Jeden Freitag treffen sich Hunderte Jugendliche zum Feiern am Alexanderplatz. Für den Bezirk Mitte und die Polizei sind sie ein Problem - obwohl die meisten ganz harmlos sind

Basteln mit dem Ordnungsamt

Sabine Rennefanz
4 Min

BERLIN. René Genthe sieht ziemlich finster aus. Er trägt viel Metall im Mund. Er hat lange Haare und einen langen Mantel, beides ist schwarz. Auf dem Rücken trägt er einen prallen Rucksack. Er sagt, er trinke seine zwei, drei Bierchen hier, mit seinen Freunden am Alexanderplatz. Nicht mehr. "Ich will ja keine Kosten für den Staat verursachen", sagt er. Er ist 19 Jahre alt, macht eine Lehre als Industriemechaniker und kommt aus Ludwigsfelde.René Genthe ist einer derjenigen, die das Bezirksamt Mitte und die Polizei derzeit als Gefahr für die Öffentlichkeit betrachten. Sie treffen sich seit etwa einem Jahr jeden Freitagabend, manchmal sind es vierhundert, manchmal weniger. Der Treff wurde erst im Internet organisiert, inzwischen ist es eine Institution. Der Alexanderplatz ist zentral gelegen, hat viel Raum und wirkt selbst noch unfertig, wie die Teenager. Sie reden, sie trinken, es gab Beschwerden von Anwohnern, wegen des Lärms. Das Bezirksamt bereitet jetzt eine Parkordnung vor, in der ein Alkoholverbot festgeschrieben werden soll. Die Lokalpolitiker wollen die Jugendlichen weg haben.Die Fernsehturmkugel leuchtet abwechselnd blau und rot, es ist ein bisschen wie im Club, nur kälter und besser bewacht. Die Polizei hat sechs Mannschaftswagen aufgefahren, als würden sich zwischen S-Bahneingang und Neptunbrunnen Schwerverbrecher sammeln. Hauptkommissar Michael Bahr vom Abschnitt 52 macht einen Rundgang. Er leuchtet Jugendlichen ins Gesicht, prüft, ob Minderjährige gerade dabei sind, sich ins Koma zu trinken. Vor drei Wochen musste die Polizei einschreiten, ein siebzehnjähriges Mädchen hatte gut zwei Promille im Blut, das war bisher der dramatischste Fall, an den sich Bahr erinnert. Er kennt sich inzwischen aus mit den Jugendgruppen, die für Außenstehende schwer zu unterscheiden sind, den Emos, den Mangas, den Gothics, den Metallern. Nur die Punks, die kennt jeder.Bahr sieht ein, dass die Jugendlichen einen Ort brauchen, um sich zu treffen. "Aber dann trinken sie, lassen ihren Rucksack stehen, dann kommt es zum Diebstahl oder zu Körperverletzung." Von bürgerkriegsähnlichen Zuständen wie in englischen Großstädten ist Berlin weit entfernt, aber das Problem wird trotzdem mit großer Ernsthaftigkeit angegangen. Ob der Alexanderplatz ein jugendgefährdender Ort sei, fragt ein schwarz gekleidetes Mädchen mit rundem Gesicht. Das habe sie gehört, es soll Platzverweise geben. Kommissar Bahr schüttelt den Kopf. Ein jugendgefährdender Ort, das wäre zum Beispiel ein Bordell.Er ist mit 27 Polizisten hier, eigentlich viel zu viele, um Müllbeutel für die leeren Flaschen zu verteilen und zu gucken, dass niemand an die Kirchenmauer pinkelt. Fünf Beschwerden habe es deshalb gegeben, sagt Bahr. Außerdem patrouilliert das Ordnungsamt. Die Aufgabe der Mitarbeiter besteht darin, rauchenden Jugendlichen Aschenbecher aus Pappe zu überreichen. Ein paar Mädchen greifen interessiert nach den Faltpapier und fangen an zu basteln. So sehen sie aus, die hemmungslosen Jugendlichen, über die der fürs Ordnungsamt zuständige CDU-Stadtrat Joachim Zeller schimpft.Die Atmosphäre ist großstädtisch entspannt. Die Jugendlichen sitzen auf Bänken, sie reden miteinander, sie knutschen, sie trinken, eine eher harmlose Party. Mittendrin stehen Hobbyfotografen, die die Lichtkegel um den Fernsehturm festhalten wollen. Es seien weniger Jugendliche als sonst da, wundert sich Polizist Michael Bahr. Er wisse auch nicht, woran das liege. Vielleicht ist es die Kälte, die einige zu McDonalds oder Burger King getrieben hat. Andere fliehen vielleicht vor der Bewachung. René Genthe zum Beispiel ist empört, dass er sich rechtfertigen muss. Als wäre er ein Schläger oder Trinker. Er sei doch ein total friedlicher Mensch. "In unseren Kreisen wurde angekündigt, dass es mehr Kontrollen geben wird", sagt ein schwarz geschminkter Junge. Er und seine Freunde überlegen, ob man woanders hingeht. Aber wohin? Bars oder Kneipen sind teuer.In Spandau am Lindenufer hätten sie ein paar Polizisten gebrauchen können. Von dort sind Vanessa Schmidt und ihre Freunde geflohen. Sie sind Emos, moderne Punks, das sieht man an ihrem großen Make-up, das auch die Jungs tragen. In Spandau seien sie abgezogen worden, Handys, Turnschuhe, alles weg, sagt Vanessa Schmidt, 20 Jahre alt. Seit Juli sind sie regelmäßig am Alex, sie kommen am frühen Abend und bleiben bis eins oder zwei. Sie haben ein Sixpack mit Alkopops dabei, aber betrunken wirkt Vanessa Schmidt nicht. Wie René Genthe macht sie einen ernsthaften Eindruck - bemüht zu zeigen, dass sie kein Problem ist. Sie macht eine Ausbildung zur Kartenzeichnerin. "Es ist nicht so, dass wir uns hier alle mit Drogen vollpumpen oder keine Zukunft haben."------------------------------Foto: Vanessa Schmidt (2. r.) und ihre Freunde trinken gerne am Alex.

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