Dass sich ein Buch über die frühen Jahre der DDR und ihre Grundlagen, über Widerstand und Exil, wie ein Kriminalroman liest - das hätte man nicht erwartet. Aber es ist so: Mit angehaltenem Atem folgt man der Lektüre von Irina Liebmanns "Wäre es schön? Es wäre schön!", zutiefst Anteil nehmend, manchmal ungläubig und zunehmend erbittert über all das, was hier offenbart wird. Dies ist die Geschichte eines Engagements für eine bessere Welt, die schließlich in der Auslöschung desjenigen endete, der sich aufrichtig dafür engagierte. Es ist eine Geschichte von Opferbereitschaft, Intelligenz und Mut, aber auch eine über tödliche Intrigen, ungeheuere menschliche Kälte, Lügen, Verleumdungen und Feigheit. In dieser Geschichte ist eine Deutschlands enthalten und eine darüber, wie Öffentlichkeit gehandhabt wird, wie man mit historischen Tatsachen umgeht. Gründe genug, Liebmanns Buch mit großem Gewinn zu lesen - für den Fall, dass jemand fragt, was einem das denn alles solle: Faschismus, Kommunismus, DDR - fast zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer.Irina Liebmann ist die Tochter von Rudolf Herrnstadt (1903-1966). Das ist ein Name, der nicht mehr vielen etwas sagt. Dabei war Herrnstadt eine der Gründerfiguren der deutschen Presse der Nachkriegszeit; so verantwortete er etwa die ersten Ausgaben der "Berliner Zeitung" und war bald darauf Chefredakteur des "Neuen Deutschland", einer Zeitung, in der Liebmann zufolge seinerzeit tatsächlich noch etwas stand. Herrnstadt gehörte zu jenen führenden SED-Mitgliedern, die schon bald nach der Gründung der DDR im Oktober 1949 einen Reformkurs forderten: Zulassen von Offenheit und Kritik, innerparteiliche Demokratie statt Dogmen; tatsächliche und nicht nur proklamierte Verbindung zum Volk. Schließlich Abkehr vom Personenkult, was in der Forderung nach dem Rücktritt des damaligen SED-Vorsitzenden Walter Ulbrichts gipfelte. Das alles schrieb Herrnstadt in den Zeitungen, die er leitete! Und dafür wurde er, ebenso wie sein Mitstreiter Wilhelm Zaisser, nach den Arbeiteraufständen vom 17. Juni 1953, für die beide mitverantwortlich gemacht wurden, als "Feind der Partei" bestraft. Das bedeutete Parteiausschluss, Tribunale, Verbannung in die Provinz, manchmal Hetze bis in den Tod.Herrnstadts Tochter Irina, 1943 im Moskauer Exil geboren, hat mit der Biografie dieses Mannes nicht nur eine späte Ehrenrettung vorgelegt, sondern auch einen damals nicht untypischen Lebensweg beschrieben: den vom bürgerlichen Intellektuellen zum Kommunisten, dessen Utopie an der Wirklichkeit scheitern musste. Der Leser lernt ein schillerndes, aufregendes Leben kennen: Rudolf Herrnstadt wurde als Sohn eines Rechtsanwalts in einer jüdischen Familie in Gleiwitz geboren. Weil er sein Jurastudium in Heidelberg aufgibt, schickt ihn der sozial empfindende Vater in die oberschlesischen Fabriken: "Rudi" soll sehen, wie die Arbeiter schuften müssen. 1925 bewirbt sich "Rudi" mit einer selbstgeschriebenen Ausgabe - alle Artikel sind von ihm, auf den Tag! - bei der besten Zeitung von Berlin, dem "Berliner Tageblatt"; dessen Chef Theodor Wolff stellt ihn ein. Die Gefahren des Faschismus analysiert Herrnstadt früh und zieht eine Schlussfolgerung daraus: Er will Mitglied der KPD werden, zu dieser Gemeinschaft von "Menschen aus einer künftigen Zeit" gehören, erhält aber den Auftrag, der Partei als "bürgerlicher Journalist" nützlich zu sein. Wie viele andere Linksintellektuelle auch spioniert Herrnstadt für den Auslandsnachrichtendienst der Roten Armee. Sein Weg als Korrespondent führt von Berlin über Prag und Warschau nach Moskau und, 1945 mit der Roten Armee, wieder nach Berlin.Stationen eines Lebens, in dessen auch internationale politische Zusammenhänge sich Liebmann akribisch hineingearbeitet hat. Denn sie will sich selbst eine Frage beantworten, die sie wohl schon lange quält: Wie konnte es geschehen, dass sich ein intelligenter, wacher Mensch einer Diktatur verschrieb, die sozialistisch zu sein vorgab, tatsächlich aber von der Beschränktheit und den Paranoia kleinbürgerlicher Funktionäre bestimmt war? Herrnstadt passte da ja nicht hinein: "mit diesen Anzügen, diesem Auftreten, diesen Ansprüchen!" Wie konnte so einer den Glauben an "die Sache" behalten, wo er doch sah: Menschen wurden in ihrem Namen betrogen und geopfert, etwa Widerständler in Hitlers Berlin, die man von Moskau aus leicht hätte warnen können. Aber nein, das geschah nicht.Wer wie Liebmann solche Fragen stellt, schreibt letztlich eine Chronik unaufgelöster Widersprüche. Schonungslos sind die Parallelen zwischen den Hexenjagden unter McCarthy in den USA und den Verfolgungen unter Stalin. Antisemitismus, wie ihn Herrnstadt seitens deutscher Kommunisten erlebte, kommt zur Sprache, und auch der verordnete, falsche Antifaschismus in der DDR. Das alles ist bis heute nicht aufgearbeitet. Und immer wieder geht es um Walter Ulbricht: ein alle lebendige Entwicklung unterdrückender Intrigant, der selbst Mitstreiter vernichtete, die Jahre in den KZs der Nazis verbringen mussten. Mit der Beschreibung solcher KPD-Kader wie Ulbricht, Hermann Matern, Erich Honecker skizziert Liebmann, auf der Grundlage von Archivmaterialien, autobiografischen Erinnerungen, auch die Grundlagen der DDR: Dieser Staat musste untergehen.Irina Liebmann befragt also am Einzelfall die Entscheidungen einer ganzen Generation. Ihr Buch ist so reich und spannend, weil es sich gestattet, vieles zu sein: historische Recherche, aber auch zärtliches Zwiegespräch mit dem Vater; Porträt und Zeitbild, Sachbuch und subjektiver Nachruf. Ihrem Gegenstand muss Liebmann zwangsläufig in mehreren Rollen gegenüber treten, so spricht sie mal als Journalistin über "Herrnstadt", mal als Tochter von "Papa". Auch in diesen Perspektivwechseln zeigt sich das Verhältnishafte zwischen dem Einzelnen und der Geschichte, die das große tragische Thema des Buchs bleibt, bis ins Private hinein.------------------------------Foto: Rudolf Herrnstadt (1903-1966), Mitbegründer der Berliner Zeitung------------------------------Foto: Irina LiebmannWäre es schön? Es wäre schön!Mein Vater Rudolf Herrnstadt. Berlin Verlag, Berlin 2008. 288 S., 19,90 Euro.
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