Sein Dienst beginnt um 6 Uhr morgens, lange bevor die Schulklingel zur ersten Stunde ruft. Jonny Mergen dreht seine Runde durch die Schule und die benachbarte Turnhalle. Sind alle Fenster noch geschlossen, die der Kollege am Abend kontrolliert hat? Gibt es eventuell Schäden – beispielsweise durch Vereine, die die Schulturnhalle mitnutzen? Hat der Reinigungsdienst sauber gearbeitet, der abends immer als Letzter das Schulgebäude der 46. Oberschule in Dresden verlässt?
Der zweite Blick am Vormittag geht dann in den Außenbereich. Das Herbstlaub hat sich über Nacht wieder wie Konfetti auf dem Schulhof verteilt. Die Gullys müssen frei gehalten werden, damit das Regenwasser ungehindert abfließen kann. Jonny Mergen hebt das schwere Eisengitter an und zieht den langen Stahleimer im Abfluss nach oben, der die Blätter auffangen soll, bevor sie die Rohrleitungen verstopfen. Er leert den Inhalt in die Schubkarre – wieder ist etwas erledigt. Jonny ist einer von 221 städtischen Bediensteten im Hausmeisterservice der Stadt Dresden. Die Stadt ist Träger von insgesamt 148 kommunalen Schulen.
Auch für den Außenbereich der Schule ist der Hausmeister zuständig.
© Gaby Schütze für Ostdeutsche Allgemeine
Vor drei Jahren nahm der Familienvater mit kubanischen Wurzeln väterlicherseits die Stelle mit Tarifgehalt an. Angefangen hatte er seine berufliche Laufbahn „in der Küche, auf dem Bau oder auch in der Gebäudereinigung“, erinnert sich Jonny. Dann habe er noch Zerspanungsmechaniker gelernt und im Schichtsystem an Maschinen gearbeitet.
„Ich wollte keine rollende Woche mehr, deswegen habe ich mich als Schulhausmeister beworben“, sagt der 40-Jährige in kräftigem Sächsisch. Eine gute Entscheidung, wie er findet, obwohl „ich mir anfangs den Respekt der Schülerinnen und Schüler erst erarbeiten musste“.
Denn die testen, wie alle Jugendlichen, Personal und Infrastruktur manchmal bis an ihre Grenzen. So deutet der Schulhausmeister auf einen (unbenutzten) Damenhygieneartikel, der an der Decke im Mädchenklo klebt. Obwohl die Toiletten ansonsten picobello aussehen und sogar über die Herbstferien neu gestrichen wurden, hat man ein Detail an der Decke wohl übersehen. „In manchen Toiletten haben wir die Halterungen für die Klopapierrollen ganz abmontiert, um Vandalismus zu vermeiden“, erklärt Mergen.
Schülerinnen und Schüler haben ein Fliesenmosaik für die Schultoilette gefertigt.
© Gaby Schütze für Ostdeutsche Allgemeine
Vor allem Schüler wickeln gern in der Abgeschiedenheit der Toilettenkabine eine ganze Rolle ab, zerknüllen das Papier und formen es mithilfe von Wasser zu einem klebrigen Zelluloseball, der dann an Decken oder Wände geschmissen wird. „Deswegen haben wir jetzt eine Rolle auf dem Gang im Schulhaus vor den Toiletten hängen, wo sich jeder Papier mit aufs Klo nehmen kann“, erklärt Mergen.
„Das Toilettenproblem haben alle Schulen“
Der Schuldirektor Johannes Preißiger weiß von noch ekligeren Verunstaltungen der Toiletten zu berichten, die der Reinigungsdienst säubern muss. „Das Toilettenproblem haben alle Schulen. Wir haben dafür eine Schüleraufsicht installiert, die auch auf die Toiletten schaut“, erklärt Preißiger. Zudem sind die Schulklos auf jeder Etage immer nur für bestimmte Klassenstufen zugelassen, sodass die Verursacher schneller gefunden werden können.
Alles in allem sind die Schultoiletten aber sehr modern an der 46. Oberschule: graue, großflächige Wandfliesen, weiße Wände, saubere Fußböden. Die letzten Schmierereien an den Wänden sind gerade in den Herbstferien mit weißer Farbe übermalt worden. Sogar Kunst hängt auf den Schulklos.
„Diese Fliesen hier haben Schülerinnen und Schüler selbst gestaltet. Wir haben verschiedene Mosaikbilder auf den Toiletten angebracht, damit die Schüler die Einrichtung mehr wertschätzen“, sagt Mergen und zeigt auf ein blau-weißes Fliesenmosaik mit drei exotischen Echsen in einer Art Dschungel. Auf der oberen rechten Kachel stehen acht Vornamen von Schülerinnen und Schülern, die an dem Wandbild mitgewirkt haben, und die Jahreszahl 2025.
Eigenverantwortung und Regeln versucht auch Schuldirektor Preißiger den Jugendlichen auf ihrem Lebensweg mitzugeben. Er hat täglich die Verantwortung für 480 Schülerinnen und Schüler an seiner Schule. In Sachen Ordnung und Sauberkeit in seinem Haus ist er „hinterher“, wie man in Sachsen sagt.
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„Ich bin kein Mir-doch-egal-Typ und möchte ein aufgeräumtes Schulhaus. Wenn etwas kaputtgeht, müssen die Schüler das melden. Sie werden dann auch nach Möglichkeit in die Reparatur miteinbezogen“, sagt Preißiger, der auch Vorsitzender des Sächsischen Schulleitungsverbandes ist.
Welche Regeln in der Schule gelten, steht schwarz auf weiß an jeder Klassenzimmertür. Aufgeschrieben haben die Hausregeln Schüler, die Hausmeister haben sie angebracht. Dort ist zu lesen: „Sei kein Schwein und verlasse die Schule ordentlich.“ Doch auch für Respekt, gewaltfreien Umgang, Pünktlichkeit und natürlich für die Einhaltung des Handyverbotes in der Schule wird geworben.
Preißiger sagt, ihm sei eine positive Schulkultur wichtig. Das betreffe die Kinder genauso wie das Lehrerkollegium und den Hausmeister Jonny Mergen mit seinem Kollegen Daniel Putzger. „Dafür nehme ich mir viel Zeit und bespreche Themen nicht zwischen Tür und Angel.“
Auch die Treppen vor dem Eingang zur 46. Oberschule in Dresden bekamen in den Herbstferien einen neuen Anstrich.
© Gaby Schütze für Ostdeutsche Allgemeine
Regelmäßig trifft man sich zum Frühstückskaffee – entweder in seinem Büro oder im Pausenraum im Untergeschoss, wo es im Sommer schön kühl sei. Preißiger schätzt sein Hausmeister-Duo: „Die beiden sind die unmittelbarste Unterstützung der Stadt Dresden als Schulträger – nicht nur mit ihrer Arbeitskraft, sondern manchmal auch moralisch. Als Dresdner Schulleiter ist man da oft auch auf sich allein gestellt, wenn es beispielsweise um die Umsetzung von Bundesförderprogrammen geht. Die Arbeitsbelastungen durch den Schulträger sind momentan höher als dessen Unterstützung.“
Preißiger weiß die Arbeit seiner Hausmeister zu schätzen, auch wenn er nicht ihr direkter Chef ist. „Hausmeister haben eine pädagogische Wirkung, auch wenn sie keine Pädagogen sind“, so Preißiger. Ein Konflikt kann manchmal einfacher mit einem Hausmeister als mit dem Klassenlehrer geklärt werden. Sie seien auch Bezugspersonen für die jungen Menschen, sagt Preißiger. Die Hausmeister der 46. Oberschule leiten beispielsweise immer mal wieder das Ganztagesangebot Schulgarten an, bei dem Schüler lernen, selbst Gemüse anzubauen. Preißiger sinniert: „Wie heißt es so schön in dem afrikanischen Sprichwort: Ein Kind wird von einem ganzen Dorf erzogen.“ Und die Dorf- sei in diesem Falle die Schulgemeinschaft.
Jonny Mergen macht den Schulgarten winterfest.
© Gaby Schütze für Ostdeutsche Allgemeine
Hausmeister als Handwerker
Bürokratie bleibt den Hausmeistern aber nicht erspart. Einmal pro Monat werden alle Verbrauchswerte wie Strom und Wasser an die Stadtverwaltung gemeldet. Dazu werden regelmäßig die Alarm- oder auch Brandmeldeanlagen kontrolliert und dokumentiert und Schäden am Schulgebäude festgehalten. Das muss sein, sagt Jonny, aber lieber sind ihm die handwerklichen Tätigkeiten. „Ich war ja früher auf dem Bau, also machen wir auch kleine Spachtelarbeiten im Gebäude, wenn es da was zu reparieren gibt.“ Wackelige Tischplatten, klemmende Türen – alles ein Fall für die Hausmeister. Auch vermeintlicher Kleinkram wie das Auswechseln von Glühbirnen. Doch ab 1,20 Meter Höhe wird es ein Fall für den Arbeitsschutz.
„Offiziell darf niemand auf eine Leiter steigen, die höher als 1,20 Meter ist. Die Alternative ist aber, eine Firma offiziell mit dem Wechseln der Glühbirnen zu beauftragen“, erklärt Preißiger. Dasselbe gilt für manche Reparaturarbeiten in der Schule, für die man auch erst eine Ausschreibung machen muss. Die Hausmeister wären da gern pragmatischer: „Wenn wir es selber lösen könnten, wäre es deutlich schneller und billiger“, sagt Mergen.
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Dabei ist die 46. Oberschule in Dresden nicht sein einziger Einsatzort. Jonny Mergen vertritt auch Kollegen an zwei weiteren Schulen, falls die krank oder im Urlaub sind.
Trotz Festanstellung bei der Stadtverwaltung Dresden machen sich die beiden Hausmeister so ihre Gedanken, wie sich der Sparzwang der sächsischen Landeshauptstadt auf sie auswirken wird. 515 Stellen sollen in der Verwaltung kurzfristig eingespart werden – nicht durch Kündigungen, sondern durch fehlende Neubesetzungen. Doch schon jetzt bleiben Hausmeisterstellen länger unbesetzt. Mehr Arbeit und möglicherweise Reparaturstau zeichnen sich ab.
Bis zum Jahr 2031 sollen insgesamt sogar etwa 1200 Stellen in der Dresdner Verwaltung wegfallen und somit mehr als 300 Millionen Euro eingespart werden.
Um Geld zu sparen, steht auch immer mal wieder der Vorschlag im Raum, der Schulgemeinschaft mehr Verantwortung für die Sauberkeit in der Schule zu übertragen. Preißiger fände das gut: „Für diesen Vorschlag bin ich total offen, da daheim ja auch diejenigen für Ordnung und Sauberkeit sorgen, die dort leben. Die Reinigung ist ein gewichtiger Kostenfaktor für die Schulen.“
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