Jüdische Politiker sind in Washington anerkannt - Liebermans Berufung ist dennoch überraschend

Das Natürliche ist nicht natürlich

Olivia Schoeller
3 Min

Das Überraschendste an der Bestellung Joseph Liebermans zum demokratischen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten ist die Überraschung selbst. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten, dass ein Jude für dieses Amt vorgeschlagen wird. Und dass dies erst jetzt geschieht, erscheint so unwahrscheinlich, dass es nicht nur überrascht, sondern geradezu verblüfft. Denn kaum eine Gemeinde engagiert sich traditionell derart stark in der amerikanischen Politik wie die jüdische. Das manifestiert sich allein in den Namen jüdischer Politiker, die in den vergangenen Jahrzehnten zu höchsten Ämtern gelangten. Henry Kissinger war Außenminister unter Richard Nixon, Madeleine Albright und Richard Cohen sind Außen- bzw. Verteidigungsminister unter Bill Clinton, und Alan Greenspan dirigiert als Notenbankchef die größte nationale Wirtschaft der Welt. Er wurde von dem Republikaner Reagan berufen und von dem Demokraten Clinton übernommen. Wenn sich die Amerikaner in Nahost um ein Friedensabkommen bemühen oder sich für die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern einsetzen, dann wird dies als Resultat der effizienten jüdischen Lobbyarbeit gewertet - sei es im Kongress, im Weißen Haus, in der Finanzwelt oder durch Bürgerinitiativen. Mit einer derart regen politischen Beteiligung jüdischer Gruppen sollte die Kandidatur eines jüdischen Bürgers für die Vizepräsidentschaft eigentlich natürlich sein. Sie ist es aber nicht. Was Lieberman von Kissinger, Greenspan und Albright unterscheidet, ist, dass er nicht vom Präsidenten für den Posten ernannt, sondern vom Volk ins Amt gewählt werden würde. Und in der Bevölkerung sieht man bislang die überkommene Rolle der jüdischen Gemeinde in der amerikanischen Politik anders als im Establishment Washingtons. Die Rolle der ReligionAm Montag um 18 Uhr, also etwas mehr als sechs Stunden nach der Bestellung Liebermans zum Kandidaten für das Amt des Vize-Präsidenten, waren in einem Online Chatroom 14 000 Mitteilungen eingegangen. Die Hälfte der E-Mails und virtuell geführten Gespräche hatten antisemitischen Inhalt. Zum Vergleich: Als der Republikaner George Bush vor zwei Wochen seinen Vize Richard Cheney benannte, gingen auf der selben Netzseite lediglich 2 000 Zuschriften ein. Für die protestantischen Fundamentalisten ist der strenggläubige Jude Lieberman eine ebenso große Herausforderung wie 1961 der Katholik John F. Kennedy. Kennedy waren damals Gewissenskonflikte vorgeworfen worden wegen seiner Gehorsamspflicht gegenüber dem Papst. Als strenggläubiger Jude weigert sich Lieberman, am Sabbath Elektrizität zu nutzen oder Auto zu fahren. Ob es Fundamentalisten oder Antisemiten überzeugt, dass Lieberman bereit ist, für wichtige Entscheidungen am Sabbath trotzdem zu Fuß in sein Büro zu laufen, ist fraglich. Nach den Überlegungen von Al Gore ist es allerdings auch unerheblich. Die Wähler, die aus ethnischen, religiösen oder schlicht rassistischen Gründen keinen Juden im Weißen Haus haben wollen, zählen ohnehin nicht zu der Zielgruppe der Demokraten. Lieberman war in seiner Arbeit als Senator konservativ genug, um die konservativen Wähler der Demokraten zu überzeugen. Durch seinen Status als Vertreter einer Minderheit kann er sich mit Allianzen die Sympathien anderer Minderheiten sichern. Damit hätte Al Gore sein Versprechen wahr gemacht, einen Minderheiten-Vertreter als Vizepräsidenten zu nehmen. Da ist es kein Schaden, dass wiederum kein Latino und auch kein Schwarzer die Gunst des Präsidentschaftskandidaten fand.

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