Eine halbe Million Euro lässt sich der Kulturstaatsminister jedes Jahr die Sammlung des Bundes kosten. Dafür schwärmt eine Expertengruppe aus, die zyklisch neu formiert wird, und sucht aus, was wohl am besten in diese Kollektion passt, die als solche nirgendwo existiert, sondern weit verstreut ist in Dienstzimmern, Ämtern, Botschaften, als Leihgaben in Museen oder einfach nur im Depot.Gegründet wurde die Bundeskunstsammlung 1970; der Maler Georg Meistermann flüsterte Willy Brandt, dem kulturfreudigen Kanzler, damals die Idee ein. Rund 1 300 Werke sind bis heute zusammen- gekommen. Fünf Mal - 1981, 1989, 1995, 2003 und 2007 - war bislang eine Auswahl aus dem Fundus in Ausstellungen zu sehen. Zum zehnjährigen Bestehen des Kulturstaatsministers wird nun abermals Einblick in die anwachsende Sammlung gewährt. Die Ankäufe werden aus Steuergeldern finanziert; da will man im Haus von Bernd Neumann Transparenz beweisen. Diese Werke gehören uns allen, lautet die unausgesprochene Botschaft, also müssen sie ab und zu öffentlich gezeigt werden. Ein willkommener Anlass war natürlich der Festakt zum Ministerjubiläum, da konnte man nach den Reden im Gropius-Bau gleich stolz den Kunstsinn des Bundes vorführen und belegen, was in der Sammlung in dieser Zeit hinzukam.Anette Hüsch hatte die undankbare Aufgabe, als Kuratorin aus dem disparaten Bestand 50 der rund 400 seit 1998 angekauften Werke auszuwählen und in einen irgendwie sinnvollen Zusammenhang zu stellen. Sie formulierte zehn Leitbegriffe wie "Kunst über Kunst", "Rollenspiele" oder "Deutschlandbilder", gruppierte daraus Themenräume aus eher zwanglos zusammenpassenden Exponaten und gab der Schau den Titel "Zeitblick". Das Rad wird hier gewiss nicht neu erfunden. Es gibt keine durchgängige Geschichte, auch neue Einsichten zum Stand der Gegenwartskunst sind hier kaum zu gewinnen. Am besten, man schaut sich Werk für Werk an; dann hat die Ausstellung in der Tat einiges zu bieten.Die Bundesrepublik gibt sich weltoffen und kauft Werke zahlreicher ausländischer Künstler, die in Deutschland arbeiten. Da bedeutete natürlich das Fehlen des dänisch-isländischen, in Berlin ansässigen Großkünstlers Olafur Eliasson eine empfindliche Lücke. Eine kapitale Installation gab das Budget nicht her, aber die 48-teilige Fotogravürenserie Eliassons, die das Farbspektrum zum Flimmern bringt, ist da ein schöner Ersatz. Schon 1998 kam die heute hoch gehandelte Katharina Grosse mit einer charakteristischen Farbnebelmalerei hinzu. Weitblick bewies die Ankaufskommission auch mit zwei strengen Betonfenster-Skulpturen von Isa Genzken; sie wären heute nicht mehr zu bezahlen.Thomas Bayrle mit einer poppig-futuristischen Autobahn-Orgie, Thomas Struth mit einem seiner monumentalen Museumsfotografien, Andreas Slominskis eulenspiegelhafter Ofen für Astgabeln, aber auch kunsthistorisch bedeutsame Werke aus den Sechzigern, etwa von Dieter Roth oder Uwe Lausen - das alles sind bedeutende Stücke, über die sich jeder Museumsdirektor freuen würde. Doch haben sich die Kunstkäufer gehütet, nur den wohlbekannten Namen hinterher zu hecheln. Auch die jüngere Generation, die solcher Förderung noch wirklich bedarf, ist mit sehenswerten Werken vertreten. Wunderbar hintergründig etwa Andreas Buntes Film-Travestie zur Entwicklung der Elektrizität. Und schaurig schön Jan Brokofs Fensterblick in seine Schwedter Plattenbau-Heimat: ein Deutschlandbild, das es in sich hat.------------------------------Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, bis 12. Januar. Mi-Mo 10-20 Uhr. Eintritt frei. Katalog 19,90 Euro.------------------------------Seit 1970 hat der Bund 1 300 Werke für seine Sammlung erworben. 50 Ankäufe der letzten zehn Jahre sind jetzt zu sehen.------------------------------Foto: Jan Brokof wuchs im Plattenbau von Schwedt auf. Der Blick aus dem Fenster hat sich eingebrannt, wie man sieht.
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