Iran

Jenseits der Atombombe: Aus dem Iran kommt der Ruf nach Freiheit und Gerechtigkeit

Alles dreht sich um Ölexporte, Geopolitik und eine mögliche iranische Atombombe. Die Not der Menschen und der Minderheiten kommt viel zu kurz. Ein Gastbeitrag.

Margot Käßmann Ken Blackwell
5 Min
Kein Zeichen eines dauerhaften Friedens: Feuer und Explosionen nach einem amerikanisch-israelischen Angriff auf die iranische Hauptstadt Teheran Anfang März.

Kein Zeichen eines dauerhaften Friedens: Feuer und Explosionen nach einem amerikanisch-israelischen Angriff auf die iranische Hauptstadt Teheran Anfang März.

© ATTA KENARE

Die Krise im Iran beherrscht die Schlagzeilen. Doch die Debatte hat sich auf geopolitische Spannungen verengt – auf Ölexporte, militärische Konflikte und die anhaltende Gefahr, dass das Regime die Fähigkeit zum Bau von Atomwaffen erlangt. Weitaus weniger Aufmerksamkeit findet die Not der iranischen Bevölkerung und die Lage der religiösen Minderheiten im Land.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass hinter all dem die Menschen im Iran stehen – Männer, Frauen und Kinder, die auch angesichts des Krieges für Freiheit, Würde, Gerechtigkeit und das Recht auf Leben eintreten.

Im Juni schlossen sich mehr als 30 christliche und jüdische Religionsvertreterinnen und -vertreter einer Kampagne zur Unterstützung der demokratischen Opposition im Iran an. Sie verurteilten die Welle politischer Verhaftungen und Hinrichtungen ebenso wie die schweren Einschränkungen, denen Muslime ebenso wie Christen und Menschen jüdischen Glaubens in der Islamischen Republik ausgesetzt sind.

Wo immer Menschen von einem brutalen Regime terrorisiert werden, darf unser religiöses, humanitäres und demokratisches Gewissen nicht schweigen. Und wo immer eine Alternative zu einem solchen Regime Garantien für das friedliche Zusammenleben der Religionen und für die Gleichheit vor dem Gesetz bietet, sollte uns das Gewissen dazu bewegen, diese Alternative auf jede mögliche Weise zu unterstützen.

Moralische Verpflichtung

Die moralische Verpflichtung verlangt, dass wir gegen die Unterdrückung der iranischen Bevölkerung unsere Stimme erheben. Das gilt für Menschen muslimischen Glaubens, aber eben auch für Christinnen und Christen, Jüdinnen und Juden. Es geht darum, die Freiheit der Religion, der Meinung und des Glaubens für alle Menschen im Iran und auf der ganzen Welt zu verteidigen.

Mit Blick auf den Iran hat der Nationale Widerstandsrat Iran (NWRI), ein Bündnis demokratischer Oppositionsgruppen, dieses Bekenntnis in zahlreichen Foren und Formaten zum Ausdruck gebracht. Der NWRI hatte geplant, am 20. Juni in Paris eine internationale Kundgebung mit mehr als 100.000 Unterstützern eines freien Iran abzuhalten, um auf diese Fragen aufmerksam zu machen.

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Dennoch untersagten die französischen Behörden die Veranstaltung in letzter Minute aus höchst fragwürdigen Gründen, die aller Wahrscheinlichkeit nach mit politischen Rücksichten auf die Theokratie in Teheran zusammenhingen.

Die erzwungene Absage der Veranstaltung unterstreicht umso mehr, wie wichtig die öffentliche Anerkennung und politische Unterstützung iranischer Dissidentinnen und Dissidenten durch Menschen des Glaubens, durch politische Entscheidungsträger und Bürger ist, die sich der brutalen Unterdrückung durch das gewalttätige theokratische System bewusst sind – einem System, das weltweit für seine Unterstützung des Terrorismus und den beispiellosen Missbrauch der Todesstrafe bekannt ist.

Diese Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Nach dem landesweiten Aufstand von 2022 stieg die ohnehin sehr hohe Zahl der Hinrichtungen in jüngster Zeit erneut stark an. Auf den Aufstand im Januar 2026 reagierte das Regime mit Massentötungen, Verhaftungen und gezielter Repression. Seitdem wurden weitere Demonstrantinnen und Demonstranten sowie mindestens neun Mitglieder der Volksmudschahedin hingerichtet.

Zu ihnen gehört der 26-jährige Jurist Mehdi Khanaki, der an den Januarprotesten teilgenommen hatte, im Februar festgenommen, schwer gefoltert und am 22. Juli hingerichtet wurde. Sein Schicksal steht beispielhaft für den Versuch, die Bevölkerung einzuschüchtern – und für den zugleich wachsenden Wunsch nach grundlegendem Wandel.

Manche behaupten, das Überleben des Regimes nach diesem Aufstand sei ein Beleg seiner anhaltenden Stärke. Einige vertreten die Auffassung, es sei gestärkt worden, weil es den im Februar von den Vereinigten Staaten und Israel begonnenen Krieg überstanden hat. Doch diese Analyse lässt außer Acht, dass sich die iranische Bevölkerung trotz aller Entbehrungen weigert, zu schweigen oder ihren Kampf für eine demokratische Alternative aufzugeben, die auf Rechtsstaatlichkeit und der Trennung von Religion und Staat beruht.

Widerstandsnetzwerke im ganzen Iran bleiben aktiv und fordern mächtige Institutionen wie die Revolutionsgarden heraus. Ihre Botschaft ist klar: Das Mullahregime hat keine Zukunft. Zwar erschwert der Krieg offene Proteste, doch ein neuer Aufstand bleibt wahrscheinlich. Die internationale Gemeinschaft sollte bereit sein, ihn zu unterstützen.

Verpflichtung zur Religionsfreiheit

Gerade Christinnen und Christen sind aufgerufen, an der Seite des iranischen Volkes zu stehen – im Geist von Vorbildern wie Paul Schneider, dem „Prediger von Buchenwald“, der selbst im Konzentrationslager der Vergötzung der Macht widersprach. Glaube angesichts von Unrecht kann Mut und Widerstandskraft verleihen. Die Standhaftigkeit der Iranerinnen und Iraner, gleich welcher Religion sie angehören, ist ein eindrucksvolles Zeugnis.

Letztlich muss die Befreiung des Iran aus der iranischen Gesellschaft selbst hervorgehen. Bis dahin aber können die Menschen im Land durch Zeichen der Solidarität von Menschen anderer Nationen, Religionen und Konfessionen gestärkt werden. Eine hinreichende Grundlage dafür bietet der Zehn-Punkte-Plan von Maryam Rajavi, der gewählten Präsidentin des Nationalen Widerstandsrats Iran. Darin wird ausdrücklich die Verpflichtung zur Religionsfreiheit und zur Gleichberechtigung für Menschen jeder ethnischen Herkunft, jedes Geschlechts und jedes Glaubens festgeschrieben.

Gläubige Menschen vertrauen darauf, dass Gott das Leid der Gerechten beendet. Zugleich setzen sie sich durch Solidarität mit den Leidenden für eine Zukunft des Friedens und der Gerechtigkeit ein. Deshalb dürfen wir die Not der iranischen Bevölkerung nicht aus den Augen verlieren und sollten an der Seite der Menschen stehen, die nach Freiheit streben – auch nach der Freiheit der Religion.

Margot Käßmann war Landesbischöfin in Hannover und die erste Frau an der Spitze der EKD. Ken Blackwell war US-Botschafter bei der UN-Menschenrechtskommission und Oberbürgermeister von Cincinnati.

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