Jörg Schönenborn hat sich einen weißen Tropenhelm aufgesetzt. Von Hamburg-Lokstedt aus, wo die ARD-„Tagesthemen“ produziert werden, begab sich der Moderator auf Expedition in den wilden Osten, genauer gesagt: ins wilde Berlin. Das machen dieser Tage viele Vertreter von Medien aus Städten wie Hamburg, Köln, München und Frankfurt am Main. Jedes Mal, wenn in den „fünf neuen Ländern“ und Berlin gewählt wird, landen sie – wie einst koloniale Ethnologen und Geographen mit ihren Tropenhelmen im Busch – bei diesem seltsamen, zänkischen Völkchen im Osten Deutschlands, um herauszufinden, warum es wählt, wie es wählt.
Schönenborn, früher Chefredakteur und Programmdirektor des in Köln ansässigen Westdeutschen Rundfunks und seit Juli Moderator der „Tagesthemen“, reiste in dieser Woche wegen der Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern an die Oberbaumbrücke, die Kreuzberg von Friedrichshain trennt, wie einst den Westen vom Osten.
„Hier in Berlin ist fast alles ein bisschen größer als sonst in der Republik. Auch die Probleme“, sagt Jörg Schönenborn, dem man seine nüchtern-sachliche Art bei Wahlanalysen und Moderationen zugutehalten muss. Seine Sendung widmet dem bezahlbaren Wohnen einen eigenen Beitrag; dafür sitzt er bei einer von Räumung bedrohten Familie auf dem Sofa. Kurz streift die Sendung auch „die Dreckigkeit“ der Stadt, die Obdachlosen, die Migration und die Verkehrsplanung.
Tausende Baustellen und wütende Autofahrer: Berliner Senat weiß nicht, wo gebuddelt wird
Einem Thema widmet sich Schönenborn intensiver: „Berlin ist, verglichen mit internationalen Metropolen, eine eher sichere Stadt“, sagt er. „Die Zahl der Straftaten geht zurück, es gibt keine No-Go-Areas, keine Gegenden, die man meiden sollte. Trotzdem fühlen sich viele Berliner unsicher in ihrer Stadt und oft einfach unwohl.“
Was hat er da gerade gesagt? Es gibt keine Gegenden, die man meiden sollte?
Straftaten, die das Sicherheitsgefühl prägen
Dann schauen wir doch einmal, was in dieser Vier-Millionen-Stadt los ist. Dass die Gesamtzahl der Straftaten zurückgegangen ist, hat einige simple Gründe, die sich der Kriminalstatistik entnehmen lassen: Zum einen sank die Zahl der ausländerrechtlichen Verstöße deutlich, weil die Zahl der unerlaubten Einreisen zurückging – bundesweit auf „nur“ noch 62.950, die Größenordnung einer Kreisstadt. Dieser Rückgang beruht nicht etwa auf dem deutschen Grenzregime, sondern darauf, dass Polen und die Länder auf der Balkanroute die Drecksarbeit der Zurückweisung für uns Deutsche übernehmen.
Zum anderen ging die Gesamtkriminalität zurück, weil wegen der Teillegalisierung von Cannabis weniger Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz registriert wurden.
Was bleibt, sind Straftaten, die das Sicherheitsgefühl der Leute prägen, weshalb sie sich eben „oft einfach unwohl“ fühlen, um bei der Formulierung des Mannes von der ARD zu bleiben. Da wären zum Beispiel die 80.541 Rohheitsdelikte, die die Berliner Polizei 2025 registrierte. Das sind jeden Tag mehr als 220 Taten wie Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung oder Raub auf offener Straße.
Im August wird in einem Park in Prenzlauer Berg eine Frau umgebracht.
© Thomas Peise
Da wären die 8.652 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung – ein Zuwachs um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Darunter fallen unter anderem Vergewaltigung und sexuelle Belästigung. Warum trauen sich wohl viele Frauen abends nicht mehr in die öffentlichen Verkehrsmittel? Oder in bestimmte Gegenden dieser Stadt, in denen viele junge Männer mit einem archaischen und frauenfeindlichen Weltbild ausgestattet sind?
Schutzgelderpressung und Bandenkriege
Bedrohlich gestiegen ist erneut die Zahl der Wohnungseinbrüche – von rund 8.500 auf über 10.600. Die Aufklärungsquote liegt bei lächerlichen 7,9 Prozent. Da kann man sich als Mieter oder Eigenheimbesitzer schon „unwohl" fühlen, vor allem, wenn man gerade nicht zu Hause ist und das Heim unbewacht bleibt.
An dieser Stelle seien die scharfen Schüsse, die immer häufiger auf Berlins Straßen fallen, nur am Rande erwähnt. Auch Handgranaten wurden in den vergangenen Monaten gezündet, Molotowcocktails flogen auf Geschäfte. Schutzgelderpressung, Bandenkriege um Drogen – es könnte bald zugehen wie in Schweden, wo Clans einander mit noch größerer Härte beschießen und in die Luft jagen. Sicher: Berlin ist nicht mit São Paulo oder Mexiko-Stadt zu vergleichen. Aber es ist auf dem Weg dorthin.
Vergangene Woche in der Anna-Seghers-Straße in Adlershof: Dort wurde ein Mann niedergeschossen.
© Olaf Wagner
Keine No-Go-Areas in Berlin? Auf die Frage dieser Zeitung gab Polizeipräsidentin Barbara Slowik die viel beachtete Antwort, grundsätzlich gebe es sie nicht. „Es gibt allerdings Bereiche […], da würde ich Menschen, die Kippa tragen oder offen schwul oder lesbisch sind, raten, aufmerksamer zu sein.“ Dass erstmals Juden ausdrücklich zur Vorsicht geraten wurde, war neu. Und es ist nicht zu erwarten, dass es für sie sicherer wird, wenn die Linkspartei am Sonntag stärkste Kraft wird.
Die Ethnologen mit den weißen Tropenhelmen haben schon Sachsen-Anhalt erforscht, wo die Gesamtzahl der Straftaten ebenfalls sank, die Rohheitsdelikte aber um 2,2 und die Sexualdelikte um 14 Prozent zunahmen. Am Sonntag wird neben Berlin auch Mecklenburg-Vorpommern medial seziert, wo ebenfalls die Rohheitsdelikte (plus 8,6 Prozent), die Sexualdelikte (plus 28,2 Prozent) und die Messerangriffe (plus 5,3 Prozent) zunahmen. Und in Hamburg, Köln, München und Frankfurt wird man sich dann wieder fragen, warum die Bewohner dieser Landstriche so gewählt haben, wie sie gewählt haben.
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