BOSTON, 30. Juli. Die Geste sollte alles sagen, was man über John Kerry wissen muss, um ihn wählen zu wollen. Als der sechzigjährige Politiker am Donnerstagabend auf die Bühne trat, um sich bei seiner Partei für die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten zu bedanken, hob er seine Hand an die Schläfe und salutierte mit den Worten: "Mein Name ist John Kerry und ich melde mich zum Dienst." In dieser Geste steckte so viel von dem, was John F. Kerry über John F. Kerry mitteilen möchte: Pflichtbewusstsein, Bescheidenheit, Treue, Patriotismus - aber vor allem Integrität. Der Mann, der vor über viertausend Delegierten im Fleet-Center in Boston und vor mehr als zwanzig Millionen amerikanischen Fernsehzuschauern salutierte, mag vielleicht nicht charismatisch sein, aber diese Geste sollte deutlich machen: Hier steht ein Mensch, dem man trauen kann. An diesem Abend zeigte John F. Kerry, mit welchem Image er bei den Präsidentenwahlen im November über seinen Rivalen George W. Bush siegen möchte. Vor jener Rede, in der ein Präsidentschaftskandidat traditionell die Nominierung seiner Partei annimmt, wird viel spekuliert. Für Kerry, so hieß es, werde die Nacht des 29. Juli die Nacht der Nächte, die wichtigste seines Lebens sein. Wenn er in dieser Nacht alles richtig mache, dann könne er in dem harten Kampf um das Weiße Haus viele Punkte sammeln. Dann könne er sogar siegen. Er müsse sich den Wählern vorstellen, rieten Beobachter, denn die Mehrheit der Fernsehzuschauer hätte trotz Millionen teurer Werbespots noch kein Bild von John Kerry. Er müsse locker sein und auf die Menschen zugehen, vielleicht ein wenig selbstironisch über sein mangelndes Charisma scherzen, nicht wie ein Professor belehren und nicht wie ein Politiker argumentieren. Er müsse ein wenig spielerischer werden, wie Präsident Bill Clinton oder ein wenig volksnäher, wie der amtierende George W. Bush. Doch Kerry nahm die meisten der Vorschläge nicht an. Er tat das Beste, was er tun konnte: Er blieb sich treu. In seiner fünfzigminütigen Ansprache stellte er den Mann John Kerry erstmals in allen Facetten den Amerikanern vor. Von seiner Geburt in Colorado bis zu seiner Präsidentschaftskandidatur erzählte Kerry seinen Zuhörern mit viel Gefühl die Geschichte eines ganz normalen Amerikaners. Eines Amerikaners freilich, der in einem Bilderbuch-Land aufgewachsen ist, in dem die Mutter bei den Hausaufgaben hilft und der Vater mit dem Jungen Spielzeugflugzeuge bastelt. Es war die Rede von Werten, die diesem Jungen von frühester Kindheit an nahe gebracht wurden. Werte wie Glaube, Familie und Vaterland, aber auch Ideale wie Umweltschutz - "Meine Mutter lehrte mich Bäume als Kathedralen der Natur zu sehen" - und Patriotismus -"Ich bekam Gänsehaut vor Stolz, als sie die Nationalhymne spielten". Vor allem aber ging es in dieser Rede um Ehrlichkeit und Integrität, zwei Eigenschaften, die ihn selbst, so meint Kerry, von dem amtierenden Präsidenten unterscheiden. "Wenn ich der Oberkommandierende der Armee bin, dann werde ich Sie niemals irreführen", sagte Kerry und stellte Bush damit indirekt als Lügner hin, was in den USA an sich als verpönt gilt. Doch für die Dauer seiner Rede wird Kerry immer wieder zu dem Bild des Lügners im Weißen Haus zurückkommen. Einmal sagte er, dass es Zeit sei, sich der alten Ideale zu besinnen und immer bei der Wahrheit zu bleiben, dann versprach er, dem Weißen Haus wieder Glaubwürdigkeit verleihen zu wollen. Wie bereits andere Demokraten hat nun auch Kerry selbst in seiner Rede auf dem Parteitag einen direkten Angriff auf die republikanische Vorherrschaft über die amerikanischen Grundwerte gewagt. Mit genau jenem Versprechen, nämlich das Ansehen des Weißen Hauses wieder herzustellen, war George W. Bush vor vier Jahren im Wahlkampf gegen Clintons Vizepräsidenten Al Gore angetreten. Damals hieß es, Bush wolle nach der Lewinsky-Affäre wieder Moral ins Oval Office bringen. Nun ist es Kerry, der nach Bushs Irak-Desaster die Glaubwürdigkeit des Amtes wieder herstellen möchte. "Ich will Amerika zu Hause wieder stark machen und in der Welt respektiert", sagte der Herausforderer. Die Leute im Saal klatschten, schrieen und hielten ihre John-Kerry-Plakate in die Höhe. Carina Bishop aus Madison im Bundesstaat Mississippi war begeistert. Zwar hatte die Delegierte kaum jemals Zweifel an dem Kandidaten selbst, aber nun ist sie der Meinung, dass sich Kerry auch überzeugend von Bush abgesetzt hat. "Er hat gezeigt, dass ein anderer Weg möglich ist", sagte die Professorin für Lehrerausbildung.Auch Michael Gollin aus Maryland meinte, dass unter einem Präsidenten Kerry alles besser werde. "Wir werden wieder ein Mitglied der internationalen Gemeinschaft", sagte der Patentanwalt. Seit jenem Tag, da Bush den Befehl zum Angriff auf den Irak gegeben habe, unterstütze er John Kerry, sagte Gollin. Bis heute habe er es nicht bereut. Selbst langjährige Anhänger haben Kerry selten zuvor so gelöst gesehen. Es schien fast so, als sei Kerry selbst von sich und seiner Rede wie elektrisiert gewesen. Er wirkte überzeugend und fast schon präsidial, als er den Soldaten zurief, sie sollten nicht verzweifeln, denn Hilfe sei auf dem Weg. Er wirkte ebenso überzeugend, als er den Arbeitslosen Hilfe und Hoffnung versprach und auch jenen, die Angst um ihre Gesundheitsversicherung und ihre Rente haben: "Hoffnung ist auf dem Weg", war der Slogan des Abends. Und viele glaubten Kerry, weil sie das Gefühl hatten, dass er selbst an all das glaubt, was er den Amerikanern versprach.Innerhalb der eigenen Partei hatte man offenbar zunächst gar nicht so sehr mit einem Erfolg gerechnet. Fast ängstlich wirkte die Parteispitze in ihren Bemühungen, den Kandidaten Kerry vor Konkurrenz aus der eigenen Partei zu schützen. Unter der Regie von Parteichef Thierry McAuliff wurde jede Rede, jedes Manuskript gelesen, überprüft, abgesprochen und notfalls redigiert. Nichts, aber auch gar nichts blieb dem Zufall überlassen. Nicht einmal Bill Clinton oder seine Frau Hillary, nicht einmal Edward Kennedy wichen nur ein einziges Mal von ihren vorbereiteten Reden ab. Beobachter verglichen den Konvent in Boston deshalb auch spöttisch mit einem Parteitag der KPdSU. Doch der Parteispitze war das egal. Man konnte es sich nicht erlauben, dass einer der anderen Redner den Kandidaten in den Schatten stellt. Umfragen zufolge hat sich die Mehrheit der Amerikaner bereits entschieden, welchen Kandidaten sie wählen wird. Lediglich eine kleine Anzahl von unabhängigen Wählern ist noch unsicher. Sie wird, so heißt es, diese Wahl entscheiden. Und so wollte Kerry mit seiner Rede vor allem den Unentschlossenen deutlich machen, welche Wahl sie haben. Immer wieder zeichnete er an diesem Abend die Unterschiede auf: Kerry, der Optimist, Bush, der Pessimist. Der eine kümmert sich um alle Amerikaner, der andere nur um seine reichen Freunde. Der eine ist ein toleranter Mensch, der andere ein Ideologe. Der eine macht Amerika respektabel, der andere verdirbt alle Kontakte. Der eine ist der Mann der Hoffnung, der andere der Mann der Angst. Der eine ist ein nachdenklicher Politiker, der andere ein Hitzkopf. Das Wahlkampfteam um Bush hatte den Senator aus Massachusetts als wankelmütigen Kandidaten dargestellt, der häufig seine Meinung änderte und deshalb nicht fähig ist, Stärke und Standhaftigkeit im Kampf gegen die schlimmsten Feinde der Vereinigten Staaten, die Terroristen, zu zeigen. Doch an diesem Abend bemühte sich Kerry, dieses Argument zu widerlegen. Er versprach, alle den USA zur Verfügung stehenden Mittel im Kampf gegen den Terror einzusetzen. Mit seiner Rede drehte er den Spieß um und positionierte sich selbst als den besseren Oberbefehlshaber und den besseren Verteidiger der USA: "Ich werde niemals einer fremden Nation oder einer Institution ein Vetorecht über die Sicherheit der USA zugestehen, und ich werde unser Militär und die volle Feuerkraft gegen die Feinde einsetzen." Allerdings wolle er gleichzeitig auch auf Diplomatie, Wirtschaftskraft und "die bestechenden amerikanischen Ideale" als Mittel der Politik zurückgreifen. "Ich verspreche euch hiermit, dass ich niemals einen Krieg beginnen werde, weil ich das will, sondern nur, wenn es nötig ist", sagte John Kerry und erntete dafür tosenden Beifall. Die Delegierten glaubten ihm erneut, denn der Mann, der hier versprach, niemals Soldaten unter falschen Voraussetzungen und ohne eine Art Friedensplan in den Krieg zu schicken, hat ja selbst gedient. "Ich kenne das Gefühl unserer Jungs, wenn sie eine M-16 in der Hand halten und Feind und Freund nicht unterscheiden können", sagte John Kerry.Es war von Anfang an klar, dass Kerrys Wahlkampfteam diesen Parteitag nutzen würde, um die Einheit der Partei zu demonstrieren und ihren Kandidaten von möglichst vielen Seiten zu beleuchten. Aus diesem Grund traten nicht nur die ehemaligen Rivalen aus den Vorwahlen, wie Howard Dean und Joe Lieberman auf die Bühne, auch Familienmitglieder, Kollegen und Freunde sprachen in Boston über John Kerry, den Vater, John Kerry, den Ehemann, John Kerry, den Freund und John Kerry, den Politiker. Doch keine der Geschichten aus Kerrys Leben wurde so betont, wie seine Vergangenheit als Soldat in Vietnam. Während der vier Tage des Konvents erwähnten zwar immer wieder Redner die mutigen Taten Kerrys in Vietnam, sein Pflichtbewusstsein gegenüber der Nation und dass er wie Bush aus privilegierten Verhältnissen stamme, sich aber anders als Bush zum Kampf für sein Vaterland verpflichtet habe. Doch niemals war das Aufgebot der Vietnam-Zeugen so offensichtlich, so überwältigend, wie an diesem letzten Abend. Am Abend der Rede des Kandidaten. Es trat nicht nur die gesamte Mannschaft jenes Bootes auf die Bühne, das Kerry damals befehligt hatte, auch der legendäre Kriegsveteran und ehemalige Senator Max Cleland, der als Fünfundzwanzigjähriger beide Beine und einen Arm im Kampf verloren hatte, und Jim Rassmann, jener Soldat, dem Kerry das Leben rettete, sprachen über ihren Kameraden John Kerry. Kerry sei ein mutiger Mann gewesen, einer der sich für seine Kameraden opfert, der denkt, bevor er handelt und keine Angst hat. Sie sprachen von einem Mann, der sich freiwillig nach Vietnam gemeldet hat und den Kampf zum Feind getragen hat. Sie sprachen von einem Offizier, der seine Leute niemals im Stich lassen würde. Sie sprachen von einem Mann, der ernsthaft und integer ist. Da ist er wieder, jener Begriff, mit dem Kerry sich von Bush am liebsten unterscheiden möchte: Integrität. Dazu kommen Ernsthaftigkeit und gedankliche Tiefe. "Man wirft mir vor, dass ich manche Dinge zu komplex sehe. Das liegt daran, dass sie zu komplex sind", sagte Kerry in seiner Rede. Nach vier Jahren Bush, nach dem 11. September, dem Versagen der Geheimdienste, den Falschangaben zu Massenvernichtungswaffen im Irak, der Einschränkung der Bürgerrechte, den angekündigten Verfassungsänderungen und einem kostspieligen Sieg über Saddam Hussein, haben die Amerikaner genug von Abenteuern. Was sie nun wollen, so meint die Demokratische Partei, sei ein integrer Mann wie Kerry. Einen, der salutiert und sich zum Dienst meldet. ------------------------------"Ich werde niemals einer fremden Nation oder einer Institution ein Vetorecht über die Sicherheit der USA zugestehen und ich werde die volle Feuerkraft gegen die Feinde einsetzen."John Kerry------------------------------Foto: Freitagnacht in Boston - John Kerry war lockerer als gedacht, lockerer auch, als es seine Partei von ihm erwartete.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]