ROM, 5. August. Der tunesische Außenminister Said Ben Moustafa traf am Mittwoch in Rom mit seinem italienischen Amtskollegen Lamberto Dini zusammen, um Lösungsmöglichkeiten für das immer massiver werdende Flüchtlingsproblem an Italiens Südküste zu finden. Bereits seit Montag bereiten rund fünfzig italienische und tunesische Diplomaten ein Abkommen zur Überwachung der Grenze und Abschiebung von Flüchtlingen vor.Die Gespräche standen für Dini unter einem ungünstigen Stern. Die Flüchtlingsströme, die in den letzten Wochen an den Pelagischen Inseln südlich von Sizilien strandeten, erhöhen den Druck auf Italien. Am Vorabend der Ministergespräche beschlagnahmte die tunesische Küstenwache ein italienisches Fischerboot. Seit Februar war ein solcher Fall nicht mehr vorgekommen. In der vergangenen Woche waren fünf Tunesier, die auf einer Fähre versteckt ins Land kommen wollten, bei einem Schiffsbrand ums Leben gekommen, was die Regierung in Tunis nutzte, den Ton gegenüber Rom zu verschärfen. Außerdem störte Tunesien die abendliche Nachrichtensendung der RAI, da die Italiener angeblich polizeilich gesuchte Fundamentalisten interviewt hätten.In Italien wiederum vermutete man, die Störung hätte den Zweck verfolgt, die Bevölkerung über die neuen Bestimmungen zur Einwanderung im unklaren zu lassen, über die an jenem Abend zu berichten war. Italien drängt Tunis nun, einen ähnlichen Vertrag zu unterzeichnen, wie ihn in der vergangenen Woche die Marokkaner akzeptiert haben. Der Kontrakt zwingt die Unterzeichner, die eigenen Gewässer verläßlich zu überwachen und gestattet Italien eine rasche Abschiebung der "Clandestini", wie die illegalen Einwanderer hier genannt werden.Finanzielles EntgegenkommenDas Parlament in Rom hat bereits die Zahlung von 45 Millionen Mark bewilligt, die Tunesien die Anschaffung von Schiffen und elektronischen Überwachungsgeräten ermöglichen soll. Tunesien möchte sich ein Entgegenkommen in der Flüchtlingsfrage mit möglichst hohen finanziellen Zugeständnissen abkaufen lassen. Die Rede war von 150 Millionen Mark, die Italien in den nächsten drei Jahren zum Aufbau der tunesischen Industrie geben will. Trotz dieses Entgegenkommens Italiens schienen sich die Verhandlungen eher schwierig zu gestalten. Die für den Vormittag geplante Pressekonferenz wurde auf den Abend verlegt, was auf Komplikationen schließen läßt.Lamberto Dinis Gespräch mit dem tunesischen Außenminister galt nicht nur der aktuellen Flüchtlingsproblematik. Die Regierung Prodi versucht seit zwei Jahren verstärkt, das Interesse Europas für die Nachbarn im Mittelmeerraum zu wecken und eine Vorreiterrolle in dieser Region zu spielen. Am 9. Juli hatte Dini einen Vertrag mit dem isolierten Libyen abgeschlossen und damit einen wichtigen Schritt zur Reintegration des Landes in die internationale Gemeinschaft gesetzt. Mitte Juli besuchte er Algerien, mit dem Italien einen ähnlichen Vertrag schließen will wie mit Marokko und Tunesien. Anfang Juni schlug Italien in Palermo den 15 EU-Staaten und 12 Mittelmeer-Anrainern eine "Charta für Frieden und Stabilität" vor. Italien unterstützte auch stets den EU-Beitrittswunsch der Türkei.
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