Jahrelange Fehlplanungen

Uwe Aulich
3 Min

Berlin hat rund 39 Milliarden Euro Schulden. Schuld daran sind nicht nur der schnelle Abbau der Berlinförderung und die Belastungen nach der Wiedervereinigung - verursacht wurde das Debakel auch durch kleine und große Fehlentscheidungen. In einer Serie stellen wir einige davon vor.Mit der Schließung des Krematoriums Wedding an der Gerichtstraße zum 1. Januar 2003 schafft sich Berlin sprichwörtlich ein Millionen-Grab. Denn seit Ende 1993 wurden in die Modernisierung des historischen Hauses von 1912 etwa 13,8 Millionen Euro (27 Millionen Mark) investiert, und damit praktisch in den Sand gesetzt. Allein der Bau einer unterirdischen so genannten Parentationshalle, in der 800 Särge aufbewahrt und gekühlt werden können, hat 10,7 Millionen Euro (21 Millionen Mark) gekostet.Die Schließung ist allerdings nur ein vorläufiger Schlussstrich unter die jahrelangen Fehlplanungen bei den drei Berliner Krematorien. In den Anlagen in Baumschulenweg, Ruhleben und Wedding wurde seit Beginn der 90er-Jahre ein Minus von gut 20 Millionen Euro (40 Millionen Mark) erwirtschaftet. Die Krematorien mit einer Kapazität von 32 000 Verbrennungen pro Jahr sind viel zu groß und werden derzeit nur zu 52 Prozent ausgelastet. Ursache: Nach dem Mauerfall ging der Senat in seiner Anfangseuphorie von einem enormen Bevölkerungszuwachs für Berlin aus. Bis zu vier Millionen Menschen werden im Jahr 2010 in der Stadt wohnen, hieß es damals. Und wo gelebt wird, muss für die Toten gesorgt sein.Deshalb bewilligte der Senat 1993 den Ausbau des Krematoriums Wedding, um es den Umweltstandards des Bundes anzupassen. Er forcierte den Neubau des Krematoriums in Baumschulenweg. Kosten: umgerechnet etwa 31 Millionen Euro. Der Senat ließ 1994 gleichzeitig zu, dass die Toten auch außerhalb Berlins verbrannt werden dürfen. Der "Leichentourismus" nahm den Berliner Krematorien jedoch die Arbeit weg. So fanden im Jahr 2000 von den 25 000 Verbrennungen 8 000 nicht in Berlin statt. Tendenz steigend.Die Bevölkerungsprognosen bestätigten sich später jedoch nicht. Derzeit wird davon ausgegangen, dass die Zahl von 3,4 Millionen Berlinern in den kommenden Jahren stabil bleibt. Als Konsequenz aus den Fehleinschätzungen untersagte dann auch der Senat dem früheren Bezirksamt Wedding, sein Krematorium weiter auszubauen. Das Bezirksamt setzte sich aber über das Verbot hinweg und ließ noch im Jahr 2000 einen dritten Brennofen für 3,2 Millionen Mark modernisieren. Die Kosten wiederum wurden dem Senat in Rechnung gestellt. Der Schwindel flog mit der Bezirksfusion auf. Der Bezirk muss das Geld nun zurückzahlen.In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hofft man jetzt, dass nach der Schließung in Wedding die beiden anderen Krematorien Kosten deckend arbeiten können. Allerdings müssen die Baukosten für Baumschulenweg in den nächsten 30 Jahren abgestottert werden: jährlich 2,5 Millionen Euro. Statt 31 Millionen Euro hat das Land Berlin dann fast 77 Millionen Euro für den Leasingbau bezahlt. (ua. )BERLINER ZEITUNG/KAY HERSCHELMANN Überflüssige Sanierung: Das Krematorium Wedding wurde seit 1993 für 27 Millionen Mark saniert. Es wird zum Jahresende geschlossen.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner