Am 31. Januar 2025 hat Ron Prosor, Israels Botschafter in Deutschland, einen Protestbrief an den Spiegel und Chefredakteur Dirk Kurbjuweit verfasst, in dem er eine redaktionelle Entscheidung der Spiegel-Redaktion am Holocaust-Gedenktag hart kritisiert. Der Brief wurde auf X von Prosor öffentlich geteilt. Dort heißt es: „Sehr geehrter Herr Kurbjuweit, am 27. Januar 2025 versammelte sich die zivilisierte Welt, um der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz und der Opfer des Holocaust zu gedenken. Dennoch entschied sich Der Spiegel an diesem Gedenktag dazu, die Schlagzeile ‚Der Holocaust ist Israels Anleitung zur Unmenschlichkeit‘ zu veröffentlichen.“ Dann heißt es weiter: „Diese groteske Aussage ist nicht etwa ein Meinungsbeitrag, der tief in Ihrer Publikation vergraben wurde; sie wurde an prominenter Stelle, ganz oben auf der Website platziert.“
Ron Prosor scheibt, dass der Spiegel „in einer offensichtlich hasserfüllten redaktionellen Entscheidung“ beschloss, „nicht etwa die Geschichten der letzten Holocaust-Überlebenden hervorzuheben oder die Bedeutung der Holocaust-Bildung für kommende Generationen zu betonen“, er überließ die Bühne stattdessen einem Israeli, der bereit sei, sein eigenes Land der Unmenschlichkeit zu bezichtigen.
Gemeint ist damit der israelische Intellektuelle Omer Bartov, der dem Spiegel ein Interview gegeben hat und das mit der Überschrift „Der Holocaust ist Israels Anleitung zur Unmenschlichkeit“ am 27. Januar 2025 laut Jüdischer Allgemeiner so ausgespielt wurde. „Wenn Der Spiegel doch nur den Mut hätte, diese Behauptungen selbst zu schreiben, statt sich hinter Interviewpartnern zu verstecken“, schreibt Ron Prosor. Aktuell lautet die Überschrift des Interviews auf Spiegel Online: „Die Unfähigkeit, die Realität als das zu sehen, was sie ist, kann Israel selbst sehr schaden“.
Spiegel sei Konfettikanone der Israelhasser
Im weiteren Verlauf des Protestbriefs wirft der israelische Botschafter dem Spiegel vor, immer wieder Märchengeschichten über Israel zu verbreiten. „Für Der Spiegel existiert Hamas nicht, eine ruchlose Terrororganisation, die Terrortunnel baute, jahrelang Massenmorde plante, zivile Infrastruktur missbrauchte und an einem einzigen Tag 1200 Juden massakrierte, vergewaltigte, in Brand steckte und entführte“, schreibt Prosor. Der israelische Botschafter wirft dem Spiegel vor, dass das Magazin am Tag des 80. Jahrestages zur Befreiung von Auschwitz Muslimen die Gelegenheit geboten habe, sich als die wahren Opfer vom 7. Oktober zu inszenieren. Der Brief endet mit den Worten: „Währenddessen hören wir noch immer die Schreie unserer ermordeten Brüder und Schwestern, die man in Brand steckte, vergewaltigte, in ihren Häusern begrub und in die dunklen Tunnel der Hamas entführte. Schämen Sie sich!“
Die Jüdische Allgemeine kritisierte wie auch Ron Prosor nicht so sehr das Interview mit Bartov selbst, sondern die Inszenierung des Interviews durch die Spiegel-Redaktion. In einem Kommentar der Jüdischen Allgemeinen heißt es: „Zweifelsohne ist Omer Bartov ein hervorragender Historiker. Er gilt als versierter Experte, wenn es um die Verbrechen der Wehrmacht und die Schoa geht. Bartov selbst betonte nach dem 7. Oktober das Selbstverteidigungsrecht Israels, nahm aber zu der Kriegsführung bald schon eine kritische Haltung an. Dem kann man zustimmen oder auch nicht – weshalb das Spiegel-Interview selbst weniger ein Problem darstellt, auch wenn es äußerst fragwürdige Aussagen enthält. Wohl aber der Zeitpunkt der Veröffentlichung und die Kontextualisierung mit Auschwitz. Damit bekommt das Gespräch eine völlig andere Schlagseite.“ Das Interview wurde mit einem Bild von einem zerstörten Wohnviertel in Gaza illustriert, das an das zerstörte Warschau im Zweiten Weltkrieg erinnert, so die Jüdische Allgemeine.
Laut Jüdischer Allgemeiner hat der Spiegel auf die Kritik bereits reagiert: „Bei Spiegel Online merkte die Redaktion irgendwann – wie man hört, auch durch zahlreiche Leserrückmeldungen –, dass die Kombination von Interview, Bild und Überschrift wohl doch alles andere als glücklich war. Daraufhin wurde der Hinweis auf den 80. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung aus der Dachzeile getilgt, die Überschrift in ‚Die Unfähigkeit, die Realität als das zu sehen, was sie ist, kann Israel selbst sehr schaden‘ geändert und der Beitrag von seinem prominenten Platz auf der Seite verschwand.“
Dem Spiegel wird von israelischen Interessensvertretern immer wieder vorgeworfen, anti-israelische Narrative zu verbreiten. Dies wirft auch der Kommentator der Jüdischen Allgemeinen dem Spiegel vor: „Das Ganze ist kein Einzelfall. Beim Thema Israel kennt man in der Redaktion (des Spiegel, Anm. d. Red.) manchmal kein Halten mehr, weshalb wahlweise die deutsche Politik nach der Pfeife der Israel-Lobby tanzen würde oder ‚Raketen gegen Steinewerfer‘ zum Einsatz kommen. Gerne bezeichnet sich das Nachrichtenmagazin als ‚Sturmgeschütz der Demokratie‘. Doch Beiträge wie der von gestern (vom 27.1.2025, Anm. d. Red.) machen den ‚Spiegel‘ eher zur Konfettikanone der Israelhasser.“
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