Es ist jetzt fast zwanzig Jahre her, da recherchierte Irina Liebmann für einen Roman in der Gegend um den Hackeschen Markt. Es war die Zeit der politischen Lähmung in der DDR, als die Ausreiseanträge sich schon häuften. Die alten Häuser verfielen, Neubaugebiete am Stadtrand sollten die Wohnungsmisere lösen. Liebmann, 1944 in Moskau geboren, aber in Ost-Berlin aufgewachsen, hat sich immer wieder mit Berlin beschäftigt. Sie fängt die Geschichten der Stadt ein, erspürt Stimmungen und atmosphärische Störungen. Das Buch über den Hackeschen Markt ist nie fertig geworden. Und das, was sie jetzt auf Grundlage jener Recherche unter dem Titel "Stille Mitte von Berlin" publiziert hat, ist etwas ganz Anderes als der geplante Roman.Spuren jüdischen Lebens Die Gegend, in der sie sich damals bewegte, gehört heute zu den lebendigsten Vierteln der Stadt. Liebmann, die sie vor zwanzig Jahren im Zustand der Ödnis durchstreifte und fotografierte, hat die alten Bilder im Kopf, wenn sie den neuen Glanz sieht. Ihre Recherche führte sie damals zunächst zu den Menschen in der Großen Hamburger Straße, sie fragte alte Frauen nach ihren Erinnerungen an Nachbarn, an Läden und Cafés. Freundlich wurde sie empfangen, nett plauderten die Frauen mit ihr, bis sie nach den jüdischen Bewohnern fragte. "Solche Leute waren auf einmal weg", hieß es dann. Doch als sie wissen wollte, was es für die anderen bedeutete, was sie empfanden angesichts der Transporte, der Sammelstelle um die Ecke - da hatte keiner mehr Zeit für sie. Irina Liebmann ging mit ihren Fragen noch weiter zurück. Sie verbrachte Wochen und Monate in der Stadtbibliothek in der Breiten Straße, zu der das Berlin-Archiv gehört, in der Staatsbibliothek Unter den Linden, wo sie sämtliche Ausgaben der "Urwählerzeitung" von 1849/50 studierte, und in einem kalten Hinterzimmer der Sophiengemeinde, einer Kirche, die einst in der Gegend Politik machte. Gestritten wurde um Baugenehmigungen für die Große Hamburger Straße und den Kauf von Häusern, aber auch um die Zusammensetzung des Gemeindekirchenrates, der den Mitgliedern des Berliner Parochialvereins "zu liberal" schien - liberal den Juden gegenüber. Irina Liebmann fand in den Dokumenten Belege für einen Antisemitismus, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Sie hatte eigentlich gar nicht vor, in der Gegend nach den Juden zu suchen. Sie empfand ihnen gegenüber eine Scheu, die es oft im Osten gab, eine Beklemmung, die sie nicht benennen konnte. Andererseits wusste sie, dass die Legende, es handele sich um ein ehemals jüdisches Viertel, nicht stimmte. Die Bevölkerung war hier am Anfang des 20. Jahrhunderts so gemischt wie vielerorts in Berlin. Das jüdische Leben ist aber durch die nationalsozialistische Rassenpolitik fast völlig ausgelöscht worden. Die täglichen NachrichtenIrina Liebmann hat ihre alten Notizen gesichtet, die Fotos mit den verwaschenen Farben geordnet und eine Geschichte ihrer Recherche zusammengestellt. Ein Roman ist daraus zwar nicht geworden, aber ein außergewöhnliches Berlin-Buch, das mehr erzählt, als man von Thema und Titel erwarten durfte. Es ist auf zwei Ebenen von Tagesaktualität durchzogen. Am 1. September 1983 ließ das sowjetische Militär ein koreanisches Passagierflugzeug über Sachalin abschießen, 269 Menschen starben. Die Nachricht wurde in der DDR erst verschwiegen, später verdreht. Sie erinnert sich daran unter dem Eindruck des 11. Septembers 2001. "Damals warteten wir eine Woche lang ebenso sehr auf die täglichen Nachrichten wie in den Tagen nach den Angriffen auf New York und Washington", schreibt sie. "Das Einzige, was ich nie vergessen habe, ist das Gefühl, nicht weg zu können, wenn s kracht. Dieses Gefühl haben jetzt alle."Irina Liebmann: Stille Mitte von Berlin. Eine Recherche um den Hackeschen Markt. Nicolai Verlag, Berlin 2002. 108 Seiten, 19,90 Euro.IRINA LIEBMANN/AUS DEM BESPROCHENEN BAND Große Hamburger Straße, Ecke Krausnickstraße, etwa 1982
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