Chinesische Automarken erreichen in Europa einen Rekordanteil am Neuwagenmarkt. Das berichtet Bloomberg unter Berufung auf aktuelle Zahlen des Marktforschers Dataforce. Auch in Deutschland haben sie im August die Sechs-Prozent-Marke geknackt, während VW Marktanteile verliert. Besonders stark sind chinesische Hersteller bei Hybridautos – ausgerechnet in dem Segment, für das die zusätzlichen EU-Zölle auf Elektroautos nicht gelten.
In Europa entfielen im August laut Dataforce knapp zwölf Prozent der Neuwagenverkäufe auf chinesische Marken – ein Rekord. Bei Hybriden trug jedes vierte verkaufte Auto eine chinesische Marke, bei Plug-in-Hybriden sogar etwa jedes dritte. In Deutschland erreichten chinesische Marken einen Anteil von 6,4 Prozent. BYD ließ hier 5256 Neuwagen zu, fast fünfmal so viele wie im August 2025. Die Zulassungen der Marke VW gingen dagegen laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) im selben Zeitraum um 14 Prozent zurück.
Autoexperte zerlegt Merz’ Zollpläne gegen China: „Donald Trump im Miniaturformat“
VW flieht vor China-Misere in neue Märkte – und landet wieder in China
Chinesische Marken holen in Europa seit Jahren auf
Der europäische Rekord ist Teil einer längeren Entwicklung. Zwischen Januar und Juli dieses Jahres lag der Anteil chinesischer Marken an den Neuzulassungen laut Dataforce bei 8,7 Prozent. Im Vorjahreszeitraum waren es 5,6 Prozent, zwischen Januar und Juli 2024 erst 3,1 Prozent. 2021 kamen sie im gleichen Zeitraum lediglich auf 0,6 Prozent. Der Augustwert liegt nun nochmals über dem Durchschnitt der ersten sieben Monate dieses Jahres.
Auch in Deutschland gewinnen chinesische Marken an Bedeutung. Nach KBA-Daten lag ihr Anteil an den Neuzulassungen 2024 bei 1,7 Prozent, 2025 bei 2,4 Prozent und im ersten Quartal 2026 bei 3,1 Prozent. Diese Werte lassen sich nicht unmittelbar mit den 6,4 Prozent von Dataforce im August vergleichen: Die Zeiträume unterscheiden sich, und die Zuordnung einzelner Marken kann abweichen.
Volkswagen bleibt mit 15,2 Prozent der Neuzulassungen im August die stärkste Marke in Deutschland. Der Absatzrückgang betrifft jedoch nicht nur diesen Monat: Von Januar bis August wurden laut KBA 5,7 Prozent weniger VW-Fahrzeuge neu zugelassen als im gleichen Zeitraum 2025. Wie viele Käufer unmittelbar von VW zu chinesischen Marken wechselten, zeigen die Zahlen nicht. Einzelne Monatswerte können zudem durch Liefertermine, Modellwechsel und große Fahrzeugflotten schwanken.
Europas Käufer greifen derzeit häufiger zu elektrifizierten Autos. Laut Dataforce stieg die Nachfrage nach Elektro- und Hybridfahrzeugen im August zusammen um 27 Prozent, während reine Verbrenner an Boden verloren. Der gesamte Neuwagenmarkt wuchs um 4,6 Prozent. Laut Bloomberg sprechen Hybride vor allem Kunden an, die wegen Reichweite oder Ladeinfrastruktur noch vor einem reinen Elektroauto zurückschrecken.
BYD hat diesen Markt ausdrücklich im Blick. Regionalchefin Maria Grazia Davino stellte im Interview mit der Berliner Zeitung einen Hybrid als Fahrzeug für Europa und Deutschland heraus. Beim Thema Technologie bezeichnete sie BYD gegenüber anderen Herstellern als „überlegen“. Der Konzern will mit weiteren Modellen und einem größeren Händlernetz gegen etablierte Marken antreten.
EU verschärft Kurs gegen China: Peking fordert jetzt Hilfe von Deutschland
Deutschland prüft Hybridzölle – Experten sehen Risiken für VW
Der chinesische Hybridboom verschärft eine Frage für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): Soll die EU ihre zusätzlichen Zölle auf Autos aus China ausweiten? Bisher treffen die Aufschläge reine Elektroautos, aber keine Hybride. Über die Vorteile, die diese „Zolllücke“ chinesischen Herstellern verschafft, berichtete die Berliner Zeitung bereits im vergangenen Jahr.
Nach Bloomberg-Informationen prüft die Bundesregierung inzwischen zusätzliche EU-Zölle auf in China produzierte Plug-in-Hybride. Beschlossen ist der Schritt nicht. Mehrere von der Berliner Zeitung zu diesen Plänen befragte Experten warnen vor vorschnellen Maßnahmen. Ferdinand Dudenhöffer vom Center for Automotive Research sagte: „Friedrich Merz sollte nicht Donald Trump im Miniaturformat spielen.“ Ein Handelskonflikt könnte auch deutsche Autobauer treffen, für die China ein wichtiger Absatzmarkt bleibt.
Stefan Reindl, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IfA), verweist darauf, dass die bestehenden Ausgleichszölle auf einer EU-Untersuchung zu Elektroautos beruhen. Ob Plug-in-Hybride vergleichbar gefördert werden, müsste eigens geprüft werden. Vor allem aber lösen Zölle aus seiner Sicht nicht die Entwicklungs- und Kostenprobleme der europäischen Hersteller. „Zölle können Zeit kaufen, aber keine Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Reindl.
Frank Schwope, Lehrbeauftragter für Automotive Management an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) Berlin, sieht ebenfalls einen hohen Preis für die Kunden. Zusätzliche Zölle könnten deutschen Herstellern zwar helfen, würden aber womöglich günstige Modelle vom Markt verdrängen: „Zölle haben den sehr unangenehmen Effekt, dass sie den Autokauf für die Bürger verteuern.“
Merz gerät damit in eine heikle Lage. Der Wettbewerb für deutsche Autobauer spitzt sich zu, die Rufe nach besseren Standortbedingungen werden lauter. Neue Zölle könnten VW und Co. zwar kurzfristig Luft verschaffen – aber auch Autos verteuern und einen Handelskonflikt mit China auslösen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]