Die Steine sind nur grob behauen. In kleinen Kammern liegen sie auf Sandboden gebettet. Die Bastion Königin in der Zitadelle beherbergt wertvolle Zeugnisse jüdischer Geschichte. Mehr als sechzig Grabsteine aus dem Mittelalter werden dort aufbewahrt. Am Dienstag Nachmittag konnten sie besichtigt werden.Ulrich Steinke leitet die Jugendgeschichtswerkstatt im Bezirk. Er führte die Besucher am Dienstag durch die Wehrgänge des Renaissance-Bauwerks und erläuterte Bedeutung und Geschichte der Steine. Die Grabmäler tragen vier bis fünf Zeilen lange hebräische Inschriften. "Unter diesem Stein befindet sich das Grab von Jehoschua, Sohn des Schmuel", lautet die Übersetzung für einen Schriftzug. Auf einem anderen Stein steht: "Rischka, Tochter des Rabbiners Mordechai, ging 1348 in ihre Welt". Nachnamen habe es damals noch nicht gegeben, sagt Steinke. Diese seien erst im 19. Jahrhundert eingeführt worden.Friedhof als SteinbruchDie Grabmäler aus den Jahren 1244 bis 1510 sind Zeugnisse der Verfolgung jüdischer Mitbürger. Etliche Gedenksteine sind beschädigt, manche weisen den Bestatteten als "Märtyrer" aus, als Menschen, der auf Grund seines Glaubens getötet wurde. Um 1510 wurden Juden im Havelland ausgeplündert und vertrieben. Der Friedhof im Stadtteil Klosterfelde diente damals als Steinbruch für den Ausbau der Zitadelle. Dies gilt im jüdischen Glauben als besonderes Sakrileg, weil Friedhöfe als ewiger Besitz der Bestatteten betrachtet werden. Die in der Bastion Königin ausgestellten Grabsteine waren alle Teil der Zitadellenmauern. "Als ich 1976 in Spandau anfing, wurden die ersten Steine aus den Mauern des Palas herausgelöst", sagte Steinke. Das grobe Äußere der Steine hält der Historiker für typisch für diese Region. "Die Kunst der Steinmetze war an der Havel nicht so weit entwickelt wie am Rhein, wo der römische Einfluss wirkte", sagt Steinke. Nach Auskunft des Werkstattleiters war das Delta, in dem Spree und Havel ineinander übergehen, im Mittelalter ein wichtiger Handelsumschlagsplatz.Die Bastion ist für Besucher normalerweise geschlossen, weil das Stadtgeschichtliche Museum nicht genug Personal hat, um die Räume für Besichtigungen durchgängig offen zu halten. Doch Ulrich Steinke, ermutigt durch das Interesse an der Sammlung, sucht schon einen Termin für eine weitere öffentliche Führung im Januar. Er will künftig von der neben der Bastion Königin ansässigen Jugendgeschichtswerkstatt aus wenigstens einmal im Monat eine solche Begehung organisieren.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]