Als die neue Mannschaft aus Ulm vor fast zwei Jahren das Maxim Gorki Theater übernahm, hat sie leider nicht den Mut besessen, es Maxim zu nennen. So hätten wir gewußt, woran wir sind.Das bemerkenswerteste an dem neuen Boulevardtheater hinter dem Kastanienwäldchen Unter den Linden, das einmal ein von sozialistischer Obrigkeit gemiedenes, von intelligenten Zuschauern geliebtes Gegenwartsfragestelltheater war, ist seine Verpackung, das Produkt-Design. Die Plakate sind das beste, was Berlin an Theaterwerbung bietet, viel moderner, klarer, kräftiger als das niedliche Spielplanprodukt selber.Der Hauptentwurf, der für das Theater steht, das Credo bildhaft formuliert, zeigt einen verzweifelten älteren Herrn, den Namenspatron. Der war einmal ein sowjetischer Dissident. Gorki hat Kopfhörer auf den Ohren und ist vermutlich längst darunter ertaubt. Das Theater nennt sich nun also einfach "Gorki". Bei Gorki, das klingt gemütlich, ein bißchen nach Kneipe. Die nächste Namensentwicklungsstufe wird die modische Boutiquen-Schreibweise "Gorki's" bringen. Das klänge doch noch feiner? Auf jeden Fall unverbindlich.Das Plakat für die neueste Inszenierung, die Freitag abend aufgetischt wurde, zeigt die gebogenen Beine eines Ritters, die ein babygroßer, schlangenhäutiger, giftgrüner Außerirdischer (E.T.) verkniffenen und glotzäugigen Gesichts auseinanderpreßt. Ein dramatischer Vorgang, ein Kampf wird angekündigt. Gegeben wird "Der Drache" als Einschlafmärchen. Der milde Diktator ist als Puppe so possierlich wie Kalb, Kater und Ente Schnatterinchen. Halb ist das noch Adlershofer Kinderfernsehen, halb schon Hollywoodkinoerfahrung. Ernstzunehmendes Theater leider nicht.Drachen light. Drachen giftgrün belassen, wohl bekömmlich und garantiert unpolitisch. Werbemotto: Wir regen Sie im Theater nicht auf, hier schlafen Sie wie bei Oma. Dabei war es gar politisch gemeint? Nur nicht gekonnt? Ursula Werner und Monika Lennartz schienen als brave Bürgerinnen Lotte und Trude so etwas wie schauspielerische Verpflichtung zu spüren, daß der Hitler/Stalin/Allerweltsdiktator/Drache kein Stück mit bunten Viechern allein sein dürfe. Sie versuchten Untertöne einer Erfahrung nach '89 einzubringen. Liebenswert, doch ganz verfehlt. Von den Polit-Sentenzen der letzten Jahre fehlte eigentlich nur der Hagersche Spruch von der Unlust am Tapezieren. Gorbatschows "Wer zu spät kommt " und Mielkes "Ich liebe euch, ich liebe doch alle" waren befremdend eingearbeitet in den während der 600tägigen Leningrader Blockade geschriebenen Text von Jewgeni Schwarz. Ein Mißverständnis der spätpubertierenden Jungregisseure Tom Kühnel und Robert Schuster, weil Schwarz' "Drache" eine Parabel ist, die ihre Wirkung aus der mythischen Fremdheit und gerade nicht aus aktueller Anspielung bezieht. Lanzelot ist doch kein Kabarettist! Wenn er schon ein klappriger fünfzigjähriger Don Quichotte sein muß, der Liebe zur sanften Elsa gar nicht erst fühlt. Ein Mißverständnis auch der größenveränderliche Phallus des vierhundertjährigen Puppendrachens. Die "jährliche Lieferung einer Jungfrau" durch die Bürger der beherrschten Stadt ist weniger Ritual körperlicher Geilheit als der politischen Machtausübung. Es gibt Stücke, die wünscht man sich aus der Hose heraus inszeniert. Der "Drache" aber ist ein Denkspiel. +++
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