Jürgen Chrobog hat mit der Jemen-Reise nichts falsch gemacht - vor allem hat er nicht auf Grass gehört

Willkommen in Abrahams Schoß

Christian Bommarius
3 Min

Wären Jürgen Chrobog und seine Familie daheim geblieben und hätten sich - wie es der gute alte Brauch verlangt - vom Kerzenlicht des heimischen Weihnachtsbaums bescheinen lassen, dann wären sie nicht im Jemen entführt worden. Hätte der erfahrene, erst kürzlich pensionierte Diplomat sich an seine eigenen - sofort nach Bekanntwerden seiner Entführung in etlichen Medien hämisch zitierten - Worte gehalten, wonach derjenige das Risiko kennen müsse, der sich auf Auslandsreisen in Gefahr begebe, dann hätte es den Geiselfall Chrobog niemals geben dürfen. Nur auf den ersten Blick sind die Behauptungen so trivial wie die Erkenntnis, der Anbruch der Abenddämmerung pflege Dunkelheit zur Folge zu haben. Was sie von dem physikalischen Theorem unterscheidet, ist erstens der Ton des Tadels, in dem sie vorgetragen, und zweitens die ungesicherte Tatsachenbasis, auf der sie erhoben werden.Anders als Tausende deutsche Touristen, die Urlaub mit potenziellem Selbstmord und Unbefangenheit mit dem Heldenmut des Stümpers verwechseln, anders auch als Susanne Osthoff, die die Lebensrisiken im Irak vorsätzlich hinzunehmen scheint, zählt Chrobog Vernunft und Sicherheit zu seinen Begleitern. Von Reisen in den Jemen hat das Auswärtige Amt keineswegs abgeraten, sondern folgenden Sicherheitshinweis veröffentlicht: "Es wird empfohlen, Reisen im Jemen immer durch eine Reiseagentur organisieren zu lassen oder in Kooperation mit erfahrenen jemenitischen Partnern zu unternehmen. Von Einzelreisen durch das Land wird dringend abgeraten ..." Soweit bekannt, war Chrobog auf Einladung der jemenitischen Regierung im Land unterwegs, wie empfohlen, reiste die Familie unter der Obhut einer jemenitischen Agentur, und der Autokonvoi wurde von Soldaten begleitet. Es dürfte nicht viele deutsche Weltenbummler geben, die ihr subjektives Sicherheitsgefühl derart mit objektiven Umständen begründen können.Viele gibt es nicht, aber einen hat es in den vergangenen Jahren gegeben, der den Jemen noch beschützter bereiste: "Der Staatspräsident stellt die Karosse, man reist mit einem Tross von Sicherheitsbeamten, mit Bus und 16 weiteren Fahrzeugen. Ein Polizeiauto vorn, eines am Ende des Konvois, Sirenen, Hupen, dazu Soldaten in offenen Jeeps, die die Kreuzungen und Zufahrtsstraßen sichern. Privatautos werden zur Seite gedrängt, der Konvoi donnert wie ein Zug durchs leere Land." Mit diesen Worten beschrieb ein Autor der Zeit den ersten Jemen-Besuch des deutschen Großschriftstellers und Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass im Dezember 2001. Er fühle sich, gab Grass seinerzeit zu Protokoll, im Jemen "so sicher wie in Abrahams Schoß", und geißelte bei der Gelegenheit die deutschen Memmen, die nicht den Mut fänden, gleich ihm den Schoß zu besuchen: "Schande über diejenigen, die nicht das bisschen Zivilcourage aufbringen, dieses wundervolle Land zu bereisen." Vielleicht liegt das daran, dass die Präsidentenlimousine zumeist ausgebucht ist, vielleicht aber lag es auch daran, was die Publizistin Daniela Dahn unmittelbar nach der Reise mit Grass zu berichten hatte: "Zwei Wochen später wird einer unserer couragiertesten und sachkundigsten Gesprächspartner erschossen: Jarallah Omar." Einen Tag nach Omar waren von dem demselben islamistischen Täterkreis drei baptistische Ärzte aus den USA erschossen worden. Zwei Jahre später war Grass dann in Abrahams Schoß zurückgekehrt und versicherte dem inzwischen schon nicht mehr staunenden Publikum abermals: "Ich fühle mich so sicher wie in Abrahams Schoß."Nicht nur was die Sicherheit betrifft, auch mit seiner Großmäuligkeit und Ignoranz hat Grass den Diplomaten Chrobog bei weitem hinter sich gelassen.

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