Malaria ist im tropischen Afrika allgegenwärtig - die Menschen dort erkranken daran so oft wie Europäer an Schnupfen. Schätzungen zufolge gibt es weltweit 300 bis 500 Millionen Fälle pro Jahr. Aber die Tropenkrankheit, die durch den Biss einer Anophelesmücke übertragen wird, ist wesentlich gefährlicher als eine Erkältung. Der einzellige Erreger der bösartigsten Form von Malaria, Plasmodium falciparum, vermehrt sich schubweise in den roten Blutzellen. Dieser Zyklus wird von wiederkehrenden Fieberphasen begleitet.Obwohl das Fieber meistens ohne schlimme Folgen nach zwei bis drei Wochen abklingt, kommt es mitunter zu Komplikationen wie einer lebensbedrohlichen Blutarmut oder einer Infektion des Gehirns. Ein bis zwei Prozent der Patienten erliegen der Krankheit. Den Nachwuchs trifft es besonders häufig: Alle dreißig Sekunden stirbt in den Tropen ein Kind an Malaria. Kaum eine andere Infektionskrankheit fordert so viele Opfer.Seit mehr als fünfzig Jahren versuchen Forscher, einen wirksamen Impfstoff gegen die tödliche Infektion zu entwickeln. Fast dreißig Präparate werden derzeit in klinischen Studien getestet, doch der große Durchbruch steht noch aus. "In den vergangenen Jahren gab es viele Enttäuschungen", berichtet Jürgen May vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Er leitet dort die Laborgruppe Infektionsepidemiologie.Komplex und gewitztDer einzellige Malariaerreger ist offenbar ein potenter Gegner. "Die Plasmodien sind sehr komplexe Organismen", sagt May. Und weil der Erreger so viele Stämme gebildet habe, sei es nicht möglich, ihn mit einem einzigen Impfstoff zu bekämpfen. Dass Plasmodien über Mechanismen verfügen, mit denen sie die menschliche Immunabwehr umgehen, komme erschwerend hinzu. "Die Parasiten können die Antigene auf ihrer Oberfläche wechseln. Sie verändern sich schneller, als das menschliche Immunsystem reagieren kann", sagt May.Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass es möglich sein muss, einen wirksamen Impfstoff gegen Malaria zu entwickeln. So sind Menschen nach wiederholten Infektionen mitunter weniger anfällig für Malaria. "In Gebieten, in denen die Menschen mehr als fünfzig infektiöse Stiche im Jahr bekommen, sind selten Erwachsene von Komplikationen betroffen", berichtet May. Eine schwere Malaria entwickelten dort vor allem Kinder unter sechs Jahren.1973 nahmen Forscher in den USA den ersten Versuch mit einem potenziellen Malaria-Impfstoff vor. Sie injizierten gesunden Personen Sporozoiten, die zuvor durch Bestrahlung abgeschwächt worden waren. Als Sporozoiten bezeichnet man die infektiösen Stadien der Malariaerreger. Die Probanden entwickelten einen wirksamen Schutz gegen nachfolgende Infektionen mit Malaria.Doch der Ansatz erwies sich als Sackgasse, weil die Produktionskosten für einen sicheren Impfstoff aus abgeschwächten Erregern zu hoch sind. Um eine taugliche Vakzine zu erhalten, müsste man die Plasmodien in einem aufwändigen Verfahren in Mücken vermehren. Dennoch war das Experiment nicht unnütz, denn es zeigte, dass der Kampf gegen die Krankheit nicht ganz aussichtslos ist.Lange Zeit fristete die Malariaforschung ein Schattendasein. Die Entwicklung von Impfstoffen und Arzneien galt als risikoreich und wenig wirtschaftlich - schließlich ist die Krankheit fast ausschließlich in armen Ländern verbreitet. Inzwischen aber ist die Bekämpfung der Malaria zu einem globalen Ziel geworden und erhält so viel Unterstützung wie nie zuvor. Geldgeber sind vor allem die Bill and Melinda Gates Foundation sowie die US-National Institutes of Health und die Europäische Kommission. Weltweit stehen der Malariaforschung derzeit etwa siebzig Millionen US-Dollar im Jahr zur Verfügung. Der Geldsegen treibt die Forschung enorm voran und beflügelt die Hoffnung, dass bald ein Impfstoff auf den Markt kommt.Der komplizierte Lebenszyklus des Parasiten bietet eine Reihe von Ansatzpunkten für einen Impfstoff. Wenn die Parasiten als Sporozoiten durch einen Mückenstich in den Menschen gelangen, infizieren sie zunächst die Leber und beginnen sich dort zu teilen. Nach einigen Tagen werden die neuen Zellen frei und befallen das Blut, wo sie durch einen steten Zyklus von Vermehrung und Zerstörung der Blutzellen die Symptome der Krankheit Malaria auslösen. Bei einem weiteren Stich können bestimmte Parasitenstadien wieder in die Mücke gelangen und dort wiederum zu infektiösen Sporozoiten heranreifen: So breitet sich die Krankheit aus.Die Leber schützen"Die so genannten pre-erythrozytären Impfstoffe richten sich gegen die anfängliche Invasion der Sporozoiten in die Leberzellen", erläutert May. Der am weitesten fortgeschrittene Impfstoffkandidat aus dieser Kategorie trägt den komplizierten Namen RTS,S/AS02A. Er wird zurzeit vom Pharmakonzern Glaxo Smith Kline zusammen mit Wissenschaftlern aus Barcelona und von der Malaria Vaccine Initiative (MVI) in klinischen Studien getestet. Die MVI ist ein von der Gates Foundation gefördertes Netzwerk, das Impfstoffprojekte mehrerer Forschungsgruppen finanziell unterstützt und koordiniert.RTS,S/AS02A zielt auf ein Eiweiß mit dem Namen CSP, das auf der Oberfläche der Sporozoiten sitzt. Kürzlich wurden im Fachmagazin Lancet neue Ergebnisse aus einer Studie zur Erprobung dieser Vakzine in Mosambik vorgestellt. Demnach bietet der Impfstoff zwar keinen vollständigen Schutz, kann aber die Zahl behandlungsbedürftiger Malariaschübe über einen Zeitraum von 18 Monaten um 35 Prozent reduzieren. Schwere Komplikationen treten weitaus seltener auf.Auf den ersten Blick sieht das nicht nach einem Riesenerfolg aus. Doch der Hauptautor der Studie, Pedro Alonso von der Universität in Barcelona, ist zufrieden. "Weltweit sterben jedes Jahr schätzungsweise drei Millionen Menschen an Malaria", sagt Alonso. "Selbst ein Impfstoff, der nur 40 bis 50 Prozent Wirksamkeit zeigt, könnte jährlich mehr als einer Million Menschen das Leben retten."Anders als bei anderen Vakzinen strebe man bei Malariaimpfstoffen nicht unbedingt an, die Infektion im Keim zu ersticken, erläutert der Wissenschaftler. Vielmehr versuche man, Komplikationen wie Blutarmut oder den Befall des Gehirns durch Malaria zu verhindern - beides sei vor allem für Kinder lebensgefährlich. Der in Mosambik getestete Impfstoff erreicht dieses Ziel offenbar. Mehr als zwei Drittel der Kinder blieben dank des Vakzins von schweren Malariaerkrankungen verschont.Natürliche AuffrischungenDie große Frage bei Impfstoffen ist jedoch: Wie beständig ist der Schutz? Alonso ist in dieser Hinsicht optimistisch: "Aus unserer Studie schließen wir, dass die Immunität mindestens anderthalb Jahre anhält - und derzeit deutet nichts darauf hin, dass sie anschließend nachlässt." Der Forscher aus Barcelona vermutet, dass mild verlaufende und teilweise fieberfreie Malariainfektionen, denen die Kinder stetig ausgesetzt sind, wie natürliche Auffrischungen der Impfung wirken. Glaxo Smith Kline hofft nun, bis zum Jahr 2010 mit einem marktreifen RTS,S/AS02A basierten Produkt aufwarten zu können.Bis dahin hat sich wahrscheinlich auch herausgestellt, was von den anderen Strategien zu halten ist, die zurzeit verfolgt werden. Außer als RTS,S/AS02A wird CSP in zahlreichen anderen Zusammensetzungen als Impfstoff getestet. Darüber hinaus befinden sich vor allem Eiweiße der Blutstadien des Parasiten in klinischen Studien. "Während die pre-erythrozytären Impfstoffe versuchen, die Infektion zu verhindern, sind Impfstoffe gegen die Blutstadien eigentlich gegen die Krankheit Malaria gerichtet", sagt Jürgen May. Das prominenteste unter den Blutstadienantigenen, MSP-1, wird seit Jahren von mehreren Forscherteams weltweit in klinischen Studien untersucht. Obwohl es messbare Immunreaktionen auslöst, gibt es bisher keine Hinweise auf einen langfristig schützenden Effekt.Ein völlig anderes Konzept verfolgen die Entwickler einer so genannten transmissionsblockierenden Vakzine. Der Impfstoff versucht nicht einen Einzelnen vor einer Infektion oder Erkrankung zu schützen. Er richtet sich vielmehr gegen die Parasitenstadien, die von Mücken aufgenommen und dann auf andere Menschen übertragen werden. Diese altruistische Methode könnte Experten zufolge in afrikanischen Dorfgemeinschaften durchaus erfolgreich sein, erfordert aber eine großflächige Anwendung und wird als ethisch bedenklich eingestuft, da der Geimpfte nur indirekt davon profitiert.Die beste Lösung für das Malaria-Dilemma ist, langfristig gesehen, vermutlich eine Kombination unterschiedlicher Ansätze. Wissenschaftler hoffen, auf diesem Weg einen Schutz von bis zu 90 Prozent zu erreichen. Doch bis eine solche Alleskönner-Vakzine auf dem Markt ist, wird noch viel Zeit vergehen, sagt Jürgen May. Deshalb sollten seiner Ansicht nach einzelne Kandidaten wie RTS,S/AS02A Vorrang haben.Lancet, Bd. 366, S. 2012------------------------------Fatal für KinderMalaria kommt in tropischen und subtropischen Regionen vor. Weltweit leben vierzig Prozent der Weltbevölkerung in Malaria-gefährdeten Gebieten. Infizierte Mücken übertragen die Erreger auf den Menschen.Afrika ist besonders stark betroffen. Die lebensbedrohliche Krankheit fordert jedes Jahr eine Million Todesopfer. Neunzig Prozent der Opfer stammen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara.Vor allem Kinder erliegen der Tropenkrankheit. Der WHO zufolge stirbt in den Tropen alle dreißig Sekunden ein Kind an Malaria. (abg.)------------------------------Karte: Die Weltkarte macht deutlich: Am schlimmsten wütet die Malaria in Afrika.------------------------------Foto: Anophelesmücken wie das hier abgebildete Exemplar können Malariaerreger in sich tragen. Die einzelligen Parasiten, Plasmodien genannt, gelangen durch Mückenstiche ins Blut der Opfer und vermehren sich zuerst in der Leber.
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