Noch hat keiner angebissen. Obwohl den Frühlingsgefühlen eine Sehnsucht nach Erneuerung nachgesagt wird, kommt keine Mail an. Christiane Thiel hat in ihrer Annonce das Aufräumen angeboten, genauer: das heilsame Aufräumen. Eine Frau schlägt also vor, in deine Wohnung und somit in dein Privatleben zu treten und wie mit einer Wundsalbe über Wucherungen, Irritationen und Chaos zu streichen. Damit wieder Ordnung wird und alles an seinen Platz kommt. Ein Heinzelweibchen kümmert sich. Kann man es nicht allein schaffen? Das bisschen Haushalt?Der Geist ist willig, aber die letzten beiden unausgepackten Kartons vom Umzug bleiben noch jahrelang so stehen, das weiß jeder. Ein Freund schafft es nicht, sich von fünf alten Fernsehern zu trennen, einer davon ein Veteran in Schwarzweiß, die wie manche Spieler auf der Ersatzbank nie wieder zum Einsatz kommen werden. Eine Freundin hat eine ganze Schublade voller Strumpfhosen mit Laufmaschen, die sie unter langen Hosen auftragen möchte, obwohl drei für den Zweck auch reichen würden. Meine Mutter sammelte unter der Tischdecke Blumensamentütchen, Ansichtskarten, ausgerissene Zeitungsartikel oder Angebote der Deutschen Klassenlotterie - eine Resterampe für eventuelle Vorhaben. Der Mensch sammelt, legt Vorräte an, trennt sich nicht gerne und schätzt hoch ein, was er besitzt. Auch den ideellen Wert.Christiane Thiel ist dreißig Jahre alt und weiß das alles. Sie weiß überhaupt viel über Menschen. Eigentlich ist sie Sozialarbeiterin, "mit ganzem Herzen", sagt sie. In ihrer Nähe fühlt man sich verstanden, geborgen und stimmungsmäßig aufgehellt. Aber im Oktober letzten Jahres wurde ihre Stelle beim Jugendamt Steglitz wegrationalisiert. Jetzt arbeitet sie noch zweimal in der Woche in einem Heim für bindungsgestörte Kinder und setzt außerdem ihre Weiterbildung als Lerntherapeutin bis zum Coach fort.Sie kommt aus einem kleinen Ort in Oberfranken. Mit siebzehn besuchte sie mit ihrer Gymnasialklasse Berlin. "An einem kalten Novembertag fuhren wir über die Avus, ich sah die Lichter und wusste: Nach dem Abitur gehe ich nach Berlin." Mit neunzehn kam sie "in die Stadt der großen Unbekannten im Gegensatz zu meiner heilen Welt" und studierte acht Semester an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Sie lernte auch, nach welchen Mustern sie selbst funktioniert: "Ich versuche, ein guter Mensch zu sein." Es gibt nicht viele, die sich so einen Satz zu sagen trauen, unangefochten vom Gespött über Gutmenschen. Heutzutage ein Schimpfwort.Ich hatte mir vorgestellt, dass hinter der Anzeige eine mittelalte praktische Person steht, die in einer picobello aufgeräumten Wohnung lebt. Aber so ist das hier nicht, es gibt sogar Krimskrams. Die Wohnung hat den Charme einer geliebten, heiteren, weiblichen Studentenbude. Nur ein Indiz verrät die Ordnungsliebe: Alle Gewürzdosen stehen mit dem Etikett nach vorn.Ein Teil der Menschheit liebt das Chaos, dem er Kreativität zu verdanken glaubt. Solche Leute leben sehr gut mit verrutschten, halbmeterhohen Stapeln auf dem Schreibtisch und einzelnen Socken. Andere schaffen klare Strukturen in ihrer Umgebung. Und wieder andere leiden darunter, dass sie keine Ordnung haben. Das ist der "Ich-müsste-mal-Typ". Durch ihn werden Ratgeberbücher wie "Simplify your Life" zu Bestsellern. Man muss in einer bestimmten emotionalen Not sein, um solche Tipps nicht nur zu lesen, sondern anzunehmen.Christiane Thiel hatte ihre Arbeit verloren, sich von ihrem Freund getrennt und war innerlich zum großen Entrümpeln bereit. Sie fing mit ihrem Spülunterschrank an, sortierte dann Schuhe, Klamotten, Bücher, CDs, Uni-Unterlagen aus - "alles, womit ich keine Verbindung mehr hatte". Treppe hoch, Treppe runter zum Container, Säcke um die Ecke zu einer Arbeitsloseninitiative. Dieses Bedürfnis hatte sie fünf Tage, danach war "klar Schiff von oben bis unten". Plötzlich spürte sie einen Zusammenhang - dass man auch sein Leben sortiert, wenn man Dinge sortiert. Weil man sich fragt: Was will ich, und was brauche ich?Sie geriet in geradezu euphorische Stimmung und erzählte davon. Da bat die erste Freundin um Hilfe. Mit ihr hat sie fünf Stunden nur die Küche aufgeräumt, "danach waren wir echt platt". Immer mehr Freunde wollten mit ihr zusammen aufräumen. "So, dachte ich, jetzt machst du ein richtig professionelles Konzept und schreibst alles auf: Wie erkläre ich jemandem, der mich nicht kennt, was ich mache?" Sie erwartet nicht, damit reich zu werden. Das hätte auch nicht als Sozialarbeiterin funktioniert, "der am schlechtesten bezahlte akademische Beruf, wir haben keine Lobby".Christiane Thiel möchte etwas mit Sinn machen. Wer sich befreit, schafft Platz für Neues, sagt sie. Eigentlich ist Ordnung ganz einfach: Man stellt die Dinge in dem Zustand, in dem sie waren, an den Ort zurück, an dem sie sich befanden. Das ist die Theorie. In Wirklichkeit kommt was dazwischen.In meinem Freundeskreis gibt es viele, die stöhnen, dass sie keinen Platz mehr für neue Bücher haben, nichts finden und nicht wissen, was sie wegschmeißen sollen. Ich erzähle ihnen von der Anzeige: Heilsam aufräumen.Nein, sagen die Freunde, das sei ihnen dann doch viel zu intim. "Ja", sagt Christiane Thiel, "wenn man auf allen Vieren durch das Schlafzimmer robbt und alte Liebesbriefe sortiert, kommt man sich nahe. Aber der Kunde merkt bald, dass nichts Schlimmes passiert, wenn er vor einem wildfremden Menschen die Hosen runterlässt. Außerdem habe ich Schweigepflicht."Nein, sagen die Freunde, ein fremder Mensch könne nicht wissen, was einem wertvoll sei. "Ja", sagt Christiane Thiel, "aber der Kunde ist die ganze Zeit an meiner Seite, er entscheidet. Ich nehme ihm doch nichts weg. Manchmal reicht es schon, zusammen anzufangen, den Rest schafft er allein. Manchmal kann ich den Kunden überzeugen, dass er seine Erinnerung behält - auch wenn er jetzt sofort das Streichholz wegwirft, mit dem er eine Kerze entzündet hat, bevor er vor Jahren in einem Hotelzimmer in Venedig ein Kind zeugte."Aus Sentimentalität bleiben auch viele verstaubte Trockenblumensträuße auf der Welt. Manche Leute haben Angst, sich von Sachen zu trennen, weil sie nicht loslassen können oder sich fragen, was danach kommt. Zunächst kommt mehr Platz. Mehr Luft. Und eine Menge bleibt sowieso übrig, "alles, was man liebt". Und gleich denkt man über den Unterschied zwischen Liebe und Gewöhnung nach.Christiane Thiel kommt zum Erstgespräch ins Haus, sieht sich um und fragt: "Worauf haben Sie Lust?" Der Rest ergibt sich. Es folgt eine Aktion, die die Sozialarbeiterin in einen größeren Rahmen stellt: Therapeutisches Setting.Sie vereinbart keinen Stundenlohn, dann würde zu großer Druck auf der Arbeit lasten. Man kann mit einem Zimmer anfangen, mit der Küche oder mit dem Bad. Man kann sich an einem anstrengenden Wochenende zweimal zwölf Stunden in das Aufräumen stürzen oder zwischendurch längere Pausen lassen. Ihr Impetus ist, sagt sie, keine Baustellen zu hinterlassen.Die Aufräumerin besorgt auch gerne vorher Aktenordner, Klarsichtfolien, Aufklebe-Etiketten. Oder schöne Dekokisten, womit das letzte Stündchen von Bindfäden, Restkacheln, Sicherungen, nicht mehr zuzuordnenden Schlüsseln und dem alten Fleischwolf in einer Aldi-Tüte geschlagen hat.Die Aufräumerin ist auch bereit, vorher im Internet zu googeln, wo es in der Nachbarschaft soziale Einrichtungen gibt, die sich über Bücherspenden, Hausrat, saubere Kleidung freuen.Noch bleibt es still in der Wohnung von Christiane Thiel, aber man wünscht ihr, dass es die Ruhe vor dem Sturm ist. Vorläufig lebt sie von Ersparnissen. ------------------------------Foto: "Worauf haben Sie Lust?" Die Aufräumerin Christiane Thiel in ihrer Wohnung in Berlin-Steglitz
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]