Schlüssel, Portemonnaie, Handy, Kopfhörer – und dazu noch das Ladekabel. Wenn man alles in die Hosentasche quetscht, läuft man nicht nur unbequem, sondern auch unelegant. Warum die Taschen vollstopfen, wenn man sein gesamtes Outfit mit einem Statement-Piece aufwerten kann, das alles fasst?
Die Antwort modebewusster Männer lautet nun: Handtasche. Was lange als weiblich galt oder bestenfalls als skurrile Nische, ist heute auf den Laufstegen der Welt, an den Schultern der männlichen Stilikonen und zuletzt besonders präsent bei der Fußball-WM 2026 angekommen.
Die Pioniere: Jacob Elordi, A$AP Rocky & Co.
Maßgeblich daran beteiligt: Jacob Elordi. Lässige Crossbody-Bags und übergroße Totes sind längst zum Markenzeichen des australischen Schauspielers geworden. Alles begann, als er 2020 mit seiner damaligen Freundin Zendaya spazieren ging – dabei trug er eine Fendi-Baguette Bag umgehängt. Die Presse nahm damals zunächst an, er trage einfach die Tasche seiner Freundin.
Diese Zeiten sind nun, sechs Jahre später, längst vorbei. Heute ist Elordi der inoffizielle Markenbotschafter der Männerhandtasche. Er spaziert durch Los Angeles mit einem Matcha in der Hand und der Andiamo-Bag von Bottega Veneta in der Armbeuge, kombiniert sportliche Streetwear mit einer ikonischen, gesteppten Mini-Tasche von Chanel oder reist mit der knallgelben Speedy P9 von Louis Vuitton über der Schulter zu den Filmfestspielen.
Inoffizieller Patron der männlichen „It-Bag“: Jacob Elordi auf dem Weg zur Fashion Week in Mailand – die Handtasche als selbstverständliches Statement-Accessoire immer griffbereit.
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Nicht weniger einflussreich: A$AP Rocky. Im November 2025 wurde er offiziell Chanel-Botschafter – obwohl das Haus noch keine eigenständige Herrenlinie besitzt –, und seitdem trägt er die Taschen des Labels bei nahezu jedem öffentlichen Auftritt.
Das wohl deutlichste Zeichen, dass die Herrenhandtasche endgültig allgemein durchgesetzt ist, lieferte die Fußball-WM 2026. Die WM lieferte nicht nur spektakuläre Tore, sondern auch überraschende Fashion-Momente: Ob Erling Haaland mit Hermès, Marcus Thuram mit Chanel oder Pedri mit Loewe – die Fußballer setzten auf ganz unterschiedliche Luxuslabels und Taschenmodelle.
Gemeinsam machen diese Prominenten vor, was Luxushäuser von Louis Vuitton und Prada bis Gucci seit einer Weile auf den Laufstegen forcieren: Männer greifen ohne Berührungsängste zu Taschenmodellen, die früher ausschließlich in Damenkollektionen zu finden waren.
Laut einer Analyse der Mode-Plattform Data Fashion Brief tauchen Handtaschen in 15 Prozent aller Looks der größten Modehäuser der Herrensaison für Frühling/Sommer 2026 auf. Besonders konzentriert: 96 Prozent der Looks bei Thom Browne, 81 Prozent bei Louis Vuitton, 36 Prozent bei Simone Rocha und 33 Prozent bei Celine.
Laufsteg als Wegweiser: Bei der Menswear-Schau von Louis Vuitton gehört die Handtasche längst fest zum Look.
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Mann und Tasche – eine Kombi mit langer Geschichte
Dass Männer Taschen tragen, ist keine Erfindung der Gegenwart – sondern eine Rückkehr zu alten Gepflogenheiten. Schon Eismann Ötzi, der vor rund 5.300 Jahren in den Ötztaler Alpen unterwegs war, trug Taschen bei sich: eine Gürteltasche aus Kalbsleder mit Werkzeug wie Ahle, Bohrer und Schaber sowie ein rucksackartiges Tragesystem aus Haselnussholz und Lärchenholzbrettchen.
Bis ins späte 18. Jahrhundert trugen sowohl Männer als auch Frauen Beutel und Taschen, um Münzen und Alltagsgegenstände zu transportieren – aus Stoff oder Leder, am Gürtel oder unter dem Gewand.
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Die Trennung entstand erst durch die Mode: Als sich die Frauenmode in Richtung kleiner Ziertaschen entwickelte, die sich zur Handtasche weiterentwickelten, schlug die Männermode einen anderen Weg ein. Herrenhosen ersetzten im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts die Kniebundhosen – und in das schwere Material wurden Taschen eingearbeitet, der Grundstein für Jahre der ausgebeulten, abgewetzten Männerhosentaschen war gelegt.
Wiederbelebt wurde die Herrenhandtasche in den 1970er-Jahren – aus einem sehr pragmatischen Grund: Der damals modische, extrem enge Schnitt der Herrenhosen ließ schlicht keinen Platz mehr für Habseligkeiten.
Designer wie Louis Vuitton, Yves Saint Laurent und Prada reagierten und boten erstmals Handtaschenkollektionen für Männer an, meist als Handgelenktaschen. Den nächsten großen Schub brachte 2017 die Kollaboration von Louis Vuitton und Supreme – Gürteltaschen und Crossbodys wurden zu Must-haves unter jungen, modebewussten Männern. Doch erst in den 2020ern hat die Herrenhandtasche ihren wirklichen Durchbruch erlebt – nicht mehr als Kuriosität, sondern als feste Kategorie der Luxusmode.
Schon 2018 läutete die ikonische Kollaboration von Louis Vuitton und Supreme die Ära der knalligen Männertasche ein – wie hier vor einer Show auf der Mailänder Fashion Week.
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Statussymbol mit Stil: Ist die Tasche die neue Uhr?
Neben der neuen Lust am stilistischen Befreiungsschlag spielt den Modehäusern auch eine ganz pragmatische Verschiebung in die Karten: Die alltäglichen Begleiter sind schlichtweg zu groß für die Hosentasche geworden. Smartphones mit massiven Displays, voluminöse Schlüsselbünde und Kartenetuis passen kaum noch in eine schmal geschnittene Hose, ohne das Gesamterscheinungsbild unvorteilhaft zu verformen.
Zugleich hat die Handtasche das Zeug zum eleganten Statussymbol, das Wohlstand und Gespür für Ästhetik weit subtiler vermittelt als etwa die klassische, überdimensionierte Luxusuhr. Ob als seltene Leder-Clutch, als flexible Crossbody-Bag oder als großzügige Tote – das Herrenaccessoire hat sich vom praktischen Notbehelf zu einer besonders profitablen Kernkategorie der Männermode gewandelt.
A$AP Rocky als Gast auf der Chanel Cruise Collection in Biarritz – der Rapper zeigt, wie selbstverständlich Genregrenzen in der aktuellen Männermode aufgehoben sind.
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Das Forbes-Magazin diagnostizierte für den Markt der Herrentaschen ein stabiles, langfristiges Wachstum und prognostiziert bis zum Jahr 2035 ein globales Marktvolumen von rund 18,4 Milliarden US-Dollar – was einer jährlichen Wachstumsrate von circa 4,7 Prozent entspricht.
Es scheint, als sei die Handtasche für Männer diesmal gekommen, um zu bleiben. Und dabei ist sie mehr als ein praktisches, zuweilen luxuriöses Accessoire. Sie lässt auch Rückschlüsse darauf zu, dass der Mann jenseits gesellschaftlicher Boxen denkt und kein Problem damit hat, Männlichkeit modern zu definieren. Stilvoller geht's kaum.
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