Klassik

Jan Liebermann: „Klassische Musik ist sexy – und es ist mir wichtig, das zu zeigen“

Er ist Deutschlands nächster Star an der Orgel: Jan Liebermann, 21. Am Sonntag spielt er in Berlin. Ein Gespräch darüber, warum es ohne Bach und ohne Gym nicht geht.

10 Min
„In Berlin fühle ich mich wie zu Hause“: Jan Liebermann, hier zu sehen in der Philharmonie, spielt am Sonntag in Wilmersdorf.

„In Berlin fühle ich mich wie zu Hause“: Jan Liebermann, hier zu sehen in der Philharmonie, spielt am Sonntag in Wilmersdorf.

© Max Lautenschläger

Die Orgel wird als Instrument noch immer unterschätzt. Gerade beim jungen Publikum. Doch selbst das große Klaviergenie Franz Liszt hat die Orgel erst spät in seinem Leben für sich entdeckt. Einer, der das Image der Orgel gerade mächtig aufpoliert, im Internet und analog, ist der junge deutsche Organist Jan Liebermann, der am Sonntag, dem 20. September, in St. Marien in Berlin-Wilmersdorf auftritt – sogar bei freiem Eintritt.

Herr Liebermann, Sie reisen für Ihre Konzerte ständig quer durch Deutschland und Europa. Ist die Deutsche Bahn eigentlich so schlecht wie ihr Ruf?

Das Bahnnetz ist eigentlich ganz gut. Was jedoch etwas schwierig ist, sind die oftmaligen Verspätungen, die ich mittlerweile fest einplane. Ich nehme keine Zugverbindungen mehr mit nur 10- oder 15-minütiger Umstiegszeit, weil ich den Anschluss sonst verpasse – das ist mir schon oft passiert. Deswegen fliege ich tatsächlich mehr; oder ich nutze für Konzerte das Auto meiner Eltern, um etwas autonomer zu sein.

Jan Liebermann in Berlin: Diesen Spaziergang liebt er

Was hilft Ihnen noch auf Ihren zahlreichen Konzertreisen?

Auf Reisen ist es mir wichtig, feste Alltagsroutinen beizubehalten. In England gehe ich beispielsweise immer zu Marks & Spencer für denselben Chicken Wrap, Proteinjoghurt mit Granola, Apfelsaft und Scottish Mountain Water. In Berlin wiederum fühle ich mich wie zu Hause, weil hier meine besten Freunde leben.

Wenn ich in Berlin bin, mache ich stets denselben Spaziergang: von der Oranienburger Straße in Mitte Richtung Fernsehturm, links zu den Rosenhöfen, über die Museumsinsel, Unter den Linden entlang, am ARD-Hauptstadtstudio und an der Charité vorbei. Diese Vertrautheit erdet mich für meine Konzerte.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Zur Person
Max Lautenschläger

Zur Person

Jan Liebermann, geboren am 29. August 2005 im oberfränkischen Kronach, ist ein höchst gefragter deutscher Organist. Studiert hat er Orgelliteraturspiel in Mainz, noch bevor er im Frühling 2025 sein Abitur bestanden hat. Seit Oktober 2025 studiert er Kirchenmusik in München. Seine Konzertreisen führten ihn u.a. nach Pisa, Budapest, London (Westminster Abbey), Oxford und Cambridge. 2025 spielte er an drei Abenden mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Andris Nelsons.

Am 20. September spielen Sie in St. Marien in Berlin-Wilmersdorf. Sie haben aber auch schon auf der Orgel in der Berliner Philharmonie gespielt. Was unterscheidet für Sie ein Konzert in der Philharmonie von einem Auftritt in einer Kirche?

Das sind zwei Räume mit ganz unterschiedlichen Charakteristiken. In der Philharmonie hört man jedes Detail, weil die Akustik für Orgelmusik ziemlich trocken ist. Es ist schön transparent, und der Organist steht oder sitzt unten auf der Bühne als zentraler Punkt im Blickfeld des Publikums. In der Kirche ist das normalerweise nicht so. Schön ist aber, dass es in St. Marien einen mobilen Spieltisch gibt, sodass ich ebenfalls unten sitze und näher beim Publikum bin als normalerweise.

Unterschiedlich ist zudem die Akustik: Als Kuppelkirche besitzt St. Marien eine relativ große Resonanz, was manchen Stücken sehr zugutekommt. Spannend ist auch, dass die Orgel dort komplett in einem Schwellkasten steht; die Pfeifen, die man sieht, „sprechen“ gar nicht, sondern sind eine reine Attrappe und Fassade zur Dekoration. Über den Generalschweller lässt sich die gesamte Orgel schwellen – bis ins leiseste Pianissimo.

Wie freundet man sich mit einer Orgel an?

Ein Organist kann sein Instrument zum Konzert nicht mitbringen. Wie lernen Sie die Orgeln vor Ort eigentlich kennen?

Man muss sich immer wieder neu auf das jeweilige Instrument einstellen und einrichten. Deshalb reise ich normalerweise mindestens einen Tag vor dem Konzert an. In Philharmonien sind es oft zwei bis drei Tage, und bei Orchesteraufträgen bin ich schon eine Woche vorher da. So habe ich genug Zeit zum Einregistrieren – also die Klangkombinationen für die jeweiligen Stücke zu finden –, mich mit dem Anschlag der Orgel, der Akustik und den Klangmöglichkeiten vertraut zu machen. Während bei Pianisten die Unterschiede von Flügel zu Flügel eher minimal sind, ist jede Orgel völlig anders. Das macht es aber auch gerade so interessant.

Welche Orgel ist aus Ihrer Sicht die weltbeste?

Das Instrument, das mir bisher als Referenz für symphonische Musik dient, ist die Orgel in der Kathedrale von York Minster in England. Das ist ein Instrument, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte – einfach spektakulär, die Register sind perfekt intoniert und klingen wunderbar zusammen, gerade im Zusammenspiel mit diesem unglaublichen Raum.

Auf mein Konzert dort im letzten Jahr habe ich mich extrem intensiv vorbereitet: Ich bin davor extra fünfmal nach England gereist, um dort zu spielen. Ein erneuter Auftritt wird voraussichtlich erst ab 2028 möglich sein, da die Reihe sehr exklusiv gehalten wird und es neben den drei angestellten Organisten nur drei oder vier Gastslots im Jahr gibt.

„Johann Sebastian Bach muss immer dabei sein“: Jan Liebermann, hier in der Berliner Philharmonie, spielt am Sonntag, dem 20. September 2026, in St. Marien.

„Johann Sebastian Bach muss immer dabei sein“: Jan Liebermann, hier in der Berliner Philharmonie, spielt am Sonntag, dem 20. September 2026, in St. Marien.

© Max Lautenschläger

Körperliche Fitness, Gym-Routine und Pedalarbeit

Orgel spielt man ja nicht nur mit den Händen, sondern auch mit den Füßen. Ist so ein Orgelkonzert für Sie ein Ganzkörper-Workout?

Ein reines Workout ist es nicht, aber man braucht ein gutes körperliches Fundament mit Bauch und Rücken. Wenn es auch Pedalpassagen gibt, wo es zur Sache geht, muss man dennoch eher fein mit dem Instrument umgehen. Auf Konzertreisen gehe ich regelmäßig ins Gym, weil ein körperlicher Ausgleich total wichtig ist, wenn man so viel sitzt.

Für Ihr Berliner Konzert bringen Sie Werke von Bach, Widor, Mendelssohn, Vierne und Liszt mit.

Ich versuche immer, eine spirituelle Ebene für das auch ein Stück weit heilige Instrument zu finden. Johann Sebastian Bach muss immer dabei sein, weil seine Musik so genial ist und jeder Ton an der richtigen Stelle sitzt. Ich spiele seine monumentale „Passacaglia“, die auf einem 20-fach variierten Kreuzmotiv basiert und attacca in eine Fuge mündet.

Sie bewegt sich harmonisch in Tonika, Dominante sowie paralleler Dur-Tonart und entfaltet beim Wechsel nach f-Moll eine unglaubliche Dramatik. Danach folgt „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, damit das Publikum nach diesem überwältigenden Auftakt wieder aufgeweckt wird.

Das Choralmotiv bei Bach, Widor und Mendelssohn

Und wie geht es dann weiter? Was haben Sie sich noch dabei gedacht?

Daran schließt sich ein gedanklicher Witz des Programms an, denn das Motiv kommt dreimal vor: Nach Bachs Original folgt die französisch-romantische Orchestrierung von Charles-Marie Widor aus seinem Bach-Memento sowie die Paulus-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy, die ebenfalls mit diesem Choral beginnt und sich in einer Fuge im großen Alleluja entlädt. Zum Abkühlen spiele ich „Clair de Lune“ von Louis Vierne aus seinen „Pièces de Fantaisie“, das programmmusikalisch den Mond darstellt.

Und zum Finale kommt Franz List.

Exakt, den Abschluss bildet ein Werk von Franz Liszt, das zur Zeit seiner Entstehung 1850 in Weimar als längstes Orgelwerk der Welt galt und 1855 an der Ladegastorgel im Merseburger Dom uraufgeführt wurde. Es ist über ein einziges Choralthema aus Meyerbeers Oper „Le Prophète“ komponiert. Bei mir dauert dieses Werk etwa 30 bis 31 Minuten. Es schöpft absolut aus dem Vollen, ist sehr emotional, lyrisch und pianistisch.

Liszts pianistische Herkunft und eigene Bearbeitungen

Franz Liszt ist den meisten Menschen ja vor allem als großer Klaviervirtuose ein Begriff.

Man merkt deutlich, dass er ein Pianist war und vor allem fürs Klavier komponiert hat. In der Partitur finden sich unglaublich viele Manual-Läufe, während das Pedal meist nur als Bassfundament oder für Effekte wie Paukentriller dient. Da das Werk auch für zwei Klaviere angelegt wurde, übernehme ich viele der originalen Läufe in das Pedal, damit es mehr Substanz bekommt. Da Liszt seine Werke im Grunde genommen selbst ständig bearbeitet hat, nehme ich mir diese Freiheit ebenfalls heraus.

Sie haben eine große Followerschaft auf Social Media, allein auf Instagram sind es fast 70.000 Menschen – ganz ohne große Plattenfirma im Rücken. Die Fans lieben Ihre Orgelvideos. Ist es Ihre Mission, die Orgel und die Klassik wieder cool und sexy zu machen?

Ja, natürlich. Klassische Musik ist sexy – und es ist mir wichtig, das zu zeigen. Die klassische Orgelmusik genießt immer noch das angestaubte Image, die Orgel werde nur von älteren Männern über 60 im Mixturenklang gespielt. Dass ich auch als junger Künstler für die Tradition einstehen kann, freut mich sehr.

Glitzer, Goldkette und Seide auf der Bühne

Wie wichtig ist Ihnen das persönliche Styling bei Ihren Auftritten? Die chinesische Pianistin Yuja Wang trägt ja oft spektakuläre Outfits. Bei Männern hingegen wird das in der Klassik oft vernachlässigt.

Es gibt ja auch viele Kritiker bezüglich der Outfits von Yuja Wang und auch von mir. Jeder hat seine Meinung. Für mich geht es aber um ein Gesamtpaket aus Künstler, Styling und Musik. Warum sollte man sich nicht schick anziehen – auch mit Sachen, die etwas glitzern, wenn die Musik glitzert, oder mit Seide, wenn die Musik fließt? Ich trage auch gern Goldschmuck. Wenn ich da als junger Künstler zeigen kann, dass klassische Musik auch sexy sein kann, freue ich mich sehr. Am Ende des Tages geht es aber immer um die musikalische Leistung und die Qualität des Konzertes. Ein gutes Outfit kann das unterstreichen.

Hans Zimmer und die „Interstellar“-Orgel

Wie stehen Sie zu Filmmusik auf der Orgel – etwa Hans Zimmers Soundtrack zu Christopher Nolans Sci-Fi-Drama „Interstellar“? Ist das für Sie Musik zweiter Klasse, denn in Ihren Konzerten kommt Filmmusik ja niemals vor?

Filmmusik hat definitiv ihre Daseinsberechtigung. Was Hans Zimmer in „Interstellar“ mit der Orgel gemacht hat, passt perfekt zur Szene und ist sehr originell gearbeitet. Der Unterschied liegt darin, dass Filmmusik für viele Leute deshalb so interessant ist, weil sie die visuellen Bilder aus dem Film im Kopf haben.

Klassische Orgelmusik geht für mich emotional viel tiefer. Diese Stücke zu spielen ist keine bloße Notenreproduktion, sondern eine Darstellung des eigenen Lebensweges auf höchster emotionaler Ebene. Diese mucksmäuschenstille Spannung im Publikum liefert nur die klassische Musik bei Konzerten.

Ritual vor dem Auftritt: der Koffein-Kick

Dieses Jahr ist auch Ihr erstes Album „Sonority“ erschienen. Was sind das für Stücke, die Sie unbedingt auf Ihrem Debüt haben wollten?

Das Album bietet ein sehr gemischtes Programm: von einer Hommage an die englische Orgelkultur durch Alfred Hollins über Maurice Duruflés Suite op. 5 und ein extrem anspruchsvolles Werk von Marcel Dupré (Opus 36), bei dem ich zeige, was ich technisch draufhabe, bis hin zu deutsch-romantischen Bach-Bearbeitungen und modernen Stücken von Peter Eben mit verrückten rhythmischen Mustern. Als kleinen Teaser kann ich verraten, dass die nächste CD bereits vorbereitet wird – und auch Aufnahmen aus Berlin beinhalten wird.

Haben Sie vor Ihren Auftritten bestimmte Tricks gegen Lampenfieber? Und wie halten Sie bei aller nötigen Gelassenheit Ihr Energielevel hoch?

Seit meinen Auftritten in der Berliner Philharmonie und meinem auswendig gespielten Triosonaten-Projekt habe ich fast überhaupt kein Lampenfieber mehr. Zu meinen Ritualen gehören ausreichend Schlaf, eine Stunde Ruhe vor dem Konzert, rechtzeitiges Ankleiden 30 Minuten vorher. Und eine gute Dosis Koffein!

Orgelkonzert mit Jan Liebermann. Sonntag, 20. September, 18 Uhr, St. Marien, Bergheimer Platz 1, Wilmersdorf. Der Eintritt ist frei.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner