Der mit Spannung erwartete zweite Testflug der deutschen Spectrum-Rakete ist am Mittwochabend unmittelbar vor dem Start abgebrochen worden, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet. Der Countdown auf dem norwegischen Weltraumbahnhof Andøya war um 21.21 Uhr Ortszeit bereits beendet, als der Abbruch kam. Die genauen Gründe waren zunächst unklar. Etwa zwanzig Minuten zuvor war laut dem Moderator der Livestream-Übertragung ein Boot in der Sicherheitszone rund um die an der Küste gelegene Startbasis entdeckt worden.
Damit bleibt ein historischer Meilenstein weiter unerreicht: Noch nie hat eine Rakete von europäischem Boden aus die Erdumlaufbahn erreicht. Das Münchner Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace mit Sitz in Ottobrunn wollte genau das am Mittwoch schaffen – zum zweiten Mal nach dem gescheiterten Erstflug vor knapp einem Jahr.
Am 30. März 2025 war die zweistufige, rund 28 Meter hohe Spectrum-Rakete laut Space.com erstmals vom selben Startplatz abgehoben, stürzte jedoch nach weniger als einer Minute ins Meer. Isar Aerospace hatte die Erkenntnisse daraus in die Vorbereitung des zweiten Versuchs einfließen lassen. Unternehmenschef und Mitgründer Daniel Metzler hatte am Vortag ein vergleichsweise bescheidenes Ziel formuliert: „Wir wollen signifikanten Fortschritt zeigen.“ Er verwies auf SpaceX, das Raumfahrtunternehmen von Elon Musk, das vier Versuche benötigt habe, um ins All zu gelangen, wie dpa berichtet.
Anders als beim Debütflug sollte die Rakete diesmal Nutzlast transportieren: fünf Kleinsatelliten und ein wissenschaftliches Experiment waren für den Flug vorgesehen. Eigentlich hätte der Start bereits im Januar stattfinden sollen, wurde aber wegen eines defekten Druckventils um zwei Monate verschoben. Auch im März erzwang schlechtes Wetter zwei weitere Verschiebungen.
Weitere Raketenstarts im Jahr geplant
Isar Aerospace will in diesem Jahr laut Angaben der dpa weitere Starts folgen lassen, der Bau der dritten Spectrum-Rakete ist bereits weit fortgeschritten. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben bis 2028 ausgebucht – obwohl die Rakete noch nicht serienreif ist. Das zeigt, wie groß der Bedarf in Europas Raumfahrtindustrie ist. Der Kontinent will seine Abhängigkeit von US-amerikanischen Startsystemen verringern, ein Anliegen, das laut Bloomberg durch angespannte transatlantische Beziehungen und Rückstände bei SpaceX-Starts an Dringlichkeit gewonnen hat.
Parallel zum Startversuch verhandelt Isar Aerospace über eine Finanzierungsrunde in Höhe von 250 Millionen Euro, die das Unternehmen mit rund zwei Milliarden Euro bewerten würde, wie Bloomberg berichtet. Ein Unternehmenssprecher wollte sich dazu nicht äußern. Dem Bericht zufolge ist sich das Unternehmen bewusst, dass der Ausgang des Starts die Bereitschaft der Investoren beeinflussen könnte. Seit der Gründung 2018 hat Isar Aerospace laut PitchBook mehr als 600 Millionen Dollar eingeworben – mehr als jedes andere europäische Raumfahrt-Start-up.
Das Unternehmen gehört zu den Finalisten der „European Launcher Challenge“ der ESA, einem 900 Millionen Euro schweren Programm, das einen erfolgreichen europäischen Orbitalstart bis zum kommenden Jahr anstrebt.
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