Der Andrang bei Jürgen Klinsmann war gewaltig: Gleich vier Wachleute spielten den Beschützer für den Weltmeister, damit das Ergattern von Autogrammen und Selfies im „German House of Soccer“ in New York nicht so chaotische Züge annahm wie beim Besuch von Rudi Völler. Der in Kalifornien beheimatete Schwabe erfüllte artig fast alle Wünsche. Der 61-Jährige sprach vorher und nachher als Botschafter der Einrichtung über alle möglichen WM-Themen.
Herr Klinsmann, Sie waren bei der WM 2006 Teamchef der deutschen Nationalmannschaft, haben dann auch das US-Team bei der WM 2010 betreut. Wem drücken Sie jetzt.
Ich bin halb und halb. ‚Finger crossed, USA also!‘ Aber mir ist wichtiger, dass Deutsche und Amerikaner voneinander lernen können. Die USA sind ein Land der Extreme, politisch sowieso. Amerika ist ein Land von Immigranten, ich bin ja auch einer. Ich würde mir wünschen, dass alle dem anderen wieder ein bisschen mehr zuhören, um das eigene Mindset zu bereichern.
Donald Trump hatte die großartigste WM aller Zeiten versprochen. Ist es die bisher?
Ich war nicht in allen Stadien. Ich schaue viele Spiele auch im Fernsehen an, aber ich denke, es ist bis jetzt wirklich eine tolle WM. Ich habe jetzt keine Superlative, sondern ich finde es einfach klasse, dass die Gastgeberländer richtig gut drauf sind. Kanada, Mexiko und auch die USA. Das hilft dem Turnier ungemein. Und spannend ist die ältere Generation mit Cristiano Ronaldo, Lionel Messi, auch Manuel Neuer, sie sind fast alle 40. Dagegen die junge Generation mit Lamine Yamal, Jamal Musiala oder Florian Wirtz.
Wie gefällt Ihnen die deutsche Mannschaft vor dem dritten Gruppenspiel gegen Ecuador (25. Juni, 22 Uhr MESZ)?
Also ich bin wirklich happy mit der Mannschaft. Und glücklich, dass so viele Fans in die USA gekommen sind. Das haben wir ja leider nicht in Katar und auch nicht in Russland gesehen. Das ist ganz, ganz wichtig. Wenn wir von außen draufschauen, dann kommen die Spieler gut miteinander aus, die haben Lust auf Fußball und wenn sie die beibehalten, dann können sie auch weit kommen.
Denis Undav: Von dem deutschen WM-Dreifachtorschützen vom VfB Stuttgart ist Jürgen Klinsmann begeistert.
© Bahho Kara/imago
Sollte Deniz Undav jetzt beginnen?
Ich mag den Deniz ungemein, weil er bei einem guten Klub spielt (lacht). Ich bin natürlich ein Fan einer echten Nummer neun. Der Kerl will natürlich unbedingt von Anfang an spielen. Wenn er von der Bank kommt, dann hoffen wir wieder, dass er gleich ein Tor macht. Das ist eine Win-Win-Situation für Julian Nagelsmann. Wenn er nicht anfängt, muss er es halt respektieren.
Bei der WM 2006 stand Deutschland gegen Ecuador auch schon als Gruppenerster fest. Spielt der Zweite der Südamerika-Qualifikation nicht unter seinen Möglichkeiten?
Das kann man schon so sagen, dass sie sich unter Wert verkauft haben. Beide Spiele haben sie eigentlich gut gespielt. Vor allem das zweite Spiel hatten sie 35, 40 Torschüsse. Wahnsinn. Nein, es ist eine Mannschaft, die Deutschland auf jeden Fall schlagen kann.
Wie weit kann es gehen?
Die deutsche Mannschaft kann mit allen mithalten – sie wird ihre eigene Geschichte schreiben. Es wird ein langes Turnier. Ich schätze mal, da werden bis zum Endspiel, wenn wir da hinkommen, mit Sicherheit zwei Elfmeterschießen mit dabei sein.
Wer ist ihr Favorit?
Wir als Deutsche hoffen, dass wir im Finale gegen England stehen werden. Die Engländer hoffen auch, denn sie haben eine fantastische Mannschaft. Spanien, Frankreich haben eine Menge Qualität. Argentinien hat in Katar gewonnen – da gibt es vielleicht jemand anders. Mein persönlicher Favorit ist Brasilien, denn ich habe Brasilien in Katar gesehen. Da sind sie im Viertelfinale gegen Kroatien sehr unglücklich im Elfmeterschießen ausgeschieden. Und Neymar war bis zu diesem Zeitpunkt der beste Spieler des Turniers. Dann ging er nach Saudi-Arabien und zog sich einen Kreuzbandriss zu. Bis heute hat er mit Verletzungen zu kämpfen.
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Den Rekordweltmeister sehen viele kritisch.
Ich glaube, bei Brasilien gibt es etwas, worauf wir achten müssen, denn sie haben zum ersten Mal überhaupt einen ausländischen Coach: Mit Carlo Ancelotti haben sie einen der drei besten Trainer der Welt verpflichtet, und sie werden sich langsam ins Turnier einfinden. Ich bin also gespannt, würde aber keine Wette darauf abschließen. (lacht)
Sie arbeiten auch in der Technical Study Group der Fifa mit. Was können Sie da bereits verraten?
Es gibt da definitiv einen taktischen Trend: Wir haben wieder mehr Schüsse von außerhalb des Strafraums als in Katar. Man sieht, dass die Passgeschwindigkeit, um in den Strafraum zu gelangen, sehr hoch ist. Aber erst nach 104 Spielen kann man das Ganze wirklich analysieren und sagen: Okay, das ist es, worauf ihr Trainer abzielt.
Ihr Sturmkollege Rudi Völler hat viel früher gesagt, es gibt keine Kleinen mehr. Selbst mit 48 Teilnehmern hat das Gültigkeit, oder?
Es ist interessant zu sehen, dass die sogenannten kleineren Nationen in den letzten Jahren gelernt haben, wie man verteidigt. Man knackt Curaçao nicht so leicht, man schlägt Kap Verde nicht so leicht. Man muss viel Arbeit investieren, weil sie beobachten und übernehmen, was die größeren Mannschaften machen.
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