Israel und die Hisbollah tauschen nach langen Verhandlungen Tote und Gefangene aus

Heimkehr in Särgen

Inge Günter
5 Min

JERUSALEM. Bis zur letzten Minute hatte MIki Goldwasser gehofft, ihren Sohn lebend in die Arme zu schließen. äHeute ist es vorbei" - mit diesem Gedanken hatte sie diesen Mittwoch begonnen, der zwei Jahre und vier Tage quälender Ungewissenheit beenden sollte. Der israelischer Soldat Ehud Goldwasser und sein Kamerad Mark Regev waren am 12. Juli 2006 von der Hisbollah während einer Miltärpatrouille überfallen worden. Und vor Monaten bereits hatten die Geheimdienste wissen lassen, beide hätten den Angriff nicht überlebt. Aber als Mutter konnte Miki Goldwasser nicht anders, als sich an den Glauben an ein Wunder zu klammern. Ohne die Vorstellung, dass Ehud den Angriff irgendwie überstanden habe, hätte sie die furchtbare Zeit kaum verkraftet. Die Hoffnung zerstob am frühen Morgen. Als erstes zeigt der Hisbollah-Sender Al Manar, wie zwei schwarze Särge nördlich der libanesisch-israelischen Grenze verladen werden. Wenig später übernimmt ein Konvoi des Roten Kreuzes den Leichentransport über den Grenzpunkt Rosch Hanikra nach Israel.Taktische SpieleDer Vater von Mark Regev harrt mit den Seinen zu Hause in Kiryat Motzkin aus. "Ich musste den Fernseher abschalten", sagt er israelischen Journalisten. Bei der Familien sind zahlreiche Freunde und Verwandte. Eine Tante kollabiert, andere brechen in Tränen aus. An vielen Orten zünden sie Kerzen im Gedenken an die Toten an. Am Hauseingang von Vater Zvi Regev hat die Familie ein Porträt zum Gedenken an den toten Sohn aufgehängt. Einige der Trauernden schwören Rache. Das ist Stoff für die Reporter, die das Viertel belagern.Auch auf der Straße vor dem Haus der Goldwassers in Naharija haben sich Kamerateams aufgebaut. Schlomo Goldwasser, Vater von Ehud, hat sich am frühen Morgen noch gefasst gezeigt. Ein Typ wie Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah könne einem doch nur leid tun, sagte er. Was müsse das für ein Mensch sein, der mit der Sorge von Eltern um ihre Söhne taktische Spiele betreibe. Aber als die Särge mit den Söhnen an Israel ausgehändigt werden, wollen die Angehörigen allein sein. "Die Konfrontation mit der Realität war hart", erklärt er später im Radio. Auch wenn er mit diesem Ausgang gerechnet habe.Im Libanon bereitet derweil die Hisbollah eine Großkundgebung samt Freudenempfang für die fünf Gefangenen vor, die Israel im Gegenzug für die beiden Leichname herausrücken muss. Dass nicht nur vier ihrer Kämpfer freikommen, sondern mit Samir Kuntar auch ein libanesischer Terrorist, der eine israelische Familie auf dem Gewissen hat, rechnet sich Nasrallah als besonderen Erfolg an. Nicht nur in Israel stößt das auf Abscheu, einen vierfachen Mörder feiern zu wollen, der 1979 ein Mädchen mit dem Gewehrkolben erschlagen hat. Viele in der arabischen Welt wollen die Tat nicht wahrhaben und tun sie als israelische Propaganda ab.Doch Nasrallahs Festregie verläuft nicht ganz nach Plan. Der Austausch zieht sich länger als gedacht hin und strapaziert die Nerven der freizulassenden Häftlinge. Erst muss die eindeutige Identifizierung von Goldwasser und Regev durch forensische Experten erfolgen. Es muss eine DNA-Analyse gemacht werden. Die beiden Leichen sollen in schlechtem Zustand sein und Verbrennungen aufweisen.Es dauert bis zum frühen Nachmittag, bis die Untersuchung letzte Gewissheit gibt. Auf diesen Moment haben hunderte Sargträger an der Grenze seit Stunden in sengender Hitze gewartet. Zwischen ihnen aufgereiht: 199 Kisten, in denen die sterblichen Überreste gefallener Hisbollah-Kämpfer und anderer Verstorbener aufgebahrt sind. Israel hatte sie als Faustpfand für einen Geiselhandel auf einem eigenen Friedhof im Norden bestattet und jetzt ausgraben lassen. Dem Austausch waren monatelange schwierige Verhandlungen unter deutscher Vermittlung vorausgegangen.Viele Israelis empfinden diesen Tag als doppelt schmerzlich: Man habe im Krieg 2006 nichts erreicht und für den Gefangenenaustausch einen hohen Preis bezahlt. Nicht von ungefähr zog es die Regierung Olmert am Mittwoch vor, die Sache ohne jede Zeremonie durchzuziehen. Dennoch, die israelische Mehrheit ist erleichtert, dass im Falle von Goldwasser und Regev die Tortur ein Ende hat.------------------------------Die schlagkräftigste Guerilla der WeltDie radikal-islamische Schiiten-Bewegung Hisbollah (Partei Gottes) entstand 1982 als Antwort auf die israelische Invasion im Libanon. Seitdem kämpft sie - auch mit terroristischen Mitteln - gegen Israel als "unrechtmäßigen Besatzer arabischen Bodens". Generalsekretär der Hisbollah ist Scheich Hassan Nasrallah. Wichtigster Verbündeter und Waffenlieferant ist der Iran.Im Libanon hat die Hisbollah großen Einfluss auf die Schiiten, die mehr als 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Der politische Flügel der Bewegung ist nach dem Ende einer Staatskrise seit diesem Monat wieder in der libanesischen Regierung vertreten.Die Kampftruppe der Hisbollah umfasst mehrere hundert Männer. Sie ist nach US-Erkenntnissen die technisch am besten ausgerüstete Guerilla der Welt. Im Falle einer militärischen Konfrontation kann die Hisbollah außerdem auf mehrere tausend weitere Kämpfer zählen, deren Status mit dem von Reservisten einer Armee zu vergleichen ist.In der arabischen Welt genießt die Hisbollah-Miliz großen Respekt, weil Israel ohne ihre Angriffe wohl nicht den Südlibanon im Jahr 2000 geräumt hätte und weil sie der israelischen Armee im Libanonkrieg 2006 widerstand. Zum Waffenarsenal der Guerillatruppe gehören Raketen verschiedenen Typs, mit denen sie im Sommer 2006 Ziele in Israel angriff.Ihre Hochburgen hat die Hisbollah in den südlichen Vororten von Beirut, in der Bekaa-Ebene und im Süden des Landes. In Deutschland hat die Organisation nach Darstellung des Verfassungsschutzes etwa 900 Anhänger. Israel und die USA haben die Hisbollah als Terrororganisation eingestuft.------------------------------"Es war furchtbar, die beiden Särge zu sehen." Schlomo Goldwasser, Vater eines der Toten------------------------------Foto: Aus einem Lkw des Roten Kreuzes werden an der israelisch-libanesischen Grenze Särge mit toten Hisbollah-Kämpfern und Palästinensern entladen.

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