JOHANNESBURG. Klingeltöne, SMS verschicken und Musikhören mit dem Mobiltelefon haben für Kenneth Uwasa keinen Reiz. Der 35-jährige Kenianer in Nairobi nutzt sein Handy für viel Wichtigeres, wie er meint. "Damit überweise ich meiner Mutter im Heimatdorf ab und zu ein paar hundert Shilling", erklärt er. Der größte Mobilfunkanbieter im Land, Safaricom, hat diesen Service vor zwei Jahren eingeführt und bereits mehr als fünf Millionen Kunden. Das Prinzip ist relativ einfach, erklärt die dafür zuständige Direktorin Betty Mwangi. "Wir haben etwa 4 000 Agenten im ganzen Land, meist sind es Ladenbesitzer. Dorthin geht der Kunde, zahlt das Geld ein und erhält einen PIN-Code, den er an den Begünstigten per Handy übermittelt. Und der kann dann damit in seinem Ort das Geld abholen."Aids-Test per SMSDies ist in Kenia wie überhaupt in Afrika von beträchtlicher Bedeutung. Denn die Mehrheit besitzt hier kein Bankkonto. Zum einen, weil sie nur über geringe Überschüsse verfügen, die sie auf ein Konto packen könnten. Und zum anderen, weil die Bankgebühren für diese kleinen Beträge zu hoch sind. Das kenianische Beispiel macht deshalb schnell Schule. Safaricom weitet den Service jetzt auf Tansania aus. MTN, der größte Mobilfunkbetreiber auf dem Kontinent mit über 100 Millionen Kunden, beginnt dies in Uganda. Chris Gabriel von Zain, einem kuwaitischen Mobilfunker, der in Afrika ein weites Netz besitzt, stellt fest: "Die Leute schreien geradezu danach." Und führt diesen Dienst jetzt auch ein."Es ist keine große Investition und bringt vom ersten Tag an Gewinn", meint Gabriel. Denn ein mobiler Bankagent kostet im Monat etwa 300 Dollar, eine Mikrofinanzbankfiliale mit ihrer Technik in einem Dorf oder Slum hingegen 28 000 Dollar. Von einem "unwahrscheinlichen Potenzial" spricht deshalb Pam Zuercher von Visa.Selbst in Südafrika mit einem dichten Bankennetz hat sich die Großbank ABSA schon umgestellt. Mit dem Handy können dort jetzt Kunden ohne Konto an Geldautomaten überwiesene Geldbeträge abheben. Dazu gibt der Kontobesitzer die Telefonnummer des Begünstigten und einen sechsstelligen Code ein. Daraufhin kreiert das System eine zehnstellige Zahl, die an das Mobiltelefon übermittelt wird. Sie wird von dessen Besitzer dann zusammen mit dem Code des Überweisers am Automaten eintippt - der dann das Geld ausgibt.In Ghana wurde ein "Smartcard"-System eingeführt, an dem alle Banken teilnehmen. Jeder Bürger kann eine solche Karte bekommen - und ohne ein Konto zu besitzen dann mit der per Handy übermittelten Zahlenkombination Geld einzahlen oder abheben. Entweder an einem Bankautomaten oder bei einem der vielen Agenten. Er kann mit der Karte, entsprechend dem Guthaben, auch direkt bezahlen. Bis Ende des Jahres werden 100 000 Ghanaer eine solche Karte besitzen.Doch in Afrika werden Handys noch für ganz andere Dinge genutzt. In Namibia bietet Trustco Mobilfunkkunden eine Lebensversicherung an. Wer für umgerechnet einen Euro Sprechzeit kauft, hat damit für 30 Tage eine Lebensversicherung von 100 Euro. Bei 10 Euro sind das dann schon 1 000 Euro Versicherung, was die Bestattungskosten decken würde. Und dies ohne jegliche Extraausgaben für eine solche Abdeckung.Ein amerikanisches Unternehmen hat inzwischen eine weitere Neuerung gefunden, die in Afrika zum Schlager werden könnte. Eine im Handy befindliche modifizierte Kamera kann zum Aidstest oder zum Erkennen anderer ansteckender Krankheiten wie Malaria genutzt werden. Dazu braucht der Handykunde nur einen Blutstropfen auf ein Glas aufbringen und es vor das Objektiv halten. Bestimmte durch blaues Licht dabei erkennbare Zellschatten ermöglichen es, fünf Minuten später von einem Zentralrechner die Diagnose zu stellen und als SMS zu übermitteln. Angesichts des katastrophalen Gesundheitssystems in Afrika und der oft schweren Erreichbarkeit von Kliniken ist dies von großer Bedeutung.Bald 700 Millionen AnschlüsseDenn Afrika hat den am schnellsten wachsenden Mobilfunkmarkt der Welt, im Schnitt um 40 Prozent im Jahr. 1992 noch wurden nur eine Million Handybesitzer zur Jahrtausendwende prognostiziert. Als das Jahr 2000 dann herankam, waren es jedoch schon zwanzig Millionen, vier Jahre später 80 Millionen und inzwischen gibt es etwa 400 Millionen Handyanschlüsse. Damit besitzt auf einem Kontinent, wo es oft an einfachsten Dingen wie sauberem Wasser fehlt, bereits mehr als jeder Dritte ein Handy. Ein weiteres Drittel nutzt das Gerät eines Familienmitglieds oder Freundes. In vier Jahren, so eine Schätzung, werden 700 Millionen Afrikaner ein Handy besitzen. Für den Kontinent ist das eine Wachstumsstory ohne Beispiel.------------------------------Das Telefon-WunderÜberraschend: Niemand hatte vor ein paar Jahren mit einer derart schnellen Verbreitung des Handys in Afrika gerechnet: Bald schon telefoniert der halbe Kontinent mobil.Wachstum: Im Nachhinein scheint die Entwicklung logisch. Ein ausgebautes Festnetz gibt es nicht. Sendemasten für den Mobilfunk sind im Vergleich relativ günstig. Gleichzeitig sankendie Preise für Handys dramatisch.------------------------------Grafik: Mobilfunkverträge in AfrikaFoto: Telefonat auf einem Straßenmarkt in der nigerianischen Hauptstadt Lagos: Handys beleben Afrikas Wirtschaft.
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