Jetzt wieder live: die Alltagspoesie der Popette Betancor

Der Mond ist voll - und voll bin ich

Carmen Böker
3 Min

Wenn Susanne Betancor einem eine E-Mail schreibt, steht Popettenhausen darin als ihre Heimat. Wer würde an diesem fiktiven Ort wohl leben wollen und ihr Gesellschaft leisten beim Behufe, dem Chanson das Gefühlsduselige auszutreiben und raschen Verschlagwortungen von populären Phänomenen auszuweichen zu Gunsten verwickelter Alltagsbewältigungen? Pigor & Eichhorn kann man sich da gut vorstellen. Oder Cora Frost - alle teilen sie mit der Popette (so die Jobbeschreibung der Pop/Chanson-Kombination bei gleichzeitiger stilistischer Ausweitung bis hin zu Jazz und Heimatlied) jene Haltung zwischen froher Unlust und lustiger Unerfreutheit, die die Künstlerin selbst "knalltütenheiter" genannt hat. Und Helge Schneider, sowieso wegen der einstigen Zusammenarbeit in der Band Muttertag Five und überhaupt wegen der beiden eigenen Freude daran, den Weg zur Pointe nicht schnurstracks zu nehmen, sondern ihn abenteuerlustig durch ein Labyrinth stetig abirrender Gedanken zu suchen. Man könnte Popettenhausens Politik zudem mit Robert Gernhardt umsetzen - dafür, jüngeren unpoetischen Generationen doch noch eine passende Poesie verschrieben zu haben; oder Karl Valentin herbeizitieren, wegen der ebenso bei der Popette zu beobachtenden, sich wie nur mählich ins störrische Holz eingrabenden Kasperle-Mimik. Aber nun muss auch mal Schluss sein mit den Zwangsumsiedelungen.Derzeit gastiert die Popette Betancor im Kreuzberger Mehringhof-Theater, und vielleicht ist es typisch für diesen Bezirk - in dem sie auch lebt -, sich an Desillusionierungen zu laben und allem, was allzu glatt läuft oder zu schön wirkt, misstrauisch zu begegnen. Anders gesagt: Wenn die Sonne scheint, sieht man auch plötzlich die Hundekacke auf den Gehwegen besonders deutlich.Betancor spielt mit "Vollzeitfrisur" ein straffes, aufgeräumtes Programm aus wieder gefundenem Bekannten und bisher nur zu Hause Gehortetem. Endlich wieder einmal zum Vortrag kommen eine herrlich missmutige "Azzurro"-Version über die Eifersucht der Daheimgebliebenen, eine besinnliche Parkromanze ("Die Wurst, das Bier und wir"), ein Rap über einen Hipp-hassenden Säugling und die Wahrheit über das grässliche Verreisen. Es wird unbekannte Liebesbrieflyrik vorgelesen ("Du kennst mich nicht, und ich dich genauso."), retrospektiv die klassische deutsche Romantik aufgegriffen - anhand typischer Sujets wie Rosen ("Alles wächst, dann verdreckt's") oder Mond ("Der Mond ist voll, und voll bin ich - voll Sentiment"). Und es gibt auch ein neues Deutschlandlied; eins, in dem der hoch brandende Ton sich gar herrlich bricht an schlichtesten Reimen. Bis zum 24. April, Mehringhof-Theater, Di-Sa 20.30 Uhr, zusätzl. Ostersonntag.Außerdem bis zum 1. Mai, jeweils Sa 23 Uhr, Nachtkantine, Bar jeder Vernunft. ------------------------------Foto: Zu Besuch aus Popettenhausen: Susanne Betancor in Berlin.

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