Jordi Savalls Debüt mit den Berliner Philharmonikern brachte die strenge konservative Konzertkritik ins Schwärmen: „Nach den Kriterien des Klassischen gelingt Savall und den Philharmonikern eine nahezu ideale Aufführung“, schrieb etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung über die Interpretation von Mozarts Jupiter-Symphonie, die auf den jüngsten Philharmonischen Konzerten zu hören war. Die FAZ weiter über die neue Symbiose von Aufführungspraktikern und modernen Spitzenorchestern: „Die beiden Welten lassen sich verbinden, befruchten sich sogar, wenn, wie im Fall von Savall, kein Dogmatiker der Alten Musik am Werk ist, sondern ein Künstler, der klug mit dem zu arbeiten versteht, was ihm angeboten wird.“ Die gelungene Beziehung könnte, so die FAZ, „mit Savalls Alter, aber auch mit seinem Naturell zusammenhängen, dass er kein Mann der Extreme ist“.
Tatsächlich dürfte die neue friedliche Koexistenz eher darauf zurückzuführen sein, dass sich die einst verfeindeten Lager – hier die Jünger der Alten Musik, dort die Karajan-Böhm-Fraktion – aufgelöst haben: Die Erkenntnis, dass Musik über Jahrhunderte „Klangrede“ war, hat sich durchgesetzt. Auch die Philharmoniker haben ihre Spielweise für klassische Stücke fundamental geändert.
Das liegt nicht zuletzt an den beiden Chefdirigenten Simon Rattle und Kirill Petrenko: Rattle kam aus der „englischen“ Schule, wo es nie einen Bruch gegeben hat, wie die lange Tradition der Spezialensembles auf der Insel zeigt. Petrenko hat diese Öffnung fortgesetzt und verweist darauf, dass Furtwängler näher an Harnoncourt gewesen sei als an Karajan. Ein Beleg für diese These ist die Aufnahme der Jupiter-Symphonie mit dem London Symphony Orchestra unter Albert Coates aus dem Jahr 1923, die man auf YouTube anhören kann. Das klingt sehr nahe an dem, was die Aufführungspraktiker meinen.
Hinzu kommt, dass die Gestalter von Konzertprogrammen die große Nachfrage nach Musik auf historischen Instrumenten bedienen wollen – etwa die Philharmoniker, wo überlegt wird, die Frequenz des eben abgelaufenen, sehr erfolgreichen Barock-Wochenendes auf jährlich zu verkürzen. Das Programm des Savall-Debüts war intelligent zusammengestellt: Mit einer Naïs-Suite von Jean-Philippe Rameau erbrachte das Orchester den Beweis, dass es Barock pur beherrscht. Mit Christoph Willibald Glucks „Don Juan“-Ballett zeigten Jordi Savall und die Philharmoniker, warum die Alte Musik niemals langweilig ist. Bei Mozart spielten vor allem die nuanciert-leidenschaftlichen Streicher auf einem ganz neuen Niveau.
Der Erfolg der Abende mit Savall dürfte im Übrigen damit zusammenhängen, dass auch die Alte-Musik-Fans längst ihren Frieden mit dem Kompromiss gemacht haben. Man nörgelt nicht mehr an Details wie Obertönen, Glockenton oder Darmsaiten. Man hört über manchen Widerspruch hinweg, geht nach Hause, überprüft den Eindruck noch einmal an Frans Brüggen oder Jordi Savalls Aufnahmen mit dem Concert des Nations und kommt zu dem Schluss: Top-Leistung der Berliner Philharmoniker und ein echter Dienst an der Sache, für die viele große Musiker wie Jordi Savall jahrzehntelang gekämpft haben.
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