Sie sollen den Einfluss der Stasi auf die Berliner Zeitung untersuchen. In welchem Zeitraum?Da die Stasi Mitte 1990 aufgehört hat zu existieren, erstreckt sich unser Auftrag auf diesen Zeitraum. Das ist auch der Zeitraum, den das Stasi-Unterlagengesetz erlaubt.Kollegen aus anderen DDR-Medien, aber auch aus den alten Bundesländern, die nach 1990 zur Berliner Zeitung gekommen sind, werden damit nicht erfasst.Dem lässt sich durch eine aufwändigere Arbeit begegnen, wenn man den Forschungsauftrag auf alle DDR-Medien mit Stand 1990 ausweitet. Wenn man diesen Aufwand nicht möchte, ist es unerlässlich, mit der Redaktion zusammenzuarbeiten.Wie soll diese Zusammenarbeit aussehen?Indem jeder Redakteur der Forschungsgruppe Einsicht in seine ihm vorliegende Akte gibt, natürlich gegen eine Verschwiegenheitsverpflichtung unsererseits, dass wir Namen von Opfern und Dritten nur bei deren ausdrücklichem Einverständnis nennen. Täternamen werden wir allerdings grundsätzlich nennen.Was geschieht mit den Ergebnissen der Studie?Erstmal ist es eine Besonderheit der Berliner Zeitung, dass sie sich diesem Thema bereits gestellt hatte und jetzt wieder stellt. Nur vier ostdeutsche Regionalzeitungen haben derartige Studien in Auftrag gegeben, die Berliner Zeitung gehört dazu. Wir werden die Studie zunächst hier in der Redaktion vorstellen und im Anschluss daran unverändert veröffentlichen.Mitte der neunziger Jahre gab es bereits eine Studie, die die Stasi-Verstrickung der Berliner Zeitung untersucht hat und an der Sie als damaliger Personalchef des Berliner Verlages mitgearbeitet haben. Weshalb konnten jetzt trotzdem noch Stasi-Fälle auftauchen?Das hat zwei Gründe. 1995/96, als die Studie erstellt wurde, waren noch nicht so viele Akten erschlossen. Außerdem ist die Studie damals abgebrochen worden.Warum?Es gab Druck von Anwälten. Die Studie hatte auch die Täter genannt, worauf Anwälte sich an den damaligen Leiter der Forschungsgruppe gewandt und ihm mit allem, was Anwälten so einfällt, gedroht haben. Daraufhin hat der damalige Forschungsleiter das Interesse an einer weiteren Forschungsarbeit verloren.Was ist bei der Studie herausgekommen? Wie viele Redakteure hatten für die Stasi gearbeitet, wie viele mussten gehen?Spektakulär öffentlich gegangen ist eine einzige Person. Ansonsten hat es sehr persönliche, sehr umfassende Gespräche gegeben, und letztlich hat der Chefredakteur oder der betreffende Redakteur beschlossen, dass man sich trennt.Die Zahl, die in der Öffentlichkeit kursiert, lautet zwölf.Um es klar zu sagen: Es sind damals mehr als zwölf Gespräche geführt worden, aber es ist auch damals schon nicht so gewesen, dass alle davon gehen mussten.Es gibt Bedenken, dass die neue Studie zu einer reinen Personalüberprüfung gerät. Wie wollen Sie diese Zweifel ausräumen?Die Redakteure können es als Chance begreifen, die bestehenden Debatten und Ängste zu beenden. Dazu gehört aber auch, dass die Täternamen genannt werden.Was kann die neue Studie besser machen als die erste?Was wir besser machen werden, ist die Transparenz. Wir haben zwar einen Auftrag von der Chefredaktion bekommen, sind aber trotzdem unabhängig tätig. Damals, als Personalchef des Verlages und Teil der Forschungsgruppe, war ich etwas blauäugig und habe gedacht, ich kann das trennen. Das hat zu Fragen Anlass gegeben und zu berechtigter Kritik. Aus heutiger Sicht war es unklug.Die Redakteure der Berliner Zeitung haben jetzt mit großer Mehrheit beschlossen, ihre Stasi-Akten anzufordern. Wie wichtig ist das für die Arbeit der Forschungsgruppe?Es würde unsere Arbeit erleichtern und das Ergebnis valider machen. Wenn wir die Möglichkeit haben, auch die Akten der Mitarbeiter einzusehen, die nach 1990 zur Zeitung gekommen sind, erhalten wir ein umfassenderes Bild.Was passiert mit den Redakteuren, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Akten nicht offenlegen wollen?Diese Kollegen müssen davon ausgehen, dass Redaktionen anderer Medien solche Recherchen bereits machen. Im Zuge dieser Recherchen werden Mitarbeiter, die jetzt aus individuell zu respektierenden Gründen ihre Akte nicht offenlegen wollen und eine Täter-Biografie haben, ein Problem bekommen. Dann aber von außen.Umfasst Ihr Auftrag auch eine Empfehlung an die Chefredaktion, wie mit belasteten Kollegen umzugehen ist?Das ist die Entscheidung der Redaktionsleitung. Es gilt unverändert, auch hier bei der Berliner Zeitung, das Prinzip der Einzelfallprüfung. Und natürlich ist es so, dass eine Stasi-Täterakte noch nicht gleichbedeutend ist mit einer Kündigung. Das muss in jedem Einzelfall individuell entschieden werden.Das Interview führten Ralf Mielke und Björn Wirth.------------------------------Foto: Johannes Weberling ist Leiter der Forschungsgruppe, die den Einfluss der DDR-Staatssicherheit auf die Berliner Zeitung untersuchen soll. Der Rechtsanwalt war von 1992 bis 1996 Personalchef des Berliner Verlages, in dem die Berliner Zeitung erscheint.
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