Musik

Jassin, 21, bei Pop-Kultur: „Kommt jemand von euch auch aus Ostdeutschland?“

Sieben Tage geballtes Programm: Das Festival Pop-Kultur zeigt in seiner zwölften Ausgabe wieder, was für eine phantastische Musikstadt Berlin ist. Mit Jassin aus Sachsen-Anhalt.

4 Min
Jassin besingt sein Lebensgefühl in der ostdeutschen Provinz.

Jassin besingt sein Lebensgefühl in der ostdeutschen Provinz.

© Jana Kricher

Freitagabend, 23 Uhr im Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg: Wir hören einen Jungenstimme aus dem Off. Der Junge stellt sich als Karl vor, sechs Jahre sei er alt. Der Sound-Schnipsel entpuppt sich als aufgezeichneter Audio-Mitschnitt einer Radiosendung beim Sender Fritz. „Arsenalplatz“ von Jassin wünscht der Junge sich - weil Jassin, wie er selbst aus Wittenberg komme und einfach cool sei.

„Kommt jemand von euch auch aus Ostdeutschland?“ will Jassin aus Sachsen-Anhalt an diesem späten Berliner Sommerfreitagabend von seinem Pop-Kultur-Publikum wissen, als er mit seiner vierköpfigen Live-Band (Schlagzeug, Bass, Synthesizer, Gitarre) die große Kesselhaus-Bühne entert. Dem freudigen Geschrei der großteils Anfang Zwanzigjährigen nach zu urteilen sind mindestens die Hälfte hier beim Konzert Ossis. Ob das wirklich stimmt? Auf jeden Fall sind all diese jungen Menschen gekommen, um einem Ossi zu huldigen und an seinen Lippen zu hängen: Jassin Awadallah (Bühnenname: Jassin), 2005 geboren in Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt und nach wie vor dort wohnhaft.

Seit rund zweieinhalb Jahren macht Jassin Furore in der deutschen Liederlandschaft: Seine Songs zünden bei der jungen Generation. Jassin, 21 Jahre alt, erzählt von seinem Lebensgefühl, in der ostdeutschen Provinz aufzuwachsen - als Trennungskind und Sohn eines ägyptischen Vaters. Zwar kommen in diesen Rap-geprägten Drama-Songs auch Rassismus (und sogar Reichsflaggen im Schrebergarten) vor; aber Jassin ist mitnichten einer, der den Osten verteufelt.

Statement zur Wahl in Sachsen-Anhalt und zur AfD?

Nein, es wird völlig klar: Lutherstadt samt dem zentralen Arsenalplatz (nach dem er sein Debütalbum benannt hat) hat, das ist Jassins Heimat. Auch er kurvt mit dem DDR-Moped Simson S51 (darum geht's im zweiten Lied des Abends) voller Liebeskummer über Landstraßen. Ein bisschen wie Björn Höcke, aber eben doch ganz anders.

Apropos: Wer von Jassin an diesem Pop-Kultur-Abend ein parteipolitisches Statement zur nahenden Sachsen-Anhalt-Wahl erwartet hat, wird eines Besseren belehrt. Jassin hat offensichtlich viel mehr Spaß dabei, zu seinen traurigen Lieder mit seinen Fans rumzuhüpfen und „ins Mikro zu rotzen“, wie er selbst sagt. Kein Wort zur AfD. Wahrscheinlich ist das aber auch nicht nötig. Denn allein, dass Jassin, dieser junge postmigrantische Ossi, eine dermaßen große Bühne bespielt und eine riesige Fanschar vorfindet, das ist an sich ja schon ein Statement.

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Pop-Kultur heißt immer auch ein bisschen: Qual der Wahl. Oder wie die jungen Leute sagen: FOMO, fear of missing out. Die Angst, etwas Supergeiles zu verpassen. Das zeigt sich auch vom 24. bis zum 30. August bei dieser zwölften Ausgabe des phantastischen Berliner Festivals mit internationalem Flair wieder. 120 Programmpunkte hat das Kurationsteam diesmal aufgefahren.

Stars der Indie-Musikszene wie The Notwist und Sophia Kennedy sind mit am Start. Jede Menge (im besten Sinne!) Nerd-Talks. Und sogar eine Ausstellung über Skateboardfahrer oder wie man in der DDR sagte: Rollbrettfahrer. Ein popkulturelles Straßenphänomen mit politischer Subversionskraft, wie die Schau in der Kulturbrauerei bildkräftig zeigt. Obwohl das Festival weit in die Stadt hineinreicht mit vielerlei Kooperationen, schlägt das Herz von Pop-Kultur doch wieder hier in Prenzlauer Berg.

Das zeigte sich auch am Freitagabend vor Jassins großartigem Auftritt wieder: Zu früher Abendstunde (noch bei Licht) bespielte Deer Anna den Frannz Garten mit ihrem melancholischen Indie-Folk. Im Palais heizte die ghanaisch-burkinische Funk-Sängerin Ria Boss dem Publikum ein, flankiert vom Modekollektiv Wax The Rich um den Designer Austin Nortey. Eddington Again verwandelte die Alte Kantine schon um 20.30 Uhr in einen Mitternachtsclub.

Das 80s-affine Duo Lingua Erotica spielte open Air (in der „Caystube“ von Pop-Kultur) düsteren Synthpop, aber gutgelaunt. Die Sängerin Baaba J (eine große Entdeckung!) aus Ghana gab beim Format Afro x Pop Unplugged, begleitet am Klavier, herzzerreißende Balladen rund ums Thema Heimat und Familie und Verlust zum Besten. Besonders schwitzig wurde es bei der Kölner Punkband Grenzkontrolle, den Ton Steine Scherben für die Gegenwart. Und beim schwedischen Afro-Grunge-Quartett Boko Yout. Um nur einige wenige Namen dieses grandiosen Festivals zu nennen. An solchen lauen Spätsommerabenden wird einem wieder maximal bewusst: was für eine phantastische Musikstadt Berlin ist.

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