Kunstfund

Jahrelang galt es als verloren: Wie ein Gemälde im falschen Museum wiederauftauchte

Ein Kunstwerk des Malers Bernhard Heisig war verschollen und kehrte jetzt nach Dresden zurück. Wo es auftauchte und was eine alte Nummer am Keilrahmen verriet.

6 Min
Seine Spur fand sich in der Neuen Nationalgalerie Berlin: Bernhard Heisigs Werk „Begegnung mit Bildern“ kehrte nun nach Dresden zurück.

Seine Spur fand sich in der Neuen Nationalgalerie Berlin: Bernhard Heisigs Werk „Begegnung mit Bildern“ kehrte nun nach Dresden zurück.

© Nora Domschke/Ostdeutsche Allgemeine

Ein Heisig-Gemälde am Militärhistorischen Museum galt jahrzehntelang als verschollen – jetzt kehrte es nach Dresden zurück.

Das Werk „Begegnung mit Bildern“ des Leipziger Malers Bernhard Heisig, entstanden um 1981, lagerte über Jahre unbemerkt als Leihgabe im Bestand der Nationalgalerie in Berlin. Erst gemeinsame Recherchen des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz brachten die Wahrheit ans Licht. Für Kunstinteressierte und Besucher in Sachsen ist das eine gute Nachricht: Das lange verloren geglaubte Gemälde ist wieder da – und wird schon bald öffentlich zu sehen sein. Wie der Fall aufgeklärt wurde und was das Bild so bedeutsam macht, zeigt der folgende Überblick.

Wie das Gemälde wiederentdeckt wurde

Alles begann mit der Vorbereitung einer Ausstellung. Für die Schau „Kunst auf Kommando? Werke zur Nationalen Volksarmee der DDR“ arbeitete das Dresdner Museum intensiv seine Kunstbestände aus der DDR-Zeit auf.

Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden: Demnächst ist in der Ausstellung „Kunst auf Kommando?“ ein wiederentdecktes Gemälde von Bernhard Heisig zu sehen.

Militärhistorisches Museum der Bundeswehr in Dresden: Demnächst ist in der Ausstellung „Kunst auf Kommando?“ ein wiederentdecktes Gemälde von Bernhard Heisig zu sehen.

© Robert Michael/dpa

Dabei stießen die Forscher auf einen Eintrag in der Online-Datenbank der Neuen Nationalgalerie Berlin. Dort war ein Gemälde mit demselben Titel verzeichnet. Eine Anfrage nach Berlin folgte.

Weil Heisig mehrere Werke unter diesem Namen schuf, war die entscheidende Frage: Handelt es sich wirklich um dasselbe Bild? Wissenschaftler der Neuen Nationalgalerie und des Zentralarchivs der Staatlichen Museen zu Berlin klärten die Herkunft.

Diese Spuren beweisen die Identität

Am Ende sprachen mehrere handfeste Indizien für eine eindeutige Zuordnung. Die Maße des in den 1980er-Jahren in Dresden inventarisierten Gemäldes stimmen mit dem Berliner Bild überein.

Der entscheidende Beweis fand sich am Keilrahmen: Dort ist die Dresdner Inventarnummer „Hc-740“ vermerkt. Zusätzlich trägt die Rückseite eines vermutlich in den 1990er-Jahren aufgenommenen Fotos den Hinweis „Dauerleihgabe, Dresden: Militärhist. Museum, (Leih-Inv. 459)“.

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Offen bleibt eine Frage: Wann und warum das Werk überhaupt in die Sammlung der Nationalgalerie gelangte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Solche Lücken sind bei Beständen aus SBZ und DDR keine Seltenheit – die systematische Erforschung von Transferwegen gilt laut Deutschem Historischen Museum weiterhin als Forschungsdesiderat.

Bilder vergangener Kriege – Reaktionen auf die Rückkehr

„Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr besitzt mehrere wichtige Gemälde von Bernhard Heisig. Dennoch ist es etwas ganz Besonderes, dass dieses Werk nach Dresden zurückkehrt“, so Oberst Rudolf J. Schlaffer, Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr. „Der Ansatz von Heisig, die Begegnung mit Bildern vergangener Kriege als Chance zu sehen, nachzudenken und eine eigene Haltung zu entwickeln – dieser Ansatz prägt auch die Arbeit des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr.“

Marion Ackermann ist Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und erklärt mit Blick auf die verlorene Spur des Gemäldes: „Nicht immer lässt sich die Provenienz von Kulturgut lückenlos rekonstruieren. Zentral ist es, die Geschichten transparent zu erzählen – mitsamt ihren Leerstellen. Auf der Grundlage unserer gemeinsamen Recherchen können wir dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden ein bedeutendes Werk zurückgeben, das jahrelang als nicht mehr existent galt.“

Was das Bild zeigt – und warum es berührt

„Begegnung mit Bildern“ ist mehr als ein Porträt. Das Ölgemälde (101 mal 80 Zentimeter) zeigt Heisigs jüngeren Sohn Walter Eisler, der 1975 zum Militärdienst eingezogen wurde.

Bei einem Atelierbesuch bemerkte der Maler eine beunruhigende Ähnlichkeit: Die NVA-Uniform seines Sohnes erinnerte ihn an Wehrmachtsuniformen. Über Bilder seines Großvaters aus dem Ersten Weltkrieg, seines Vaters aus dem Zweiten Weltkrieg und sein eigenes Kriegserleben wollte Heisig den Sohn für die Kontinuität des deutschen Militarismus sensibilisieren.

Im Hintergrund verweist das Werk auf Otto Dix' Triptychon „Der Krieg“, das im Dresdner Albertinum zu sehen ist. Ein Soldat aus dem Ersten Weltkrieg blickt über den Porträtierten hinweg – ein bewusster Anschluss an eine gewichtige Dresdner Tradition der bildlichen Kriegsreflexion.

Ein Künstler, der den Krieg nicht verdrängte

Bernhard Heisig (1925–2011) war eine prägende Figur der Leipziger Kunstszene. Als Lehrer und langjähriger Rektor der Leipziger Kunsthochschule beeinflusste er mehrere Künstlergenerationen.

Seine Kunst speiste sich aus der eigenen Kriegserfahrung. Erlebnisse von Front und Zerstörung drangen aber erst rund zwei Jahrzehnte nach Kriegsende offen in seine Malerei. Damit gehörte Heisig zu den wenigen seiner Generation, die die eigene Beteiligung am Krieg ausdrücklich thematisierten.

Seine Bedeutung reichte über die DDR hinaus: 1985 wählte Helmut Schmidt den Maler für sein offizielles Kanzlerporträt aus. Nach dem Ende seiner Kanzlerschaft suchte Helmut Schmidt ab 1983 einen Künstler für sein offizielles Kanzlerporträt. Nach zahlreichen erfolglosen Angeboten entschied er sich bewusst für den Leipziger DDR-Maler, dessen Werk und kritische Auseinandersetzung mit Krieg und Geschichte ihn überzeugten.

Helmut Schmidt im November 1986 im Bundeskanzleramt. Schmidt hatte für sein eigenes Porträt, das in die Kanzlergalerie aufgenommen wurde, eigens den Leipziger Maler Bernhard Heisig ausgewählt.

Helmut Schmidt im November 1986 im Bundeskanzleramt. Schmidt hatte für sein eigenes Porträt, das in die Kanzlergalerie aufgenommen wurde, eigens den Leipziger Maler Bernhard Heisig ausgewählt.

© Hermann J. Knippertz

1986 reiste Schmidt unter strengen Sicherheitsvorkehrungen nach Leipzig, um Heisig Modell zu sitzen. Aus mehreren Gemälden wählte er später das offizielle Porträt aus. Die Zusammenarbeit entwickelte sich zu einer jahrzehntelangen, herzlichen Freundschaft, die beide auch durch ihre gemeinsamen Kriegserfahrungen verband.

Ausstellung: „Kunst auf Kommando?“

Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden zeigt vom 9. Oktober 2026 bis 31. August 2027 die Sonderausstellung „Kunst auf Kommando? Werke zur Nationalen Volksarmee der DDR“. Sie umfasst rund 200 Gemälde, Grafiken und Plastiken von mehr als 90 Künstlern und untersucht, wie Kunst in der DDR zwischen staatlichem Auftrag, ideologischer Kontrolle und individuellem Ausdruck entstand.

Anhand von Werken etwa von Bernhard Heisig, Werner Tübke, Willi Sitte, Hans Ticha, Evelyn Richter und Norbert Bisky beleuchtet die Ausstellung sowohl die militärische Bildpropaganda als auch kritische, persönliche Perspektiven auf Wehrdienst, Überwachung und Gewalt. Die zentrale Frage: Was geschieht, wenn Kunst auf politische Erwartungen trifft?

Die Ausstellung basiert auf einer einzigartigen Sammlung, die nach der Auflösung der NVA 1990 in den Besitz der Bundeswehr überging. Sie umfasst die frühen DDR-Jahre bis in die Gegenwart und zeigt damit auch den heutigen Umgang mit diesem spezifischen Kunstbestand. Im Außenbereich werden historische NVA-Großplastiken neben zeitgenössischen Arbeiten gezeigt.

Kunst auf Kommando? Werke zur Nationalen Volksarmee der DDR Sonderausstellung: 9. Oktober 2026 – 31. August 2027 im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr, Olbrichtplatz 2, Dresden

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