere, nachdem Iran US-Kriegsschiffe mit Raketen angegriffen hatte.
© US Central Command Handout/AFP
Ölströme können nicht gebremst werden
Der Handel vor Johor läuft den Recherchen zufolge weiter. Der Ölhandelsexperte Dalga Khatinoglu sagte der NYT, die Sanktionen hätten die Ölströme bislang kaum verändert. Die Versorger fahren mit kleinen Booten hinaus, die auf Satellitenbildern kaum auffallen. Wird eine Firma gelistet, gründen die Betreiber eine neue.
Aus Sicht von Julian Pawlak von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) bleibt der Druck auf die Helfer trotzdem nicht folgenlos. „Jede Sanktion gegen Dienstleister engt den Spielraum einer Schattenflotte weiter ein“, sagte er dieser Zeitung. Die Reichweite sei aber begrenzt, weil Sanktionen nur für jene gälten, die sich an ihnen beteiligten. „Die Listung solcher Schiffe allein ändert auf See zunächst wenig.“ Völkerrechtlich bleibe es zulässig, das Öl durch internationale Gewässer in Häfen von Staaten zu bringen, die die Sanktionen nicht mittragen.
Was Malaysia umstimmen könnte
Pawlak schlägt deshalb einen anderen Weg vor. Zielführender könne es sein, Küsten- und Abnehmerstaaten wirtschaftliche Alternativen oder Anreize anzubieten. Auf ähnliche Weise seien einzelne Staaten mit sogenannten Billigflaggen bereits zur Anpassung bewegt worden.
In Deutschland kennt man die Schattenflotte vor allem aus der Ostsee, wo russische Tanker Sanktionen umgehen. Das System sei in beiden Fällen zunächst ähnlich, sagte Pawlak. Es diene dem Export, mit verschleierten Eigentümern und zum Teil falschen Flaggen. Teile der Russland zugerechneten Schattenflotte würden jedoch „zusätzlich mit Sabotage, Spionage oder Drohnenüberflügen in Verbindung gebracht“. Nach Angaben der SWP werden inzwischen rund 17 Prozent aller Öltanker weltweit der Schattenflotte zugerechnet.
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