ROM. Es schien ein ruhiger Herbst zu werden in Rom. Nach einem langen heißen Sommer, den die meisten Bewohner der italienischen Hauptstadt wie üblich am Meer verbracht haben, kehrt die Metropole zum Alltag zurück. Auf den Straßen herrscht wieder der ganz normale Wahnsinn, nur die Schulen öffnen erst nächste Woche, so wie auch das politische Herz der Stadt Mitte September wieder zu schlagen beginnt. Eigentlich.Finstere GerüchteDoch der Vorhang zu dem Schauspiel, das sich Politik nennt, ist bereits aufgegangen. Es bietet finstere Gerüchte, geheime und weniger geheime fleischliche Lüste, Intrigen barocken Ausmaßes, Hofschranzen, Mächtige und solche, die es gern sein wollen. Und einen Hauptdarsteller, der das Land länger und mit größerer Machtfülle regiert als jeder andere Politiker der Nachkriegszeit, dem der Sinn aber nicht nach einer Politik der ruhigen Hand steht. Dabei schien doch die Aufregung um sein munteres Privatleben während des Sommers so abgeflaut zu sein, dass sie Silvio Berlusconi nichts mehr anhaben konnte. Der 72-jährige Ministerpräsident aber legt jetzt, kaum aus einem ungewöhnlich kurzen Urlaub zurück, einen Furor an den Tag, der sogar manchen in der eigenen Partei Volk der Freiheit beunruhigt. Die Medien nennen es die Herbstattacke des Silvio Berlusconi.Italiens Ministerpräsident ließ über seinen Anwalt Niccolò Ghedini missliebige Zeitungen im In- und Ausland verklagen, weil sie angeblich gegen den Schutz der Privatsphäre verstoßen haben. Auch der EU drohte er wenig diplomatisch. Sollten die Kommissare und ihre Sprecher sich weiterhin öffentlich ungefragt äußern, müssten sie hinausgeworfen werden, giftete er am Rande der Gedenkfeiern zum Jahrestag des Zweiten Weltkriegs in Danzig. Seinen Zorn hatte nicht nur erregt, dass Justizkommissar Jacques Barrot schriftlich Aufklärung über die neue Abschiebepraxis gegenüber Bootsflüchtlingen verlangt hatte. Dessen Sprecher hatte obendrein Nachhilfeunterricht in Menschenrechtsfragen erteilt.Dass man nicht ungestraft die Flüchtlingspolitik der Regierung kritisiert, bekam auch ein mächtiger Gegner im Inneren zu spüren. Eine Zeitung aus Berlusconis Medienimperium trieb mit unappetitlichen Vorwürfen Dino Boffo, den Chefredakteur von Avvenire, der Zeitung von Italiens katholischen Bischöfen, aus dem Amt. Auch wenn Berlusconi sich davon distanzierte, ging es um weit mehr als eine persönliche Schmutzkampagne.Je schärfer auch im Ausland die Kritik an seinem Verständnis von Pressefreiheit wird, desto gereizter reagiert Berlusconi. Es sei "ein Witz dieser kommunistischen und katholisch-kommunistischen Minderheit, die in Italien 90 Prozent der Zeitungen kontrolliert", konterte er Vorwürfe, die Pressefreiheit sei in Gefahr. "Armes Italien, das solche Medien hat." Sich selbst sieht er als Opfer einer linken Verschwörung, einer "umstürzlerischen und wilden Kampagne mit dem Ziel, mich zum Rücktritt zu zwingen".Dabei wäre das, trotz anderslautender Behauptungen, auch für die Opposition ein Worst-case-Szenario. Wohl ortete der Interimschef der Demokratischen Partei, Dario Franceschini, "Größenwahn" bei Berlusconi. Und der einstige Staatsanwalt Antonio Di Pietro, der heute an der Spitze der Kleinpartei "Italien der Werte" steht, riet dem Regierungschef zu einer psychotherapeutischen Behandlung. Doch die Linke ist derzeit so schwach und mit sich selbst beschäftigt, dass sie gar nicht in der Lage wäre, einen Wahlkampf durchzustehen. Erst im Oktober soll ein neuer Parteichef als Nachfolger des gescheiterten Walter Veltroni gewählt werden. Ein Hoffnungsträger ist nicht in Sicht.All das weiß auch Berlusconi. Trotzdem fürchtet er sich vor den Meinungsumfragen, denn in der katholischen Wählerschaft der Mitte schadet ihm seine Auffassung von Moral. Da kam es gerade recht, dass ihm die 18-jährige Noemi Letizia jetzt einen Freibrief ausgestellt hat. Sie kenne Berlusconi als Freund ihres Vaters, seitdem sie denken könne, behauptete die sehr blonde junge Frau mit den großen Ambitionen jetzt in einem Interview. Für Berlusconis Ehefrau Veronica Lario war sie der letzte Anstoß dafür, die Scheidung einzureichen. Alles völlig harmlos, sagt Noemi Letizia. "Ich bin eben so süß und gebe allen Leuten Spitznamen." Und Berlusconi nenne sie eben "Papi". "Die Mehrheit der Italiener wäre gern wie ich", sagt der so Geadelte. "Ich bin nach 14 Monaten im Amt stolz auf mich und habe mir nichts vorzuwerfen."Der nächste AktDerweil beginnt in der Hauptstadt schon der nächste Akt. Geschossen werden darf auf Parlamentspräsident Gianfranco Fini, den langjährigen Chef der rechten Alleanza Nazionale, die mittlerweile Berlusconis Partei Volk der Freiheit beigetreten ist. Als "Verrückten" griff ihn Umberto Bossi von der fremdenfeindlichen Lega Nord an. Die Partei sitzt als Koalitionspartner mit auf der Regierungsbank. Er rede "wie ein Bischof", schrieb hingegen Vittorio Feltri. Das ist der Chefredakteur von Il Giornale, der auch Dino Boffo zu Fall gebracht hat. Fini hatte es einmal mehr gewagt, von der Parteilinie abzuweichen und das kommunale Wahlrecht für alle Einwanderer zu fordern. Er ist Berlusconis schärfster interner Kritiker und der einzige, der ihm gefährlich werden könnte. Es wird kein ruhiger Herbst werden in Rom.------------------------------Foto: Alles völlig harmlos: Noemi Letizia mit einem Foto von "Papi" Berlusconi.
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