Musik

Jordi Savall und die Berliner Philharmoniker: „Ich bin kein Diktator“

Jordi Savall, der Doyen der Alten Musik, debütiert mit den Berliner Philharmonikern. Der Dirigent will auf Details achten.

Michael Maier
5 Min
Jordi Savall

Jordi Savall

© Pouyfourcat, Hervé

Am Donnerstag stehen die Berliner Philharmoniker vor einem ungewöhnlichen, mit großer Spannung erwarteten Debüt: Erstmals wird der Doyen der Alten Musik in Europa, der Katalane Jordi Savall, am Pult stehen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei seiner Interpretation von Mozarts Jupiter-Symphonie: „Dieses wunderbare Orchester hat dieses Stück schon Hunderte Male gespielt. Ich hoffe, dass ich meine Erfahrungen einbringen kann und dass wir dann eine überzeugende Interpretation vorlegen können“, sagt Savall im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Der Auftritt Savalls mit den Berlinern ist unbestritten ein Meilenstein in der Geschichte der Integration der Alten Musik in den Klassikbetrieb. Lange mussten die „Aufführungspraktiker“ um die Anerkennung kämpfen. Nicht grundlos, denn die Rückbesinnung auf historische Erkenntnisse hat den glatt gewordenen Klassik-Klang herausgefordert. Es folgte eine Spaltung: Viele – zumal sehr viele junge – Musikfreunde verabschiedeten sich von den Klangteppichen, wie sie von den „modernen“ Orchestern gewoben wurden.

Festivals für Alte Musik wurden zu Publikumsmagneten, wie auch am „Barock-Wochenende“ der Berliner Philharmoniker zu sehen war. Doch die „Brandmauer“ wurde immer durchlässiger. Sogar in Wien, wo die Arroganz des Althergebrachten besonders kultiviert wurde, gab es Schockmomente. Nikolaus Harnoncourt wurde schließlich aufs Podium der Wiener Philharmoniker vorgelassen und veränderte die Art, wie Barock und Klassik interpretiert werden.

In der Regel geschieht das durch Überzeugung und sehr konkrete Arbeit, wie auch Jordi Savall bestätigt: „Ich bin kein Diktator. Die Berliner Philharmoniker sind die besten Musiker der Welt. Ich habe keine Angst, dass wir uns nicht verstehen werden“, sagt der 84-Jährige und hat den Philharmonikern schon mal vorab die Mozart-Noten von seinem Orchester, dem Concert des Nations, geschickt, denen sie Hinweise zur Artikulation entnehmen können. Savall: „Was eine Interpretation ausmacht, entscheidet sich immer im Detail: Wo wird geatmet, wo gibt es Akzente, wie phrasieren wir, welches Tempo nehmen wir?“

Savall singt am Telefon einige Varianten des Hauptthemas des vierten Satzes der Jupiter-Symphonie vor – und man hat keinen Zweifel, dass die Philharmoniker seine Ideen verstehen und umsetzen werden. Oft würden die Musiker ja auch gerne aus ihren eingefahrenen Bahnen herausgeholt, sagt Savall. Und Andrea Zietzschmann, die Intendantin der Berliner Philharmoniker, bestätigt diesen Eindruck: „Es sind heute keine getrennten Welten mehr, die Grenzen sind durchlässiger geworden. Die Musiker sind offen und neugierig, freuen sich auf das, was der Dirigent einbringt.“ Die Tradition der Mozart-Interpretationen von Karajan oder Abbado sei keine Last, denn, so Zietzschmann zur Berliner Zeitung: „Unser Orchester ist sehr, sehr jung geworden. Viele haben das Kernrepertoire noch gar nicht mit einem anderen Orchester gespielt.“

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Da ist Savall der richtige Lehrmeister. Auch in seinen Orchestern hat er immer zur Hälfte neue und junge Leute. Es sei phänomenal, welche Qualität diese Musiker, die aus aller Welt kommen, hätten. Er bezeichnet als den Kern seiner Didaktik die „Weitergabe von Informationen und die Eröffnung neuer Perspektiven“: „In der Klassik haben alle Lehrer noch das Wissen über die Barock-Techniken gehabt. Heute haben die Musiker einen anderen Hintergrund, oft haben sie die Informationen nicht.“ Außerdem habe sich im Lauf der Zeit auch das Selbstverständnis der Dirigenten geändert: „Ich möchte ein Werk so interpretieren, dass es möglichst nah an die Vorstellung des Komponisten kommt.“

Vor allem im Hinblick auf die Tempi dürfte es ganz neue Töne geben – Savall nimmt die Komponisten wörtlich: „Beethoven hat nach einer Aufführung, über die ihm berichtet wurde, immer gefragt: War das Tempo richtig?“ Die akkurate Umsetzung wird durch konkrete handwerkliche Hinweise erreicht – auch wenn mit modernen Instrumenten und ihren Metallsaiten nicht alle Effekte erreicht werden können wie mit den in der Alten Musik und selbst von Strawinsky noch verwendeten Darmsaiten.

Andrea Zietzschmann, die den Auftritt von Savall mit den Berliner Philharmonikern eingefädelt hat, sagt: „Ich bin voller Wertschätzung für die Arbeit von Jordi Savall. Er ist ein Gigant in der Musikwelt.“ Sie hat das Debüt geschickt im Umfeld des diesjährigen Barock-Wochenendes eingebettet. Zietzschmann, die gerade mit dem Orchester von einer dreiwöchigen Asien-Tournee zurückgekehrt ist, sagt, das Wochenende sei wie eine „Schatztruhe“ gewesen, ein Abenteuer voller Entdeckungen. Die besten Ensembles der Welt hatten hintereinander den Kammermusiksaal in ein Amphitheater für barocke Seelendramen verwandelt.

Savall war am Samstag aufgetreten und hatte mit seinem einzigartigen Ensemble Hespèrion XXI gezeigt, wie sehr die Alte Musik die Grenzen auch der Länder und Kulturen überwindet. William Christie und Les Arts Florissants spielten Händel und brachten mit der Sopranistin Ana Viera Leite eine absolute Entdeckung mit. Philippe Jaroussky bestritt mit seinem Ensemble Artaserse quasi einen Solo-Abend und zeigte, dass seine durch und durch menschliche Stimme unerreichbar ist – gleichermaßen für die Konkurrenz und jegliche imitationssüchtige Künstliche Intelligenz.

Michele Pasotti leitete sein Ensemble La Fonte Musica von der Theorbe aus. Die Musiker zeigten, dass Monteverdi im Grunde die ganze Moderne vorweggenommen hat. Mit der Aufführung von „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“ wurden die Zuhörer an die inneren Verwüstungen des Krieges erinnert. Dass die Meister der Alten Musik sensibel für die reale Welt sind, stellte Jordi Savall unter Beweis: Man spiele „in Solidarität mit den Opfern der Kriege in der Ukraine und in Gaza“, sagte der Gambist vor der Aufführung eines Stücks aus der sephardischen Tradition.

Jordi Savall ist am Donnerstag, Freitag und Samstag dieser Woche mit den Berliner Philharmonikern mit Werken von Jean-Philippe Rameau, Christoph Willibald Gluck und Wolfgang Amadeus Mozart zu hören.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner