Tierreich

Jeder zwölfte Widder will keine Weibchen: So queer ist die Tierwelt wirklich

Homosexualität im Tierreich ist bei rund 1500 Arten belegt. Was Forscher über Albatrosse, Widder, Bonobos und Pinguine heute wissen.

4 Min
Zwei Mufflon-Widder stecken die Köpfe zusammen. Bei Hausschafen bevorzugen rund acht Prozent der Widder dauerhaft männliche Partner. (Symbolbild)

Zwei Mufflon-Widder stecken die Köpfe zusammen. Bei Hausschafen bevorzugen rund acht Prozent der Widder dauerhaft männliche Partner. (Symbolbild)

© Imago

Skipper und Ping wollten unbedingt Eltern werden. Also brüteten die beiden Königspinguine im Zoo Berlin, was sie kriegen konnten: Steine und sogar Fische.

Im Sommer 2019 hatten die Pfleger ein Einsehen. Sie legten dem Männerpaar ein echtes Ei hin, das eine Artgenossin nicht ausbrüten konnte. Die beiden wärmten es abwechselnd und verteidigten es gegen die Nachbarn. Anfang September platzte das Ei auf. Es war leider nicht befruchtet.

Skipper und Ping sind kein Berliner Sonderfall. Gleichgeschlechtliches Verhalten ist bei rund 1500 Tierarten dokumentiert, von Spinnen und Fadenwürmern bis zu Tintenfischen und Braunbären.

Zahl der Arten dürfte höher liegen

Darauf verweist der Wissenschaftsjournalist Josh Luke Davis, Autor des Buchs „A Little Gay Natural History“, in einem Interview mit dem Portal IFLScience. Die Zahl hält er allerdings für rund 25 Jahre alt, sie markiert also eher eine Untergrenze.

Dass vor allem Säugetiere und Vögel auf der Liste stehen, erklärt Davis mit einer Schieflage der Zoologie. „Attraktive“ Tiere werden einfach häufiger beobachtet als Würmer.

Albatros-Weibchen auf Hawaii: Fast jedes dritte Nest

Der spektakulärste Fall stammt von der Insel Oahu. Dort ließ die Zoologin Lindsay Young von 2004 bis 2007 die Laysan-Albatrosse einer Kolonie genetisch bestimmen, weil Männchen und Weibchen praktisch gleich aussehen.

In 39 von 125 Nestern saßen zwei Weibchen, das sind 31 Prozent. Der Grund ist nüchtern: In der Kolonie lebten deutlich mehr Weibchen als Männchen. Die Vogeldamen taten sich zusammen und zogen abwechselnd Küken groß, deren Väter aus der Nachbarschaft stammten.

Die Partnerschaften waren erstaunlich stabil: Fast jedes zweite Weibchenpaar blieb über die vollen vier Studienjahre zusammen. Eine Folgeuntersuchung zeigte allerdings, dass solche Weibchen rund 80 Prozent weniger Nachwuchs hatten. Immer noch besser als gar keinen.

Ein Paar Laysan-Albatrosse auf Hawaii. Ob Männchen oder Weibchen, lässt sich bei dieser Art von außen kaum erkennen, erst ein Gentest brachte Klarheit. (Symbolbild)

Ein Paar Laysan-Albatrosse auf Hawaii. Ob Männchen oder Weibchen, lässt sich bei dieser Art von außen kaum erkennen, erst ein Gentest brachte Klarheit. (Symbolbild)

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„Verwechslung“? Davis hält das für die gewagtere These

Lange taten Biologen solche Beobachtungen als Irrtum ab. Das Tier habe eben nicht gemerkt, dass es ein Männchen umwirbt. Davis findet diese Erklärung abenteuerlicher als die naheliegende: Die meisten Arten erkennen das andere Geschlecht ziemlich zuverlässig.

Beschrieben wurde das Phänomen übrigens schon vor mehr als 2000 Jahren. Aristoteles notierte, wie eine ältere Henne mit männlichem Gefieder eine andere Henne bestieg.

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Schwule Schafe? Acht Prozent der Widder wollen Männchen

Am nächsten an die Frage, ob es schwule Tiere gibt, kommt die Forschung bei Schafen. Rund acht Prozent der Hausschaf-Widder bevorzugen dauerhaft andere Männchen, wie der Neurobiologe Charles Roselli von der Oregon Health & Science University gezeigt hat. Ein bestimmtes Kerngebiet in ihrem Gehirn ist kleiner als bei Widdern, die Weibchen wollen.

Fragen kann man die Tiere trotzdem nicht. Davis spricht deshalb bewusst von homosexuellem Verhalten. Begriffe wie „schwul“ seien beim Menschen mit Identität und Kultur verbunden, und die lasse sich bei einem Widder kaum feststellen.

Primatenstudie: Je härter das Leben, desto häufiger

Im Januar 2026 legte ein Team vom Imperial College London die bislang größte Auswertung zu Affen und Halbaffen vor. Von 491 untersuchten Arten zeigten 59 gleichgeschlechtliches Verhalten, bei 23 wurde es wiederholt beobachtet.

Auffällig häufig ist es bei Arten, die in trockenen Gegenden mit knappem Futter leben und komplizierte Gruppen bilden. Bei Gorillas helfe es, sich nach Streit zu versöhnen und Bündnisse zu festigen, sagte Erstautorin Chloë Coxshall dem Umweltportal Mongabay.

Bonobos regeln Konflikte mit Sex

Die Profis in dieser Disziplin sind Bonobos. Wer mit wem aneinandergerät, legt den Streit oft mit Sex bei, und das Geschlecht des Gegenübers spielt dabei kaum eine Rolle.

Wer Homosexualität „unnatürlich“ nennt, sollte mal einen Nachmittag am Pinguinbecken im Zoo verbringen. Die spannende Frage ist nicht, ob es so etwas in der Natur gibt, sondern warum die Wissenschaft so lange weggesehen hat.

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