Eine ruhige Straße im Herzen Berlins, ein eleganter Altbau im Schatten des Charité-Hochhauses, eine Tür, die wie ein Seiteneingang wirkt und darüber ein Schild mit der Aufschrift World Health Summit. Wer in den vergangenen Tagen den ersten Weltgesundheitsgipfel besuchte und sich auf wogende Menschenmassen in einem riesigen Konferenzzentrum eingestellt hatte, war zunächst verblüfft. Im Langenbeck-Virchow-Haus kam der Einzelne zur Geltung. Ob im Foyer, wo smarte Kongress-Profis umhereilten oder im Hörsaal mit seinen vielen freien Plätzen - selbst bei Vorträgen von Berühmtheiten wie dem Aidsvirus-Entdecker und Nobelpreisträger Luc Montagnier. Weltgesundheitsgipfel? Bei jedem Deutschen Krebskongress ist mehr los.Aber darum ging es den Veranstaltern nicht beim Berliner Gipfel, der an fünf Tagen rund tausend Besucher anzog und am Sonntag endete. Man wolle der Welt einen Impuls geben, damit das Menschenrecht auf Gesundheit endlich eingelöst werde, sagte Detlev Ganten, Kongresspräsident auf Seiten der Charité. Noch leben bis zu achtzig Prozent der Weltbevölkerung ohne nennenswerte Gesundheitsversorgung, noch ist man relativ machtlos gegen die Plagen des 21. Jahrhunderts: Infektionskrankheiten wie HIV, Malaria und Tuberkulose in armen Ländern und chronische Krankheiten wie Krebs, Herzleiden und Demenz in reichen Nationen."Uns ist bewusst, dass unser Ziel sehr ehrgeizig ist und dass ein Kongress nicht Gesundheit für jeden erwirken kann", sagte Ganten. Dies sei nur möglich, wenn die globalen Akteure langfristig koordiniert handelten. Etwa die Gesundheitsminister, Vertreter der Weltgesundheitsorganisation und von Nichtregierungsorganisationen, Chefs von Pharmaunternehmen, Nobelpreisträger und Forschungsmanager, die dem Ruf nach Berlin gefolgt waren.Zu dieser Kategorie zählt auch Festus Mogae, langjähriger Präsident von Botswana. Eindrucksvoll schilderte Mogae, wie er mit seiner Regierung gegen die Aidsseuche in seinem Land kämpfte. Zu Anfang des Jahrzehnts, bei seinem Amtsantritt, waren fast 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung mit dem Immunschwächevirus infiziert. Damit glichen die Verhältnisse denen im übrigen südlichen Afrika, wo die Seuche wütet wie sonst nirgendwo auf der Welt. "Promiskuität, Gewalt, Scham und Sprachlosigkeit tragen dazu bei, dass es in unserer Region so schlimm ist", sagte Mogae.Das Aidsvirus drohte das kleine Land Botswana mit seinen knapp 2 Millionen Einwohnern zu lähmen. In dieser Situation holte der Präsident sich Hilfe von außen. Private Einrichtungen wie die Gates-Stiftung und große Pharmaunternehmen förderten ein Anti-Aids-Programm mit Millionenbeträgen - für Arzneien, Infektionsdiagnostik, Aufklärung und den Aufbau einer Infrastruktur. Eine kleine Spitze konnte Mogae sich nicht verkneifen: "Die deutsche Firma Boehringer Ingelheim hat fünfzig Mal mehr gegeben als der deutsche Staat."Zu Beginn der Initiative habe nur jeder vierte Infizierte in Botswana von seiner Krankheit gewusst, berichtete der Ex-Präsident. Jetzt sei jeder Zweite informiert, dank einer einfachen Idee: "Sobald meine Landsleute sich irgendeiner Untersuchung unterziehen, fragt der Arzt sie, ob sie mit einem HIV-Test einverstanden sind." Wer positiv getestet wird, darf auf eine gute Versorgung hoffen: "Wir können jedem Bedürftigen eine Behandlung bieten", sagte Mogae. Entschieden ging er gegen das große Schweigen um Aids vor: "Bei jeder Rede, egal über welches Thema, habe ich HIV und Aids angesprochen - und meine Minister ebenso." Heute werde in Botswana öffentlich über das Thema diskutiert."Wir haben die Epidemie nicht besiegt, aber wir sind ihr nicht mehr hilflos ausgeliefert", resümierte der Politiker. Die Zahl der Infizierten ist gesunken, auf derzeit 24 Prozent der Erwachsenen. Gelungen sei das, weil man Hilfe von außen erbeten und erhalten habe, aber auch durch die Mobilisierung des eigenen Volks.Erfolgsgeschichten wie die aus Botswana gibt es auch in der westlichen Welt. Hier geht es jedoch um Gesundheitsprobleme, die mit einem bequemen Lebensstil zu tun haben, aber auch mit der dunklen Seite einer eigentlich positiven Entwicklung: der zunehmenden Langlebigkeit. Die letzten Lebensjahre betagter Menschen sind die kostspieligsten für die Gesundheitssysteme: Etwa achtzig Prozent des Budgets werden darauf verwendet, weil gegen Ende des Lebens besonders teure Therapien anfallen. "Aber wir müssen wieder lernen, das Alter als etwas Positives zu sehen", forderte die französische Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot.Das sei leicht möglich, sekundierte James Vaupel, Direktor am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Man müsse sich nur die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte vor Augen führen: "Wir werden nicht nur älter als früher, wir bleiben auch viel länger gesund." Dieser Trend setze sich fort und deshalb müsse man sich um die Neugeborenen von heute mit ihrer durchschnittlichen Lebenserwartung von hundert Jahren keine Sorgen machen: "Das 21. Jahrhundert wird weit besser sein als das 20. Jahrhundert." Um im Vollbesitz seiner Kräfte alt zu werden, empfiehlt Vaupel einen gesunden Lebensstil mit viel Bewegung in jedem Alter und eine längere Lebensarbeitzeit bei weniger Stunden pro Jahr - damit man sich zum Beispiel um seine Kinder kümmern kann, wenn sie klein sind.Von einem langen Leben können viele Menschen in armen Ländern vorerst nur träumen. Daran erinnerten die Veranstalter eines Gegengipfels am vergangenen Freitag. Hilfsorganisationen um die Deutsche Welthungerhilfe prangerten vis-à-vis vom Gesundheitsgipfel an die weltweiten Ungleichheiten in der medizinischen Versorgung an. Den Vorwurf, diese im Programm nicht ausreichend berücksichtigt zu haben, weist Detlev Ganten zurück: "Bei uns kam die Weltgesundheitsorganisation ebenso zu Wort wie Entwicklungshilfsorganisationen."Dass es einen Gegengipfel gab, kann der anderen Seite aber nur recht sein. So etwas sorgt für zusätzliche öffentliche Aufmerksamkeit, fördert den Blick fürs Wesentliche - und gehört einfach zu einem echten Gipfel dazu. Der nächste findet unter dem Motto Gesundheit und menschliche Entwicklung vom 10. bis 13. Oktober 2010 wieder in Berlin statt. Auch seine Größe wird nicht vom Tagungsgebäude oder von der Teilnehmerzahl abhängen, sondern von den Ergebnissen, die bis dahin erzielt wurden.------------------------------Ein Fest mit FolgenDer erste World Health Summit fand vom 14. bis 18. Oktober in Berlin statt. Er leitete die Feiern zum 300. Jubiläum der Charité ein. Weitere Gipfel sollen im Jahresrhythmus folgen: 2010 in Berlin, dann in Paris und an anderen Orten.Initiatoren sind die Charité und ihre Partneruniversität Paris Descartes. Sie bilden nun zusammen mit sechs weiteren internationalen Hochschulen die M8-Allianz - in Anlehnung an die G8 in der Politik. Man will die akademischen Kräfte bündeln, um Gesundheit für alle zu erreichen.------------------------------Foto: Ohne sauberes Trinkwasser kein gesundes Leben. Doch mehr als eine Milliarde Menschen haben dazu keinen Zugang. Sie müssen oft kilometerweit zu einer Wasserstelle laufen - wie hier im Westen Indiens.
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