Jeden Sonnabend wird hier die Geschichte hinter einer Anzeige erzählt. Diesmal: Wie ein gelernter Elektromonteur als Detektiv sein Brot verdient

Ein Fall für Lehmann

Simone Schmollack
7 Min

Bei seinem letzten großen Ding hat er fast sein Leben gelassen. Der Schuss ging nur knapp daneben und krachte in einen Baum. Aber noch hatte er die Million, in einem silberfarbenen Aktenkoffer und in kleinen Scheinen, so wie es der Erpresser verlangt hatte. Lehmann stellte den Aktenkoffer vor sich auf den Waldboden. Jetzt wollte er aber auch die Geisel sehen. So war es ausgemacht: Million gegen Frau. Eine gefährliche Sache, aber genau der richtige Fall für ihn, Lehmann, den Detektiv. Ein reicher Geschäftsmann war erpresst und seine Frau entführt worden. Der Unternehmer wollte seine Frau natürlich zurück und beauftragte Lehmann, sie zu finden, lebendig. Lehmann ist bekannt dafür, dass er jede harte Nuss knackt, er ist einer der Besten in seiner Branche, eine Spürnase wie Detektiv Rockford - "Anruf genügt".Klingt gut, nicht wahr? Wäre toll, wenn es so wäre. Aber so ist es nicht. Das Einzige, was an der Geschichte stimmt, ist Lehmann. Den gibt es wirklich und der ist auch tatsächlich Detektiv. Aber sein Alltag sieht anders aus. Lehmann rettet keine entführte Millionärsgattin und transportiert auch keine Geldkoffer. Schießereien erlebt er schon gar nicht. Die Tage von Detektiv Lehmann sind relativ harmlos und überschaubar, im Grunde sind sie gnadenlos unspektakulär. Wenn Frank Lehmann wirklich mal auf jemanden angesetzt ist, hockt er stundenlang in seinem Auto und starrt auf irgendwelche Türen irgendwelcher Häuser oder Hotels. Und hofft darauf, dass sich das "Observierungsobjekt" blicken lässt. Auf Lehmanns Schoß, dieses Klischee stimmt, liegt eine Kamera mit einem riesigen Objektiv, und in der Hand hat er das Handy. Im Winter ist es kalt und im Sommer brütend heiß. Auf dem Armaturenbrett im Cupholder klemmt ein Pappbecher mit kaltem Kaffee, im Fußraum des Wagens liegen zusammengeknüllte Einwickelpapiere von unzähligen Burgern. Lehmanns Blick klebt an der Eingangstür, er darf sich nicht vom Fleck rühren. Aber ihm ist total langweilig. Zeitung lesen geht nicht, Kreuzworträtsel raten auch nicht, nicht mal pinkeln gehen kann er. Was, wenn genau in diesem Moment "die zu beobachtende Person" zur Tür herauskommt und Lehmann verpasst sie? Das darf auf keinen Fall passieren.Frank Lehmann ist groß und kräftig, ein eindrucksvoller Mann. Aber er sieht zu, dass er übersehen wird. "Das Wichtigste für einen Detektiv ist, unsichtbar zu sein", sagt er. Deshalb darf sein Gesicht in der Zeitung nicht gezeigt werden. Wenn er erkannt wird, ist er "verbrannt", wie es im Fachjargon heißt. Dann kann er seine nächsten Einsätze in die Tonne kloppen. Vor allem die als Kaufhausdetektiv. Für einen Ermittler, der Langfinger schnappen soll, ist Unauffälligkeit die wichtigste Voraussetzung. Lehmanns Kapital ist sein Allerweltsgesicht. So einen übersieht man, an dem geht man ahnungslos vorbei. Das nutzt Lehmann aus, dann dreht er den Spieß um und läuft zum Beispiel in Kaufhäusern und Einkaufsketten den Leuten hinterher. Zumindest solchen, von denen er glaubt, dass sie gleich etwas klauen.In Deutschland gibt es 20 000 bis 25 000 Detekteien, die meisten sind Ein-Mann-Betriebe. Die Alleinunternehmer arbeiten auf eigene Faust und auf eigene Rechnung. Andere Detekteien sind größer, zum Beispiel die, bei der Frank Lehmann seit einigen Jahren fest angestellt ist. Die Firma hat ihr Büro in Neuenhagen bei Berlin und beschäftigt 30 Mitarbeiter, fast nur Männer. Sie schaltet in verschiedenen Berliner Tageszeitungen immer wieder die gleiche Anzeige: Kaufhausdetektiv gesucht. Das Geschäft boomt. Aber seitdem das Arbeitsamt Langzeitarbeitslose zu Detektiven umschulen lässt, muss die Branche vorsichtig sein. Es gibt viele schwarze Schafe und unzählige Trottel.Frank Lehmann ist nicht so einer, er ist gut. Sein Chef lobt ihn. "Der Frank", sagt er, "auf den ist Verlass. Der weiß, was Sache ist." Das spricht sich rum. Die Sicherheitschefs von Warenhäusern buchen gern Frank Lehmann als Kaufhausdetektiv, sie wollen öfter ihn als andere. Dann macht Lehmann den ganzen Tag nichts anderes als mutmaßliche Diebe vom Eingang des Ladens bis zur Kasse zu verfolgen. Die Kunden laufen meist die Ladenhauptstraße entlang, Lehmann schleicht ihnen in den Seitenstraßen hinterher. Es gibt nichts, was Frauen und Männer heute nicht versuchen mitzunehmen, ohne es zu bezahlen: Videos, Kameras, Schokolade, Seife, Schuhe, Brot. "Selbst das Klopapier von der Kundentoilette wird eingesteckt", sagt Lehmann. Auch ausgeleierte Armaturen und dreckige Wischeimer. Wenn der Tag gut läuft, schnappt Detektiv Lehmann vier Gauner. "Normal sind ein bis zwei."Jetzt, um die Weihnachtszeit, könnte Lehmann seine Fangquote erhöhen. Aber das Menschengewimmel ist für Detektive die reinste Hölle: unübersichtlich, hektisch, turbulent, ein Ameisenhaufen. Die Leute stecken mehr unter ihre Jacken und in ihre Taschen, aber Lehmann und seine Kollegen kommen ihnen seltener auf die Schliche. Frank Lehmann ist froh, wenn wieder Januar ist.Er ist jetzt 37, seit ein paar Jahren ist er Detektiv. Er hat die Annonce der Neuenhagener Detektei auch gelesen und gedacht: Mal was ganz anderes machen, das wär' was. Eigentlich ist Lehmann Elektromonteur, aber das war ihm auf die Dauer zu banal. Und zu anstrengend. Er war nämlich nur unterwegs.Als die Mauer fällt, beendet Lehmann gerade seine Lehre. Sein Betrieb wickelt sich selber ab, aber für Lehmann ist alles offen. Er ist jung, ohne Familie, flexibel. Der Lichtenberger findet problemlos Jobs in Zehlendorf, Friedenau, Spandau. Er ist schnell und zuverlässig, die Firmen schicken ihn auf Montage: Hannover, München, Frankfurt, Ruhrpott. Frank Lehmann kommt rum, er sieht Städte und Firmen, lernt Land und Leute kennen. Aber irgendwie, findet der junge Mann, habe ich kein Zuhause, ich habe auch keine Freundin und keine Familie. Welche Frau wartet schon gern jeden Freitagabend darauf, dass der Liebste vor der Tür steht, mit einer Tasche voller Dreckwäsche und von der Knochenwoche zu müde für die Liebe? Es muss doch noch mehr drin sein, in diesem gottverdammten Leben!Als Detektiv geht Lehmann nicht auf Montage, er arbeitet hauptsächlich in Berlin. Inzwischen wohnt er in Neuenhagen. Eine Frau aber, die hat Lehmann immer noch nicht. Er ist wählerisch: "Ich warte auf die Richtige." Die Richtige muss verstehen, dass er nicht wie andere Männer über seine Arbeit plaudern darf. In seinem Job bringt man keine Schwänke mit aus dem Büro. "Da kannste deine Aufträge ja gleich ans schwarze Brett nageln." Die Richtige muss auch verstehen, dass sie mit Lehmann nicht reich wird. Es gibt Schnüffler, die bekommen 3,85 Euro in der Stunde.Als er anfing, hat Lehmann ausschließlich als Kaufhausdetektiv gearbeitet. Jetzt gibt es nichts, was er nicht anpackt: Versicherungsbetrug, Personensuche, Wirtschaftsspionage, säumige Unterhaltszahlungen, Einbau von Sicherheitstechnik. Eine Firma hatte ihn mal auf eine Mitarbeiterin angesetzt. Die Frau war mehrere Wochen hintereinander krank geschrieben, sie hatte es im Kreuz. Ihrem Chef kam das komisch vor, irgendwann muss so ein Rückenleiden doch mal auskuriert sein. Er buchte Frank Lehmann. Der fuhr zum Haus, in dem die Frau wohnte, und fotografierte, wie sie in ihrem Garten die Erde umbuddelte. Dann legte er die Beweisfotos vor und die Frau wurde gefeuert. Wie fühlt man sich in solchen Momenten? "Ich mache nur meine Arbeit", sagt er.Gibt es Fälle, die er ablehnt? Aber klar, zum Beispiel Observation bei Untreue. "Was soll das bringen", sagt Frank Lehmann. "wenn ich eine Woche lang einen Mann beobachte, der seine Frau betrügt?" Nun ja, Lehmann könnte den Mann in flagranti erwischen und der Frau die Beweise bringen, so wie bei der Mitarbeiterin mit dem kaputten Rücken. "Ach nee", sagt Lehmann, "in dem Fall ist es besser, mal miteinander zu reden."------------------------------Foto: Eine Kamera und seine Anonymität - das braucht Detektiv Frank Lehmann, um seine Arbeit zu machen.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner