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Jemand muss die Flasche um 90 Grad drehen – hoffentlich wird’s kein Österreicher

Von Energiepolitik über Migration bis Wirtschaft: Warum Regierungen und Wähler an Fehlentscheidungen festhalten, obwohl ein Kurswechsel längst überfällig ist.

Ernst Henneck
4 Min
Da liegt doch was falsch herum auf dem Kassenband, oder etwa nicht?

Da liegt doch was falsch herum auf dem Kassenband, oder etwa nicht?

© Manfred Segerer/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Letztens fand ich mich in einem Supermarkt wieder, genauer gesagt in einer Warteschlange, die sich langsam, ein halbes Dutzend Selbstbezahlkassen ignorierend, an der einzig bemannten Kasse bildete. Vor mir reihte sich ein Mann älteren Baujahrs ein, platzierte einen Apfel, eine Packung Milch sowie eine Flasche Wasser auf dem Kassenband und begann anschließend, Kleingeld in der offenen Hand zu zählen. Warum ich das erwähne? Weil es nicht darum geht, in welchem Supermarkt ich stand. Es geht nicht einmal um das, was der Mann gekauft hat. Hier geht es ums Prinzip.

Bei jedem ruckartigen Vorfahren des Bands rollte die Wasserflasche erwartungsgemäß in die entgegengesetzte Richtung. Der Mann schien zunächst ein wenig überrascht zu sein, entschloss sich dann aber dazu, die Flasche händisch näher an seinen Milchkarton zu schieben. Dieses „Nach-vorne-Schieben“ wurde noch zweimal wiederholt, dann entschloss er sich, die Hand, einem biologischen Warentrenner gleich, auf dem Laufband zu belassen.

Typischer Fall von Sunken Cost Fallacy

Der Mann, der da vor mir in der Schlange stand, der das Falsche mit solch einer Entschlossenheit bis zum bitteren Ende durchzog, während offensichtliche Lösungsansätze von ihm ignoriert wurden. Das musste ein Deutscher sein! Was aber treibt Menschen dazu, offensichtlich falsche Entscheidungen nicht zu korrigieren? Eine Erklärung ist die Sunken Cost Fallacy: das irrationale Festhalten an einer Entscheidung, weil bisher viel Zeit, Geld oder Mühe investiert wurde, obwohl ein Ausstieg oder ein Neuanfang objektiv (und in vielen Fällen auch finanziell) die bessere Wahl wäre.

Die Liste der politischen Fehlentscheidungen der letzten Jahre scheint endlos zu sein. Ob Energie- und Wirtschaftspolitik, Bildungspolitik, Baupolitik, Einwanderungspolitik, Außenpolitik, Steuerpolitik oder strukturelle Probleme bei Pflegeversicherung, Krankenversicherung, Sozialversicherung, Rentenversicherung oder dem Wahlsystem selbst. Die fehlende Dringlichkeit bei der Lösung dieser Probleme lässt Beobachter ratlos zurück. Den allermeisten ist doch, zumindest unterbewusst, klar, dass die derzeitige Situation nicht mit winzigen Kurskorrekturen verbessert werden kann.

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Das bewusst aktivistisch inszenierte Hantieren an den „Stellschrauben“ des Systems oder die in immer höherer Schlagzahl vorgebrachte Selbstvergewisserung, dass man doch im Grunde alles richtig gemacht hat, es nur nicht richtig kommuniziert wurde, verfangen beim Wahlvolk immer weniger. Und wenn wirklich überhaupt nichts mehr vorangeht, dann nur, weil es äußere Umstände nicht zulassen. Der Russe! Der ist schuld an den hohen Energiepreisen, die Ayatollahs ebenfalls, und China macht die Autoindustrie kaputt. Und die EU? Hat die nicht gerade wieder eine neue Verordnung erlassen? Tja, da kann man als deutscher Politiker halt wenig machen, da steckt man einfach nicht drin.

Dummerweise hoffen alle anderen dasselbe

Das Land wurde unter der Leitung einer Handvoll ideologischer Extremisten im Verbund mit einer großen Gruppe von Mitläufern innerhalb kürzester Zeit an die Wand gefahren. Es bedarf Korrekturen, die in ihrer Radikalität den vorangegangenen Fehlentscheidungen in nichts nachstehen. Unschöne Bilder sollten vermieden werden, so lautete angeblich Angela Merkels Order. Geklappt hat das nur bedingt.

Anstatt unschöner Bilder an den Außengrenzen hat man sie jetzt in jeder größeren deutschen Stadt. Ob das so ein guter Deal war, kann jeder für sich selbst entscheiden. Hin und wieder schreckt der politisch interessierte Normalbürger doch noch auf. Hat da jemand wirklich die Probleme benannt? Es soll jetzt richtige Abschiebungen geben? Jetzt aber wirklich?! Die Industrie braucht günstige Energie! Ernsthaft? Hätte ich was sagen sollen? Den Mann auf die Vorteile einer Positionsänderung der Flasche hinweisen? Aber warum eigentlich ich?

Man selbst macht nichts, weil man, in der Gewissheit, dass der Fehler doch offensichtlich ist, auf die Lernfähigkeit des Probanden hofft. Schnell merkt man aber, das mit dem Lernen wird heute nichts mehr. Und so hofft man eben darauf, dass ein anderer etwas sagt. Dummerweise hoffen alle anderen dasselbe. Und so macht niemand etwas, außer das Schauspiel ungläubig zu verfolgen. Jemand muss die Wasserflasche um 90 Grad drehen. Hoffentlich wird’s kein Österreicher.

Ernst Henneck wurde 1977 in Meißen geboren, studierte später in Dresden Architektur und verbrachte einige Jahre als Architekt in Shenzhen und Hangzhou.

Transparenzhinweis: Der Autor verwendet ein Pseudonym, der wahre Name ist der Redaktion bekannt.


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