SEATTLE, im Juni. Das Frühstück wird serviert. "Mit vollem Magen redet es sich besser", sagt Jeff Bezos. Erdbeeren, Bagel und Kaffeetassen stehen auf dem Tisch, dazwischen liegen die Seiten des "Wall Street Journal". Aber jedesmal, wenn Jeff Bezos ansetzt, um nach einer Erdbeere zu greifen, fällt ihm etwas Neues ein. "Das da oben", sagt er und zeigt auf ein Stück Pappe, "das ist unser allererstes Firmenschild." Den Schriftzug "Amazon.com" habe er selbst mit blauer Farbe aufgesprüht. "Und das daneben, das ist der erste Geldschein, den wir verdient haben". In einem Bilderrahmen an der Wand hängt eine 10-Dollar-Note. Eine Erdbeere wird eilig in den Mund gestopft. Dann rennt Bezos zur Bürotür. Zeitungsartikel, Comicstrips, Fotos und Briefe sind dort angeklebt. "Das sind alles Sachen, die mir Kunden geschickt haben", sagt er stolz. "Lieber Herr Bezos, nicht nur ihre Bücher kommen gut an", heißt es in einem Brief aus dem Mittleren Westen. Bezos deutet auf das beigefügte Foto und lacht. Auf dem Foto ist eine schlafende Katze zu sehen, die es sich in einer leeren Amazon-Kiste bequem gemacht hat. Der 37 Jahre alte Jeff Bezos verfügt über eine fast kindliche Unvoreingenommenheit. Und über einen grenzenlosen Optimismus.Die Aktien fielen um 20 ProzentJeff Bezos ist der Gründer und Chef des weltgrößten Online-Buchhandels Amazon.com und könnte der einflussreichste Mann im Bereich Neue Medien werden. "Erfinder des E-Kommerz" nennt ihn das "Wall Street Journal". Das US-Nachrichtenmagazin "Time" kürte ihn im vergangenen Dezember zur "Persönlichkeit des Jahres". Aber am vergangenen Freitag fielen die Aktien von Amazon an der New Yorker Börse um 20 Prozent, nachdem eine Investmentbank Zweifel an der Zahlungsfähigkeit der Firma geäußert hatte. Damit riss die Aktie den gesamten Nasdaq-Index mit nach unten. "Wenn Amazon nicht funktioniert, wird der gesamte E-Kommerz nicht funktionieren", zitierte die "New York Times" am Sonnabend Lisa Rapuano, die Direktorin der Investmentfirma Legg Mason. Bezos weist alle Zweifel zurück. "Die Schwankungen unseres Aktienwerts sind absolut normal."Vor wenigen Monaten wurde Bezos Sohn Preston Laurence geboren. Er gilt als das reichste Kind der USA. "Die Bälger von Bill Gates", sagt Bezos, "müssen sich den Reichtum ja noch teilen." Nach der Geburt von Preston Laurence ist Bezos zwei Wochen zu Hause geblieben, um seiner Frau MacKenzie zur Seite zu stehen. Und jetzt, sagt er, werde er mit aller Kraft weiter am Aufbau seiner Firma arbeiten. "Das tue ich schon allein für die Zukunft meines Sohnes." Doch gerade die Schwankungen der vergangenen Tag zeigen, für wie ungewiß viele Anleger und Analysten die Zukunft des Internet-Geschäfts halten.Jeff Bezos wurde am 12. Januar 1964 geboren. Seine junge Mutter Jackie war alleinerziehend. Als der Junge vier Jahre alt war, heiratete sie Mike Bezos, einen kubanischen Immigranten, der kleine Jeff kam in Florida zur Schule. Er las Sciencefiction-Bücher, bastelte an Radios und baute kleine Roboter. 1982 ging er an die Princeton University und studierte Physik. "Ich merkte aber, dass ich nicht schlau genug war, um einmal ein guter Physiker zu werden." Bald beschäftigte er sich mehr mit Technik und Computern und brach das Studium ab. Zunächst arbeitete er in New York, zuerst als Wertpapierhändler, später bei einer Unternehmensberatung, wo er seine Frau kennen lernte.Und dann kam ein Tag im Mai des Jahres 1994. Bezos saß in der Firma und langweilte sich, spielte mit dem Computer rum, probierte das Internet aus. Und irgendwann stolperte er über eine Statistik in der es hieß, das Internet wachse jährlich um 2 300 Prozent. "Da bin ich aufgewacht." Von diesem Moment an, so sagt er, habe ihn die Idee, eine Firma im Internet zu gründen, nicht mehr losgelassen. "Ich dachte, ich werde es mal bereuen, wenn ich jetzt nicht an diesem neuen Ding namens Internet teilnehme", sagt Bezos. Er fing an, Ideen zum Verkauf von Waren im Cyberspace zu entwickeln. Schließlich kam er auf Bücher. "Es gab bis dahin keinen guten Buchkataloe, den man per Post hätte bestellen können", sagt er. "Ein guter Katalog hätte den Umfang des New-Yorker Telefonbuchs gehabt und wäre für den Versand viel zu teuer gewesen." Ausgerechnet das Buch, für das viele in der Konkurrenz zu den neuen Medien keine große Zukunft mehr sahen, entdeckte Bezos als idealen Verkaufsartikel für das Internet. Seine Eltern erklärten sich bereit, die Idee des Sohnes finanziell zu unterstützen. Heute sind Jackie und Mike Bezos mehrfache Milliardäre.Das Ehepaar Bezos entschied sich, New York zu verlassen und das neue Leben in Seattle zu beginnen. Im Juli 1994 machten sich Jeff und MacKenzie auf den Weg, in einem 1988er Chevy Blazer gen Westen. Während MacKenzie den Wagen lenkte, entwarf Jeff am Laptop Pläne. Irgendwo am Grand Canyon, sagt er, sei ihm der Name eingefallen. Mit A sollte er beginnen, damit er auf alphabetisch geordneten Listen ganz oben stünde. Im Lexikon stieß er auf das Wort "Amazon". Der Amazonas, der größte Fluss der Erde mit seinen zahllosen Verzweigungen, erschien ihm als ideales Symbol für das Internet und für die neue Firma.Ein paar Wochen später standen die Bezos mit ihrer großen Idee in ihrer kleinen Garage in Seattle. Computer wurden angeschlossen. Es war oft kalt und überall lagen Kabel herum. Vier Mitarbeiter wurden angeheuert. Bezos zimmerte drei Tische aus Sperrholztüren. Diese "door desks" wurden zum Markenzeichen von Amazon. Heute stehen sie zu hunderten im Headquarter der Firma. Gerade wurde der erste Tisch, den Bezos gebaut hatte, für 30 000 Dollar versteigert.Eine Polarstation in der AntarktisDie erste Website war im Juni 1995 fertig. 300 Freunde und Familienmitglieder wurden aufgefordert, testweise Bücher zu bestellen. Es funktionierte. Bereits einen Monat später wurden Bücher in alle 50 Bundesstaaten der USA und in 45 weitere Länder versendet, selbst in eine Polarstation in der Antarktis, zu US-Militärs in Bosnien und auf US-Flugzeugträger, die eigene Postleitzahlen tragen. Bezos sagt, er habe schon damals geahnt, "dass das etwas ganz Großes werden wird, viel größer, als wir je gewagt hätten zu träumen." Einmal bekam Amazon eine Diskette aus Bulgarien geschickt, darauf stand in Englisch: "Das Geld ist in der Hülle. Die Zollbeamten stehlen Geld, sprechen aber kein Englisch." In der Hülle steckten zusammengefaltet zwei nagelneue 100-Dollar-Scheine.Oft habe er bis mitten in der Nacht im Keller auf dem Boden gekniet und Bücher in Kisten gepackt, sagt Bezos. Und während er mit seinen Mitarbeitern noch über die Anschaffung von Knieschützern witzelte, druckte das "Wall Street Journal" im Mai 1996 ein Profil von Amazon auf der Titelseite.Die Zentrale von Amazon.com liegt heute auf einem Hügel hoch über Seattle. Von allen Fenstern aus ist das saftige Grün der "emerald city", der Smaragdstadt, wie Seattle genannt wird, zu sehen. Vor einem Jahr hat Bezos das damals leer stehende Pacific Medical Building gekauft, kurz PacMed, ein ehemaliges Krankenhaus für Kriegsveteranen. Das orangefarbene Backsteingebäude wurde aufwändig renoviert. Marmor und Bronze in der Eingangshalle bilden einen Kontrast zu den vielen jungen Mitarbeitern in T-Shirts, Jeans und Regenjacken. Etwa 800 Leute arbeiten hier.18 Millionen verschiedene Produkte können inzwischen per Mausklick bestellt werden, Stoffbären, Hundefutter, Computerspiele. 20 Millionen Kunden machen nach Angaben der Firma Gebrauch davon. Trotzdem hat das Unternehmen noch einen großen Haken: Amazon.com fährt keine Gewinne ein. Allein der Glaube der Aktionäre finanziert bislang die Firma.Amazon will in Zukunft mehr und mehr Dinge anbieten, die sonst nirgendwo erhältlich sind. Besonderes und obskures wie den Ceira Bilderrahmen, Bezos neueste Errungenschaft. Das ist ein elektronischer Rahmen, der ans Telefon angeschlossen wird und dessen Bild von jedem Computer aus ausgewechselt werden kann. "Ich habe meiner Mutter einen solchen Rahmen geschenkt. Über Nacht sende ich ein neues Foto, und wenn sie morgens aufsteht, sieht sie, wie ihr Enkel gewachsen ist." Fraglich ist, ob Jackie Bezos sich den Rahmen auch selbst zugelegt hätte.Vor allem aber, sagt Jeff Bezos, wolle er in Zukunft Schulden abbauen. 200 Millionen Dollar hat allein der Bau der gigantischen Distributionszentren gekostet, die in strukturschwachen Gebieten der USA wie Nevada, Kansas, Delaware und North Dakota angesiedelt sind. 73 000 Quadratmeter Lagerfläche hat allein die neueste Halle in der Kleinstadt McDonough im Bundesstaat Georgia verschlungen; mehr als eine Million verschiedener Waren können dort gelagert werden. Auch der Aufkauf kleinerer Internetfirmen vermehrte die Schulden. Bei Amazon ist eben vieles gigantisch groß geworden.Investitionen, Umsatz, ProfitDer Kritik, er übernehme sich, begegnet Jeff Bezos mit dem Rezitieren seiner Geschäftsstrategie: Mit Hilfe immenser Investitionen will er zuerst Marktanteile sichern, dann den Umsatz steigern und dann stellen sich Profite ganz von selbst ein. Glaubt er jedenfalls.Die Bilanz des ersten Quartals in diesem Jahr schien ihm Recht zu geben. Zwischen Januar und März verbuchte das Unternehmen zwar noch immer 308 Millionen Dollar Verluste, allerdings stiegen die Einnahmen gegenüber dem Vorjahr um 95 Prozent auf 574 Millionen Dollar. 3,1 Millionen neue Kunden sind seit der Jahreswende dazugekommen. Die Einnahmen der Ableger in Deutschland und England stiegen sogar um 300 Prozent. Selbst Henry Blodget von Merrill Lynch, einer der angesehendsten Analysten, erklärte noch Ende April: "Amazon bringt seine Kosten unter Kontrolle." Am 26. Juli werden die Zahlen für das zweite Quartal bekannt gegeben."Wir weigern uns strikt, zwischen den Quartalsabrechnungen mit den Analysten zu sprechen", sagt Jeff Bezos. Dies möge die Fehlanalysen erklären. Anfang April, als die Kurse fast aller Internetfirmen schon einmal in den Keller sackten und auch die Aktien von Amazon vorübergehend von 113 Dollar auf 52 Dollar fielen, gehörte Amazon zu den Gewinnern des Crashs, viele Anleger nutzten die Chance für einen billigen Einstieg. Börsenexperten erwarten, dass über kurz oder lang die meisten kleinen Internetfirmen Konkurs anmelden müssen und nur die größten übrig bleiben, darunter das Imperium von Jeff Bezos. Aber der Wettbewerb ist scharf. Allein der Medienkonzern Bertelsmann hat nach eigenen Angaben insgesamt 22 Milliarden Mark für Firmenkäufe und Investitionen zur Verfügung gestellt. Und ein wichtiges Ziel des Konzerns besteht gerade darin, "zu unserem Konkurrenten Amazon aufzuschließen", wie Bertelsmann-Sprecher Manfred Harnischfeger sagt.Auf die Frage, ob er angesichts der Lage nachts nicht ab und zu mit Albträumen aufwache, antwortet Bezos lachend: "Ich schlafe wie ein Stein." Und dann sagt er: "Wissen Sie, was wir gemacht haben, als im April die Aktien fielen? Ich habe den Vorstand zusammengetrommelt und Spielzeug ausgeteilt. Das ist gut, um zu entspannen.""Ich merkte bald, dass ich nicht schlau genug war, ein guter Physiker zu werden", sagt Jeff Bezos.
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