Keine andere Sängerin hat den Weltabschiedsgesang der Pamina aus der "Zauberflöte" mit bewegenderen Herzens- und Schmerzenstönen erfüllt als Lotte Schöne, sagen Kritiker. Wegen ihres einzigartigen Könnens war die Künstlerin 1931 an die Berliner Staatsoper verpflichtet worden. Bei ihrem letzten Auftritt am 12. Juni 1933 wurde Schöne mit Standing Ovations verabschiedet. Das Publikum wusste, dass sie gehen musste und warum. Kurz zuvor hatte der Intendant Heinz Tietjen dem preußischen Kulturminister die Kündigung nicht-arischer Künstler vorgeschlagen. Für Lotte Schöne folgte die Flucht nach Paris, nach der Besetzung durch die Nazis das Leben im Untergrund. Die bittere Zeit hat die früher fröhliche Frau nie verwinden können. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1977 arbeitete sie zurückgezogen als Gesangspädagogin in Paris.Lotte Schöne gehört zu denjenigen, die in der am Sonntag eröffneten Doppelausstellung "Verstummte Stimmen" gewürdigt werden - parallel im Apollosaal der Berliner Staatsoper und im Centrum Judaicum. Die Exposition widmet sich der Vertreibung von jüdischen Künstlern aus der Oper in der Zeit von 1933 bis 1945. Erzählt werden Schicksale von prominenten Komponisten, Dirigenten und Sängern, die Opfer der rassistischen Musikpolitik wurden, darunter Dirigent Otto Klemperer und Generalmusikdirektor Erich Kleiber. Neben den Stars geht es auch um das Schicksal weniger Prominenter - Solisten aus der zweiten Reihe, Mitglieder von Chor und Orchester und Bühnenarbeiter. Von etwa 500 Mitarbeitern mussten mehr als 40 die Oper verlassen. "Das ist ziemlich viel - zumal eine hohe Dunkelziffer hinzukommt", sagt einer der Ausstellungsmacher Hannes Heer.Die Gestapo hält kurz inneFür manche Künstler führte die rassistische Politik direkt in den Tod. Die hochgeehrte Mozartsängerin Therese Rothauser bezog bereits eine Gnadenpension der Staatsoper, als sie zu ihrem 75. Geburtstag als "langjährige und bedeutsame Künstlerin" noch im Juni 1940 Glückwünsche der Oper erhielt. Zwei Jahre später wurde die aus Budapest stammende Frau nach Theresienstadt deportiert und kam dort im April 1943 um. Zu einem "Gnadengesuch" hatte der Stellvertreter des Generalintendanten, Franz Josef Scheffels, schriftlich vermerkt: "Hier ist nichts zu veranlassen." Bedrückend wirken Schilderungen über ihren Abtransport aus der Wohnung in der Berliner Konstanzer Straße. Rothauser erklärte den abholenden Gestapo-Beamten, sich noch von ihrem Flügel verabschieden zu müssen. Dann habe sie - im Rücken ein großes Bild des Kaisers - das Lied "Teure Heimat, lebe wohl" gespielt, erinnern sich Angehörige. Die Gestapo-Beamten hätten mit abgenommenen Mützen und in Hab-Acht-Stellung zugehört, dann ihren Befehlen Folge geleistet.Deutlich zeigt sich, dass schon vor dem Machtantritt der Nazis die rassistische Kulturpolitik begann - lange vor 1933 fing der Kampf gegen "Musikbolschewismus" und gegen "entartete Musik" an und wurde von Teilen des Bürgertums mitgetragen. Eine Kündigungsliste - die hauseigene "Judenliste" - gab es bereits seit September 1932. Zusammengestellt hatte sie die aus mehr als hundert (!) Mitglieder zählende Betriebszelle der NSDAP. Auf der Liste, an Hermann Göring geliefert, waren 32 Mitglieder der Oper, fünf vom Ballett, ein Bühnenarbeiter. Fünf Namen trugen den Zusatz "fraglich". So wurde an einem weltberühmten Haus Vertreibung und Vernichtung der Juden vorbereitet.Ausstellung: bis 4. Juli, Staatsoper, Un-ter den Linden 7, Tel.: 20 35 45 55 und Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28, Tel.: 88 02 83 00; beide tgl. ab 10 UhrBegleitprogramm: Universität der Künste, Bundesallee 1-12, Ausstellung "Verfolgte Sängerinnen und Sänger" (1.-14. 6.) und jeden Do, 19.30 Uhr, Öffentliche Ringvorlesung (bis 7. 6.)Zeughauskino Filmreihe, T: 20 30 47 70.
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